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Comic-Klassiker:Eleganz und Silhouette

Bilder vom neuen 25. Band der Blake & Mortimer Comic-Serie "Das Tal der Unsterblichen", Carlsen Verlag

Eine Seite aus „Das Tal der Unsterblichen“, dem 25. Band von „Blake und Mortimer“.

(Foto: © 2018 Éditions Blake & Mortimer)

Ein Gespräch mit Yves Sente, dem Autor von "Blake und Mortimer", über den neuen Band, die Kunst der ligne claire und "Tim und Struppi".

In Frankreich und Belgien sind die Comichelden Blake und Mortimer so bekannt wie in Deutschland Donald Duck oder Tim und Struppi. Jedes neue Heft ist ein Ereignis. Anders als als Hergés "Tim und Struppi" wurde die Serie, deren Protagonisten der Atomphysiker Professor Mortimer sowie Hauptmann Blake sind, der Chef des britischen Geheimdienstes MI5, nach dem Tod ihres belgischen Schöpfers Edgar P. Jacobs im Jahr 1987 unter der Obhut wechselnder Zeichnerteams weitergeführt. Seit 2014 schreibt der heute 56-jährige belgische Texter Yves Sente die neuen Abenteuer Blake und Mortimers. Im Hamburger Carlsen-Verlag erschienen zuletzt nicht nur der 752-seitige Band "Gesammelte Abenteuer" mit allen von Jacobs selbst gezeichneten Folgen, sondern auch der mittlerweile 25. Band der Serie, das von Sente und den Zeichnern Teun Berserik und Peter van Dongen verfasste Abenteuer "Das Tal der Unsterblichen".

SZ: Monsieur Sente, anders als in Deutschland sind Ihre Comichelden Blake und Mortimer in Frankreich und Belgien so etwas wie Popstars. In welcher Größenordnung muss man sich diese Prominenz eigentlich von hier aus vorstellen?

Yves Sente: Nun, in Frankreich, wo auch Erwachsene Comics lesen, werden von jedem Band von "Blake und Mortimer" mindestens 200 000 Exemplare verkauft. "Das Testament des William S." lief 2017 besser als jedes Buch. Der französischsprachige Comic-Markt ist ein Bestseller-Geschäft mit allem, was dazugehört: Erfolgsdruck, Aufmerksamkeit, Anerkennung.

Behandelt man die Zeichner und Texter von Comics in Belgien und Frankreich besser als in anderen Ländern?

Die Belgier sind auf jeden Fall sehr stolz auf Hergé, auf Jacobs, auf den "Gaston"-, "Marsupilami"- und "Spirou und Fantasio"-Schöpfer André Franquin, oder auf Peyo, der die Schlümpfe erfunden hat.

Das sind erstaunlich viele Comic-Genies für ein so kleines Land wie Belgien.

Allerdings sind ihre Figuren die eigentlichen Stars. Auch auf Dinnerpartys in Brüssel muss ich erst verraten, dass ich "Blake und Mortimer" schreibe, damit sich Leute für mich interessieren. Ich werde selten ins Fernsehen eingeladen oder von Zeitungen interviewt. Das ist mir aber ganz recht, ich erlebe einen Superstarkult hautnah, werde aber selbst nicht behelligt davon.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Starqualitäten von Blake und Mortimer?

Sie sind beide hartgesotten und stehen doch ganz im Leben. Sie sind Helden, mit denen man sich identifizieren kann, nicht irgendwelche Marvel-Superhelden. Mortimer ist Atomphysiker. Er ist kultiviert, gut aussehend und liebt das schöne Leben. Er raucht Pfeife und trinkt schottischen Whisky. Blake ist ein Offizier des MI5 und lebt als Mann des Militärs nach strengen Regeln. Zugleich ist er Aristokrat, walisischer Adel. Ihre Freundschaft währt schon lange, und beide sind unzertrennlich.

Müssen Comichelden auf Schablonen reduzierbar sein?

Eine gute Comicfigur erkennen Sie stets an ihrer Silhouette. Und es tut jedem Comichelden gut, wenn auch der Charakter nicht zu komplex ist. Vor allem aber sind Blake und Mortimer Edgar P. Jacobs Geschöpfe. Wir können sie nicht einfach verändern.

Die Geschichten haben Sie aber sehr wohl heutigen Lesegewohnheiten angepasst.

Absolut! Würde ich die alten Abenteuer von Blake und Mortimer heute als junger Leser entdecken, wäre mir vielleicht das Innenleben der Protagonisten etwas unterkomplex. Außerdem sind aus heutiger Sicht einige ihrer Spezialwaffen veraltet. Als Jacobs die Serie 1946 in Hergés Tintin-Magazin zu veröffentlichen begann, war der Zweite Weltkrieg noch nicht lange vorbei, und es gab viele ungeschriebene Regeln: keine Vulgarität, keine Nacktheit, keine überharte Gewalt, aber auch keine allzu existenziellen Grübeleien. Zensiert zu werden, konnte sich Jacobs schlicht nicht leisten, also ging er Kompromisse ein, die ich heute nicht mehr machen muss.

