Briefe Zum Glück eine Biertrinkerin

Gute Regie ist besser als Treue: Gottfried Benns Briefe an seine letzte Geliebte Gerda Pfau.

Von Helmut Böttiger

Schon seit geraumer Zeit weiß man, worauf es hinauslief, wenn Gottfried Benn eine junge Dame scheinbar harmlos zum Eisessen einlud. Der 1956 im Alter von 70 Jahren gestorbene "Magier", wie er sich manchmal in einem Anflug von Selbstironie kennzeichnete, war in den letzten Jahren seines Lebens so etwas wie der angesagte deutsche Dichterfürst. Als ein Nebeneffekt flogen ihm erstaunlich viele Frauenherzen zu - obwohl ihn frühere Geliebte wie etwa Mopsa Sternheim einen "Eisklotz mit hängenden Lidern" nannten oder von einem "bösen, dicken Scheusal" sprachen.

Derlei biografische Kapriolen sind seit jeher Gegenstand boulevardesker Neugierde. Aber es ist natürlich auch für die Benn-Forschung von Gewinn, wenn jetzt ein neues Partikelchen zu diesem Thema hinzukommt. Benn hatte in seinen letzten Lebensmonaten, seit ungefähr Mitte 1955, eine bisher unbekannte Affäre mit der 30 Jahre jüngeren Journalistin Gerda Pfau. Es gibt 30 Dokumente Benns, die dies zumindest atmosphärisch belegen, darunter 17 kürzere bis ganz kurze Briefe, den Rest bilden Postkarten und Telegramme.

Von Pfau dagegen (der Name gab Benn Anlass, den entsprechenden Vogel als Assoziationshorizont einzusetzen) existiert keine einzige schriftliche Notiz. Sie achtete sehr darauf, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Seit Ende 1945 arbeitete Gerda Pfau beim Westberliner Tagesspiegel, zunächst im Feuilleton, dann lange als Redakteurin für Erziehungs- und Kirchenfragen - ihr Spitzname dort lautete "Himmelstaube". Erst nach ihrem Tod, so war die Abmachung, durfte ihr Vertrauter Uwe Lehmann-Brauns Benns Briefe an sie herausgeben. Und so erfährt man jetzt, dass Gerda Pfau, die häufig Filmkritiken schrieb, bei den entsprechenden Vorführungen gelegentlich von Gottfried Benn begleitet wurde - zum Beispiel bei "Ich denke oft an Piroschka", einem Smashhit der Fünfziger im typischen Vergeblichkeits-Schmalz-Stil. Ob die Rezension, die Pfau schrieb, von der Anwesenheit Benns beeinflusst war? Wer dafür nach Belegen sucht, wird sicher fündig. Benns artistische Lust am Trivialen machte ihn zu einem virtuosen Vorläufer der späteren Popkultur.

Naturgemäß gibt es in diesen kurz hingeworfenen Texten Benns nichts Sensationelles oder Schlüpfriges zu entdecken. Benns Form erotischer Anbahnungen ist inzwischen sattsam bekannt (hier: "Ohne Ihre morgendliche Aufstehstunde stören zu wollen, erlaube ich mir doch, hiermit an Sie zu denken"). Bereits bewährt waren auch ärztliche Ratschläge: "Frl. Pfau hat keine Wanderniere. Eher eine schlechte Schilddrüse! Sie muss mehr essen!" Und kokette eifersüchtige Regungen, wenn die Feuilletonistin nicht gleich ans Telefon zu bekommen ist, wirken auch schon ziemlich routiniert: "Sie sind doch eine umschwärmte junge Frau, wie kann ich annehmen, dass Sie mir einen Nachmittag opfern!" Da hat es etwas von einem geheimen Triumph, wenn er in seiner Stammkneipe "Dramburg" für seine Begleiterin auf einen Rezeptzettel kritzelt: "Gerda Erica Pfau ist gottseidank eine Biertrinkerin!"

In Benns Tagesnotizen heißt es am 14. Dezember 1955: "Bis halb zwölf, Frl. Pfau mit Whiskey"

Das meiste wurde am Telefon besprochen, und das Zentrum des Verhältnisses bildete eh Pfaus Wohnung in der Reichsstraße. In Benns Tagesnotizen, die er in seiner schwer zu entziffernden Schrift stakkatoartig in kleinen Kladden festhielt, taucht Gerda Pfau im betreffenden Zeitraum 49-mal auf, zum Beispiel am 14. Dezember 1955: "Bis halb zwölf, Frl. Pfau mit Whiskey". Recht kokett wirken in Benns Briefen seine Wechsel zwischen "Sie" und "Du".

Aber grundsätzlich ist diese Art des Mann-Frau-Verhältnisses ("Liebes Gerdachen") doch so sehr den Fünfzigerjahren verhaftet, dass es verfehlt wäre, im Agieren Pfaus eine Vorform emanzipatorischer Bestrebungen zu suchen. Benns Gestus kaltschnäuziger Frauenverachtung steht ohnehin auf einem ganz anderen Blatt, da liegt mehr als nur eine Zeitenwende dazwischen. Für Benns Biografen ist die Konstellation dennoch interessant. Als der Dichter Gerda Pfau ins Visier nahm, hatte er sich gerade von Ursula Ziebarth getrennt. Mit der selbstbewussten Journalistin Pfau blieb ihm noch ein gutes halbes Jahr, bis ihm seine tödliche Krankheit immer mehr zusetzte. Das Verhältnis war beiderseits so gekonnt inszeniert (Benns Motto: "Gute Regie ist besser als Treue!"), dass sogar Benns Ehefrau Ilse die junge Freundin kennenlernen und mit ihr vertraut sein konnte, ohne sexuelle Implikationen zu ahnen.

Da Benns Texte nur geringen Raum einnehmen, hat Lehmann-Brauns, lange kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Senat, eigene Versuche zum Thema beigesteuert. Allerdings ist er erkennbar kein Essayist. Er teilt gern Lesefrüchte mit, das allgemeine Phänomen der "Liebe" erhellt er durch Zitate von Imre Kertész und Rolf Hochhuth. Letzterer wird in seiner Bedeutung öfter hervorgehoben, was den Niederungen der Berliner Amtsgeschäfte geschuldet sein dürfte. Immerhin ist das Ganze im Kreuzberger Verbrecher-Verlag erschienen, der sich ansonsten eher anarchisch gibt, und so ist das Bändchen gleich in mehrerer Hinsicht recht apart.

Uwe Lehmann-Brauns: Benns letzte Lieben. Mit Originalbriefen von Gottfried Benn. Verbrecher Verlag, Berlin 2019. 111 Seiten, 24 Euro.