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China:Teigige Tage

Ruth Fend: Wok 'n' Roll. Wie ich kochen lernen wollte und China entdeckte. Aufbau Verlag, Berlin 2015. 302 Seiten, 16,95 Euro.

Die Journalistin Ruth Fend lernt China als Korrespondentin kennen, indem sie über Politik und Wirtschaft berichtet. Nachdem ihre Zeitung eingestellt wird, unternimmt sie eine Abschiedstour durch etliche Provinzen.

Von Stefan Fischer

Eigentlich hat Ruth Fend unentwegt etwas auszusetzen: an sich, weil sie ungeduldig ist und ihrer Auffassung nach nicht schnell genug lernt. An ihren chinesischen Gastgebern, die ihr letztlich doch nicht beibringen, was sie gerne können würde. Und oft auch an den Speisen, die ihr serviert werden - weil es andere sind, als sie gerade gerne hätte, oder weil sie ihre hochstehenden Erwartungen an sagenumwobene Spezialitäten nicht erfüllen. Die Journalistin hat als Korrespondentin für die Financial Times Deutschland in China gearbeitet. Als diese Ende 2012 eingestellt wurde, ihr Visum jedoch gerade erst verlängert worden war, beschloss Ruth Fend, noch eine Weile im Land zu bleiben - und chinesisch kochen zu lernen.

Es ist wohl eher bei dem Versuch geblieben: "Viele, zu viele der abgeschauten Gerichte habe ich noch nicht selbst gemacht. Mein ganzes Halbwissen manifestiert sich in einem wilden Zettelwust und verschwommenen Handyfotos", schreibt sie selbstanklagend - nach etlichen Wochen und einer ganzen Reihe von Reisen, die sie bis dahin bereits durch diverse Provinzen unternommen hatte für ihr ehrgeiziges Kochprojekt. Das ist aber - zumindest für Leser ihres Reiseberichts "Wok 'n' Roll" - unerheblich. Viel wichtiger ist, dass sie als neugierige Beobachterin viel zu erzählen hat über Ess- und Kochgewohnheiten und über die regionalen Unterschiede. Zum Beispiel hat China auch seinen Weißwurst-Äquator: Es ist die Reis-Weizen-Grenze zwischen Süd- und Nordchina.

Ein Land und seine Menschen kennenzulernen, indem man sich bevorzugt in Küchen aufhält, ist eine clevere Strategie. Der Mensch ist, was er isst. Und weil Fend sich ihre Lehrmeister auf zwei, drei Tage über Couchsurfing-Plattformen sucht und über ein Netzwerk aus Freunden und Bekannten, ist sie ganz schnell Teil von deren Privatleben. So lernt sie von Nudel-Wu, Fish, Mancy und all den anderen vor allem etwas über deren Pläne und Ansichten. Auffallend ist, wie viele der Kochbekanntschaften sich in einer Sackgasse wähnen. Die rasanten Umbrüche im Land lösen offenbar bei vielen, auch den gut Ausgebildeten, Unsicherheit aus. Am Wok sind sie jedoch ganz bei sich.

© SZ vom 21.05.2015

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