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Aktivismus-Projekt:Sie kommen nicht als Kolonisierer

Das britische DJ-Duo Coldcut und südafrikanische Musiker haben sich zusammengetan und eine Kollaboration auf Augenhöhe geschaffen. Mehr als das: "Keleketla!" ist die bisher raffinierteste Kampfmusik für unsere Gegenwart.

Von Jonathan Fischer

Keleketla

Grandiose Gästeliste aus Südafrika und London: Keleketla! und Coldcut.

(Foto: Keleketla)

Keleketla! bedeutet in der südafrikanischen Sepedi-Sprache so viel wie "ich höre". "Keleketla!" antworten die Zuhörer den Eröffnungen eines traditionellen Geschichtenerzählers, eine Beschwörungsformel, die über das Spiel von Ruf und Antwort eine Gemeinschaft herstellt. Wenn nun das für elektronischen Flow berüchtigte britische DJ-Duo Coldcut ein Projekt auf diesen unhandlichen Namen tauft, dann muss einige Ruf-und-Antwort-Energie zwischen Mikrofonen, Mixer und Laptops geflossen sein. Und zwar dort, wo das Wort herkommt: In Südafrika, genauer gesagt im Laden einer Kunst- und Bürgerinitiative in Soweto, an einem Ort also, der gemeinhin mit einem der größten und konfliktbeladensten Ghettos des globalen Südens gleichgesetzt wird.

Tatsächlich waren es die südafrikanischen Aktivisten, die sich die Londoner Musiker holten und nicht umgekehrt. Die Keleketla Arts Initiative aus Johannesburg hatte die beiden britischen DJs als Wunschpartner auserkoren, um ein Album für die britische Charity "In Place of War" einzuspielen. Und Coldcut ergriffen ihre Chance. Schließlich hat sich das Verhältnis zwischen westlichem Pop und afrikanischer Musik längst gedreht. Nicht die Afrikaner brauchen Nachhilfe aus dem Westen. Die Stars aus Europa und Amerika suchen hier ihren Jungbrunnen. Da befinden sich Coldcut mit Damon Albarn, Robert Plant oder Doctor L in guter Gesellschaft.

Was die kommerzielle Zugkraft solcher Projekte betrifft, sind die Namen aus dem Westen dann doch wichtig. Coldcut hatten bereits seit den Achtzigerjahren mit Sample-Orgien und Remixen Furore gemacht. Afrodiasporische Musik zwischen Reggae, Funk, Hip-Hop und Jungle lieferte die Zutaten. Vor allem aber hatten die beiden DJs immer ein Ohr für genreübergreifende Synergien. Da gab es bezaubernde Flöten und arabische Gesangssamples auf ihrem Remix von Eric B und Rakims "Paid In Full". Oder Verschneidungen von jamaikanischen Bässen, technoiden Rhythmen und Soul-Vocals, die sie auf ihrem ureigenen Ninjatune-Label pflegen.

"Freedom Groove", das könnte alternativ auch der Name des ganzen Projektes sein

Die Gastgeber aus Soweto wussten, warum sie sich Coldcut ins Boot holten. Südafrika hat einen Reichtum musikalischer Traditionen zu bieten, von warmen Chorgesängen über melodischen Jazz bis zu lokalen House- und Elektro-Versionen. Und die Briten würden nicht als Kolonisierer kommen. Vielmehr atmet das ganze Projekt den Geist einer aufrichtigen Kollaboration. Bei der Musikerauswahl berieten die südafrikanischen Avantgarde-Label-Betreiber Mushroom Hour Half Hour. Und niemals drängen sich elektronische Ego-Trips in den Vordergrund. Nein, es sind die Stimmen der afrikanischen und afrodiasporischen Musiker, die die Musik wesentlich prägen. Sie singen in ihren Muttersprachen und teilen sich die Songwriting-Credits. Einen ähnlichen Ansatz hatte bereits Damon Albarn mit seinem Africa-Express-Projekt in Johannesburg verfolgt. Nur holt Keleketla! noch weiter aus. Auf die Ursprungsaufnahmen in Soweto im Jahre 2017 folgten zwei Jahre lang weitere Sessions in London, bis 2020 endlich der letzte Beat, der letzte Overdub abgemischt war.

Überlang mutet auch die Liste der Gastmusiker an. Doch wenn man das Album Song für Song durchhört, stimmt die Besetzung punktgenau. Und zwar nicht nur was die musikalischen Einzelteile angeht. Sondern auch für die alles überwölbende Keleketla!-Botschaft. Coldcut haben da politisches Gespür bewiesen. So luden sie einige Veteranen der Message Music hinzu, unter anderem Fela Kutis einstigen Keyboarder Dele Sosimi und dessen Schlagzeuger und Bandleader Tony Allen. Auf fünf von neun Tracks bringt der im April verstorbene Allen seinen unwiderstehlich synkopierten Afrobeat ins Spiel. Dazu rappen die Hip-Hop-Urahnen der Watts Prophets befeuert von den Bläsern von Antibalas aus Brooklyn. "Freedom Groove", das könnte alternativ auch der Name des ganzen Projektes sein. Dazu kommen südafrikanische Legenden wie Bassist Thabang Tabane, der neben dem Kapstädter Elektro-DJ Mabheko die Grundlage für die Improvisationen junger Londoner Jazzer von Joe Armon-Jones bis Shabaka Hutchings legt.

Drei Jahre des Zuhörens, Bewertens, Umschichtens und Kombinierens stecken in dem Projekt

Ebenso historisch aufgeladen sind einige der Songtitel: "Future Toyi Toyi" bezieht sich auf einen gestampften Tanz, der einst als Zeichen des Widerstands die Anti-Apartheids-Proteste befeuerte. Tony Allens gummiballartige Beats wirbeln da Flöten- und Gitarren-Sprengsel mit sich, während das südafrikanische Hip-Hop-Kollektiv Soundz of the South traditionelle Kampfslogans chantet: "Forward with the struggle!" Immer wieder sind es Allens rollende, schnurrende, von Synkope zu Synkope federnde und dabei immer leicht variierende Perkussionsschleifen, die zusammenbinden, was sonst in ein halbes Dutzend Genres und Erdteile auseinanderfallen würde. Etwa in "Papua Merdeka". Michael Kiwanukas Gitarrist Miles James untermalt da neben der südafrikanischen Kernband die klagenden Stimmen der Lani Singers und die Spoken Word Einlagen des Politaktivisten Benny Wenda zur Befreiung des von Indonesien annektierten West-Papua.

Die Kanten aber setzt die Elektronik von Coldcut. Die Briten verstehen es, die akustischen Parts raffiniert mit ihren elektronischen Tiefstbässen zu konterkarieren, unschuldig klingende Folkgesänge mit technoiden Dub-Effekten aufzurüsten.

Könnte "Keleketla!" die Blaupause für zukünftige Nord-Süd-Kooperationen abgeben? Wenn man so viel Soul und Leidenschaft investiert wie Coldcut: Unbedingt! Drei Jahre des Zuhörens, Bewertens, Umschichtens und Kombinierens stecken in dem Projekt. Manchmal erstickt so viel Sorgfalt die Spontaneität. "Keleketla!" aber hat zwischen den staubigen Straßen Sowetos und dem Londoner Studio nichts von seiner Frische eingebüßt. Weltmusik ist ja als Begriff schon länger diskreditiert. Coldcut allerdings sind von jeder Wohlfühl-Exotik weit entfernt. Im Gegenteil: "Keleketla!" liefert die bisher raffinierteste Kampfmusik für unsere Gegenwart.

© SZ vom 03.08.2020/tmh
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