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California Noir:Finstere Kinderherzen

Wiederzuentdecken: Die Schriftstellerin Jean Stafford.

(Foto: Gemeinfrei)

Ein Geschwisterpaar stellt sich gegen die Welt: Jean Staffords Roman "Die Berglöwin" von 1947 in einer attraktiven Neuübersetzung.

Molly Fawcett ist das, was man in früheren Zeiten "ein schwieriges Kind" nannte. Mollys Denken und Handeln liegen außerhalb aller vermeintlich kindlichen Kategorien. Die Mutter, so heißt es gleich zu Beginn von Jean Staffords Roman, fürchtet die kalte Entschlossenheit, mit der Molly und ihr zwei Jahre älterer Bruder Ralph der Welt gegenübertreten.

In diesen Kinderherzen ist es finster. Als Molly einmal von ihrem Bruder gekränkt wird, geht sie in den Gartenschuppen, entkorkt eine Flasche mit Säure und übergießt ihre Hand damit. Zu ihrer Mutter sagt sie Sätze wie, "Ich glaube nicht an das Glück." Da ist sie gerade einmal elf Jahre alt. Als sie eine Schreibmaschine benötigt, um ihre literarischen Ambitionen voranzutreiben, schreibt sie dem amerikanischen Präsidenten Herbert Hoover einen Brief (was den Handlungszeitraum des Romans auf die Jahre zwischen 1929 und 1933 eingrenzt). Die Erwachsenen reagieren auf die beiden im Wortsinn nicht fassbaren Kinder mit Wut oder mit hilflosen Floskeln. Das Universum der beiden Geschwister, das Jean Stafford in all seinen psychologischen Verwinkelungen entworfen hat, unterliegt unausgesprochenen Gesetzen.

Jean Stafford ist eine heute kaum noch bekannte Figur der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren 1915 in Covina, Kalifornien, jenem Ort, an dem auch Ralph, Molly und ihre beiden älteren Schwestern in "Die Berglöwin" aufwachsen, hat Stafford ein Leben voller Zerrissenheit und Katastrophen geführt: Ein enger Freund erschoss sich vor ihren Augen, Stafford selbst neigte früh zu übermäßigem Alkoholkonsum, führte mehrere desaströse Ehen und starb 1979 als bis zum Ende exzessive Raucherin und Trinkerin.

Staffords 1947 erschienener Roman "Die Berglöwin" wurde von der Kritik gefeiert, verkaufte sich jedoch schlecht. Auch die deutsche Übersetzung fand im Jahr 1958 kaum Resonanz. Nun hat der auf Wiederentdeckungen spezialisierte Dörlemann-Verlag den Roman in einer bestens zu lesenden Neuübersetzung von Adelheid und Jürgen Dormagen publiziert, und es zeigt sich, dass es eine auf produktive Weise verwirrende Lektüre ist.

Man glaubt diese beiden zu kennen und stellt doch fest: man weiß nichts über sie

"Die Berglöwin" sprengt die vertrauten Muster von Kindheits- und Coming-of-Age-Erzählungen: Zum einen fehlen jegliche Anklänge von Idylle und nostalgischer Heimeligkeit. Zum anderen stiftet die ständig ab- und zunehmende Distanz zwischen Erzählstimme und Figuren kalkuliert Verwirrung. Oft glaubt man, man sei ganz dicht dran an diesen beiden Kindern, um im nächsten Augenblick zu erkennen, dass man gar nichts über sie weiß.

Molly und Ralph, zu Beginn des Romans acht und zehn Jahre alt, sind aneinander gekettet durch eine frisch überstandene Scharlacherkrankung, ihre körperlichen Defizite, ihr ständiges Nasenbluten. Aber sie sind auch verbunden durch ihre Abscheu gegen ihre Umwelt. Zugleich aber zeigt Jean Stafford das Binnenverhältnis der beiden Geschwister als ein permanentes Flackern zwischen Bewunderung, Ehrfurcht, Konkurrenz und Wut. Der Vater der Kinder ist noch vor Mollys Geburt gestorben, die Mutter behandelt ihre beiden Jüngeren mit einer Mischung aus Überfürsorglichkeit und Desinteresse, während die beiden auf gesellschaftlichen Status bedachten älteren Schwestern Leah und Rachel mit Hochmut auf sie herabschauen.

So starr das äußere Handlungsgerüst zumindest im ersten Drittel des Romans wirkt, so dynamisch verändern sich die Aggressionsanlässe und Konfliktlinien der Familie. Die Grundkonstellation des Romans - zwei Systemsprenger in einem materiell abgesicherten Umfeld - gerät in Bewegung, als Mollys und Ralphs Großvater, der Stiefvater ihrer Mutter, bei seinem jährlichen Routinebesuch umfällt und stirbt. Die Mutter gibt Molly und Ralph mit Bedenken ihre Erlaubnis, ihren Onkel Claude für einen Sommer auf dessen Farm in den Bergen von Colorado zu besuchen. Es werden vier Sommer und schließlich, als die Mutter mit Leah und Rachel zu einer großen Reise aufbricht, ein ganzes Jahr.

Unausgesprochen, nur gespiegelt in der wachsenden Wildheit der Geschwister, beginnt ihr Erwachsenwerden, und es zeigt sich: Molly ist kein verletzliches, enttäuschtes Mädchen. Was sie zu dem macht, was sie ist, liegt in ihrem Wesen und ist anlasslos. Molly und Ralph sind als eigenständige Charaktere differenziert gezeichnet, in ihren Handlungsmotivationen bleiben sie durchweg unberechenbar.

Es sind nicht der Plot oder eine spektakuläre Handlung, die "Die Berglöwin" zu einer so lohnenswerten Lektüre machen. Die Spannung des Romans liegt, neben der starken Beschreibung imposanter Landschaften, im ständigen Wechselspiel von Anziehung und Ablehnung, das Jean Stafford inszeniert. Die Kindheit ist für Molly und Ralph niemals ein Schutzraum gewesen. Im Älterwerden kann sich ihr Hass gegen die Konventionen der Erwachsenenwelt aber auch gegeneinander richten. Die dem Roman seinen Titel gebende Berglöwin ist ein aus Staffords früher Erwachsenenzeit positiv besetztes Glückssymbol. Dass die Autorin dieses Symbol am Ende für einen so überraschenden wie erschreckenden Showdown einsetzt, spricht für ihre Radikalität.

Jean Stafford: Die Berglöwin. Roman. Aus dem Englischen von Adelheid und Jürgen Dormagen. Dörlemann Verlag, Zürich 2020. 352 S., 25 Euro.

© SZ vom 08.06.2020

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