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Causa Siegfried Mauser:Kein glücklicher Moment

Vom Vorwort zur Festschrift für den als Sexualtäter verurteilten Musikwissenschaftler Siegfried Mauser gibt es jetzt doch eine gewisse Distanzierung - von den Herausgebern sowie, schärfer, vom Komponisten Helmut Lachenmann.

Für großen Ärger hat die eben erschienene Festschrift zum 65. Geburtstag des Pianisten und Musikwissenschaftlers Siegfried Mauser gesorgt. Im Vorwort verharmlosen die Herausgeber Susanne Popp, Dieter Borchmeyer und Wolfram Steinbeck die Taten des ehemaligen Leiters der Münchner Musikhochschule, für die er vom Bundesgerichtshof wegen sexueller Nötigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Nachdem Ende vergangener Woche die Leitung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste nach langem Zögern endlich den "Opfern des Herrn Mauser" ihr Bedauern aussprach und sich von der Festschrift distanzierte, haben sich jetzt die drei Herausgeber des Buchs zu Wort gemeldet, wohl auch um Schaden von ihren 35 Autoren abzuwenden. Sie teilen mit, dass das "vor vielen Monaten konzipierte Geleitwort" ausschließlich in ihrer Verantwortung liege. Der Mehrzahl der Autoren sei es bis zur Veröffentlichung nicht bekannt gewesen. Weiter räumen sie ein, dass das Buch, seit Jahren vorbereitet, so kurz nach der abschließenden Gerichtsentscheidung in keinem glücklichen Moment erscheine. Sie hätten zu keinem Zeitpunkt das Urteil in Frage gestellt, das aber "mitnichten einen Ausschluss Siegfried Mausers aus der kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Gemeinschaft, ja ein förmliches Berufsverbot" impliziere.

Ebenfalls zu Wort gemeldet hat sich einer der berühmtesten Autoren der Festschrift, der Komponist Helmut Lachenmann. Mauser sei ein alter Freund von ihm, der sich zu seinem Entsetzen schwer vergangen habe und nun dafür rechtskräftig bestraft werde, schreibt Lachenmann. "Aber das setzt Mausers Verdienste um die Kunst in dieser Spaß- und Spießgesellschaft für mich nicht herab." Er versuche, das voneinander zu trennen, "so wie ich auf höherem Niveau Richard Wagners Antisemitismus verachte und zugleich sein Schaffen verehre".

Das Vorwort zur Festschrift kannte er vorab nicht. "Ich sehe mich und die übrigen Beitragenden durch diese für mich schwer nachzuvollziehende Hymne fahrlässig instrumentalisiert", so Lachenmann. Sein Beitrag zur Feschrift ist eine Partiturseite seiner letzten Orchesterkomposition nebst Geburtstagsgruß. Was Mauser seinen Anklägerinnen angetan hat, lasse sich durch keine Genugtuung über seine Bestrafung mehr aus der Welt schaffen, schreibt Lachenmann weiter. "Aber bei aller Abscheu sehe ich in ihm zugleich die kaputt gestrafte, ruinierte Kreatur und habe keine Lust, weitere Steine auf ihn zu werfen oder mich am kollektiv selbstgerechten Liebesentzug zu beteiligen." Dass das Erscheinen der Festschrift mit der Verurteilung zusammenfällt, sei natürlich eine groteske Koinzidenz. "Da hat der Delinquent halt so was wie ,Glück' gehabt. Es sei ihm gegönnt."