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Claire Bretécher ist tot:Die Pionierin

Exposition les états d'art de la BD à la Fondation Coprim

Mit knappen, treffenden Strichen charakterisierte sie ihre Figuren: Claire Bretécher.

(Foto: Gamma-Rapho/Getty Images)

Comics waren lange eine Domäne der Männer. Sie behauptete sich darin, indem sie von Frauenalltag erzählte. Jetzt ist die Comic-Künstlerin Claire Bretécher gestorben.

Manchmal genügen wenige Wörter, um die Stimmung, die für eine Zeit typisch war, wieder aufzurufen. Denkt man an die Siebziger des letzten Jahrhunderts, fällt einem gleich die "Frustration" ein. Zuvor eher ein Mauerblümchen im Reich der Sprache, erfreute sich der Begriff nach 1968 zunehmender, zuvor undenkbarer Popularität. Der massive Psychologisierungsschub, der die westeuropäischen Gesellschaften damals erfasste, ging damit einher, dass viele der "Progressiven" - ebenfalls ein Modewort dieser Zeit - eine empfindliche Kluft zwischen ihren hochfliegenden, ideologisch aufgeladenen Träumen und der Wirklichkeit konstatieren mussten.

Die Mischung aus Empathie, Scharfsinn und Bosheit lässt ihre Comics immer noch frisch wirken

Sich "frustriert" oder als "Frustie" zu fühlen, dafür gab es zahllose Anlässe, und viele von ihnen hat die französische Comic-Zeichnerin Claire Bretécher in ihrer Chronik "Les frustrés", die zwischen 1973 und 1981 erschien, festgehalten. Da versucht etwa ein kühner Revolutionär, zwei Prostituierte, die in Ruhe anschaffen wollen, von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Situation aus "einer marxistisch-leninistischen Perspektive" zu betrachten. Die beiden Damen fragen ihn aber nur kühl, warum er denn am hellen Nachmittag auf der Straße herumhängen könne, statt bei der Arbeit zu sein: "Wetten, dass sich deine Kleine inzwischen krummlegt, damit du denken kannst? Stimmt's?" Ja, es stimmt. Mit hängenden Schultern steht der Agitator da, bevor er im wütenden Abgang noch den Macho, der in ihm steckt, ungehemmt herauslässt: "Diese Weiber sind im Grund genauso bekloppt wie die anderen."

Wer heute "Les frustrés" liest, hat das Gefühl, in eine Zeitmaschine zu steigen. Aber die rare Mischung aus Empathie, Scharfsinn und einer leichten Dosis Bosheit, die Bretécher zu eigen war, lässt diesen Comic immer noch frisch wirken; seine humoristische Wirkung hat sich nicht abgenutzt. Beeindruckend ist auch nach wie vor, wie Bretécher ihren Weg ging, völlig unbeirrt von den wechselnden Trends der französischen Comic-Szene. Ihre One-Pager zeichnete sie lange nur in Schwarzweiß. Auf Hintergründe verzichtete sie gerne; die Seitenaufteilung bestand meistens aus vier Reihen gleich großer Panels. Mit knappen, treffenden Strichen charakterisierte sie ihre Figuren, die sich am liebsten ausgiebig räsonierend und mit hängenden Schultern auf Sitzkissen, Restaurantstühlen oder breiten Couches herumlümmeln.

Und nicht zu vergessen: Bretécher war eine Pionierin. Auch im französischsprachigen Raum war das Schreiben und Zeichnen von Comics lange eine Männerdomäne; unter den Frauen, die als erste in sie eindrangen, war Bretécher sicherlich die begabteste und wichtigste. Feministin war sie gewiss - was sie freilich nicht daran hinderte, die Schwächen und Lebenslügen des eigenen Geschlechts ebenfalls unbarmherzig zu markieren. Ihr Einfluss auf die deutsche Comic-Szene blieb überschaubar. Aber weder Chlodwig Poth ("Mein progressiver Alltag") noch Franziska Becker ("Mein feministischer Alltag") noch die Szene-Porträts des frühen Ralf König ("SchwulComix") sind ohne ihr Vorbild denkbar.

Ihre Karriere begann Bretécher, die, in Nantes geboren, jung nach Paris zog, in einem klassischen Umfeld. Sie zeichnete Illustrationen für die katholische Jugendpresse, lieferte, zum Teil in Zusammenarbeit mit René Goscinny, dem Schöpfer von "Asterix", Beiträge für die Comic-Magazine Spirou, Tintin und Pilote. "Les frustrés" erschien dann wöchentlich in Le Nouvel Observateur, einem französischen Pendant des Spiegel. Die Sammelbände der Serie brachte Bretécher erfolgreich im Eigenverlag heraus - Pionierin auch hier.

Von ihren Arbeiten nach "Les frustrés" sind "Agrippina", eine Serie über einen etwas verpeilten Teenager, und "Die eilige Heilige", ein frecher Comic über die heilige Teresa von Avila, hervorzuheben. Im Alter von 79 Jahren ist Claire Bretécher gestern verstorben, eine der europäischen Größen ihrer Zunft.

© SZ vom 12.02.2020
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