Als Sie die Serie Ende der Neunziger übernahmen, begannen Sie, das Vakuum zu füllen: Sie ließen die beiden handeln wie immer, aber dichteten Jugenderinnerungen, Biografien und psychologische Erklärungen ihres Handelns hinzu. Was hätte Jacobs davon gehalten?

Das ist natürlich schwer zu sagen, aber wir haben nicht einfach ins Blaue fabuliert, sondern die Notizen verwendet, die Jacobs in seinen Memoiren selbst niedergeschrieben, aber nie in die eigenen Abenteuer eingearbeitet hatte, etwa, wie sich Blake und Mortimer in ihrer Jugend in Indien kennengelernt haben.

Wie haben die Leser auf Ihre Kurskorrektur reagiert?

Sie waren begeistert. Die Kritiker übrigens auch. Es ging ihnen offenbar wie uns: Sie wollten mehr über die beiden erfahren.

Im neuen Abenteuer "Das Tal der Unsterblichen" reisen Blake und Mortimer nach Hongkong. Wie erfahren Sie selbst mehr über die beiden?

Am Anfang steht immer ein Berg von Notizen, die ich zu sortieren versuche. Ich wollte alles über das Hongkong von 1949 erfahren, also die Zeit, die direkt nach den Ereignissen von "Der Kampf um die Welt" stattfindet. Ich habe mich als Fan immer gefragt: Wie entkamen sie der Schlussszene, um dann Jahre später "Das Geheimnis der großen Pyramide" zu lösen.

Wie kamen Sie auf Hongkong?

Der Verleger fand die Vorstellung sofort gut. Blake und Mortimer waren noch nie in China gewesen. Und das China der 40er-Jahre ist sehr interessant und faszinierend. Viel kann da passieren. Ich liebe diese Art von Zeitreisen in eine Welt, die langsamer, fokussierter und vielleicht auch existenzialistischer war als unsere heutige schnelllebige, abgelenkte Gegenwart. Alles erscheint schöner - die Häuser, die Autos, die Kleidung. Ich ertappe mich hin und wieder dabei, selbst lieber wieder in der Vergangenheit leben zu wollen. Ich liebe Tim und Struppis Abenteuer "Der blaue Lotus". Beide Serien sind sich sehr ähnlich, auch wenn die eine Serie eher humorvoll ist und die andere realistischer. Aber in beiden Serien erleben Abenteurer Abenteuer.

Blake und Mortimer sind Tim und Struppi in erwachsen, oder?

Ja, absolut. Und ich sage Ihnen eines: Wenn ich im Universum von Edgar P. Jacobs keine Referenz zu einer Idee finde, blättere ich in den Abenteuern von Tim und Struppi. Taucht diese Referenz dort tatsächlich auf, weiß ich, dass ich mich in der richtigen Gedankenwelt bewege.

Haben Sie 2011 Steven Spielbergs "Tim und Struppi"-Verfilmung gesehen?

Selbstverständlich! Ich mochte seine Liebe zu den Details. Auch wenn es für mein Empfinden in den Straßenszenen zu viel Autoverkehr gibt für die damalige Zeit. Mir gefiel vor allem, wie Tims Apartment von Spielberg zum Leben erweckt wurde.

Es gibt in den "Tim und Struppi"-Comics nur sehr wenige Einzelbilder, in denen seine Wohnung von innen zu sehen ist.

Eben, wir wissen eigentlich gar nicht, wie Tim lebt. Aber Spielberg wollte in den Geist und in die Seele von Tim eindringen und richtete ihm ein eigenes Apartment ein, das Struppi dann verwüsten darf.

Sie ahnen vermutlich den Hintergrund der Spielberg-Frage: Wird es eines Tages denn auch endlich einen "Blake und Mortimer"-Film geben?

Seit 30 Jahren kommen und gehen Produzenten, die sich die Filmrechte für "Das gelbe M" sichern, um dann doch zu scheitern. Es scheint nicht leicht zu sein, eine Finanzierung für dieses Projekt zu bekommen.

Spielbergs "Tim und Struppi"-Verfilmung kostete 130 Millionen Dollar.

Richtig, und ich sehe nicht, wie man "Blake und Mortimer" günstiger realisieren will. Allein die Special Effects und die Kostüme werden Unsummen verschlingen. Ich sage daher: Entweder ein richtig guter Film — oder gar keiner. Das ist übrigens das Grandiose am Comic: Sie können eine verlorene Welt sehr anschaulich wiederauferstehen lassen, ohne erst mal Abermillionen investieren zu müssen.

Yves Sente: Das Tal der Unsterblichen. Blake & Mortimer, Band 22. Aus dem Französischen von Harald Sachse. Carlsen, Hamburg 2019. 64 Seiten, 12 Euro.