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Comedy:Oliver Polaks neues Programm

Oliver Polak
(Foto: Sascha Hilgers)

Von JAN JEKAL

Er werde keine Witze mehr über den Holocaust machen, sagt Oliver Polak - und nutzt diese Ansage als Hinleitung zu einem Witz über den Holocaust. Donnerstagabend im Heimathafen in Berlin, "der einzige lebende deutschjüdische Komiker" spielt zum ersten Mal sein neues Programm "Der Endgegner", und so beginnt er den Witz von der Anne-Frank-App, welche die besten Verstecke Europas anzeige. Sowieso hatte er schon eine Gemeinsamkeit von Hitler und Ryanair ("Du kriegst dein Gepäck nicht wieder") etabliert; die Behauptung, der Holocaust sei für ihn tabu, hatte er bereits widerlegt. Polak, dessen letztes Jahr bei Suhrkamp erschienenes autobiografisches Buch "Gegen Judenhass" weit über die Comedyszene hinaus rezipiert wurde, konfrontiert so, als Kind von Opfern, die Nachfahren von Tätern mit deren Taten. Einen antirassistischen Monolog, in dem er auf Pointen verzichtet, beschließt er mit der Frage, und da zeigt er mit dem Finger ins Publikum: "Wie viel Terrorismus steckt in dir?"

Zuvor hatte Atze Schröder, der eigentlich große Hallen füllt, hier als Freundschaftsdienst den crowd warmer gegeben. Im direkten Vergleich zu Schröder treten Polaks Qualitäten umso deutlicher hervor. Während Schröder die Witze reißt, zu denen Annegret Kramp-Karrenbauer beim Karneval nicht mehr gekommen ist (in etwa: "Heute trinken alle laktosefreie Milch!"), haben Polaks ähnlich schematische Witze einen abgründigen Twist. Sein Früher/Heute-Lamento handelt davon, dass sich Terroristen früher noch richtig Mühe gegeben hätten, Flugunterricht und so weiter, die heutigen würden nur noch Lastwagen kapern.

Polak geht Atze Schröders Selbstgefälligkeit genauso ab wie dessen pornografischer Humor. Auch bei ihm wird penetriert, aber entweder in transgressiven Exkursen - Sodomie und Pädophilie sind Leitmotive - oder aber Polak ist der Penetrierte. Wie während dieser besonders heftigen Szene, in der er sich pantomimisch ausmalt, was ein übellauniger Arzt an einem schlechten Tag mit seinem auf dem Operationstisch aufgebahrten, betäubten Körper anstellen könnte. An einem Punkt fordert Polak, der übrigens nicht auf der Bühne steht, sondern vor der ersten Stuhlreihe hin und her tigert, das Publikum auf, ihm Tabuthemen zu nennen, über die man auf keinen Fall lachen könne. Welche es in Polaks Weltbild natürlich nicht gibt, da sind nicht Witze über den Holocaust schlimm, sondern da ist der Holocaust schlimm, und Witze über den Holocaust ermöglichen es, in einer Welt zu leben, in der es den Holocaust geben konnte. Den Abend beschließt er mit einer freien Adaption von John Miles' "Music": "To live without my Witze would be impossible to do/ In this world of troubles, my Witze pull me through."

© SZ vom 09.03.2019
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