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Briefe auf Oxford:Liebe blöde Kaderschmiede

Dear Oxbridge

Nele Pollatschek: Dear Oxbridge. Liebesbrief an England. Galiani Berlin Verlag, Berlin 2020. 240 Seiten, 16 Euro.

Die meritokratische Lüge: Nele Pollatschek porträtiert das System Oxbridge.

Im Juli 2019 erschien in der London Review of Books ein Essay des Literaturkritikers James Wood, in dem er sich schaudernd an seine Mitschüler am Eliteinternat Eton erinnerte. Der Artikel liest sich wie eine Führung durch das Gruselkabinett des Brexit. Dem jungen David Cameron bescheinigt Wood gekonntes "Abfedern von Anspruchsdenken durch Charme", Jacob Rees-Mogg sei vom Moment seiner Ankunft an berüchtigt gewesen, "weil er niemals jung wirkte", und Boris Johnson habe sich schon damals als leicht wahnsinnig anmutender Chaot mit "stümperhaftem Selbstvertrauen" geriert.

Alle drei - Cameron, Rees-Mogg und Johnson - studierten später in Oxford. Glaubt man Wood, brachten sie vornehmlich zwei Eigenschaften dorthin mit: erstens die in Eton erlernte Nostalgie für das britische Empire - und zweitens die tiefe Überzeugung von ihrer eigenen Effortless Superiority, ihrer mühelosen Überlegenheit. Von Begegnungen mit ähnlichen Lichtgestalten berichtet Nele Pollatschek in ihrem lesenswerten "Liebesbrief an England". Sieben Jahre hat die im Jahr 1988 in Berlin geborene Anglistin an den beiden Universitäten verbracht, deren Namenskreuzung Oxbridge stets auch politische Macht signalisiert; mehr als drei Viertel der britischen Premierminister haben dort studiert. Während ihrer Promotion in Oxford wird Pollatschek von einem Studenten angegraben, der sie, offenbar mangels eigener Persönlichkeit, damit beeindrucken will, dass seinem Vater der berühmte Londoner Marquee Club gehöre. In Cambridge, wo Pollatschek ein Jahr als Heidelberger Austauschstudentin verbringt, wird sie Ohrenzeugin einer Witzelei zwischen einem Politikstudenten und seinen Freunden: "Komm, wir spielen sozialer Wohnungsbau. George ist eine alleinerziehende Mutter und wir sind seine fünf Kinder. Du kannst der Alki-Vater sein."

Diese britische, vor allem aber englische "Illusion der Leistungsgesellschaft", wie die Autorin sie kürzlich in einem Beitrag für Zeit Online nannte, führt zu der spöttelnden Grundhaltung, die seit Margaret Thatcher (auch sie eine Oxford-Alumna) die konservative Politik dominiert. Nach ihr sind arme Menschen nie sozial benachteiligt, sondern haben - anders als man selbst, der man es ja aus vermeintlich eigener Kraft nach Oxbridge geschafft hat - einfach nicht hart genug gearbeitet. Dass Pollatschek diese Denkweise strukturell nachvollziehbar analysiert, ohne sie selbst im Geringsten zu teilen, macht die Stärke ihrer Elitenkritik aus.

Oxford und Campbridge sind echte Orte mit echten Menschen

Oxbridge sei vielmehr "ein Sozialstaat im Staat - nur einer, der so gut funktioniert, dass er ironischerweise Menschen hervorbringt, die die Notwendigkeit eines Sozialstaates gar nicht mehr erkennen können". Menschen wie Boris Johnson. Wer in Cambridge oder Oxford studiert, fährt automatisch mit Stützrädern, ob er es merkt oder nicht. James Wood hat es in seinem Essay so formuliert: "Privilegiertheit ist wie eine ungeschriebene Verfassung: Man kann nicht verlieren, was man nie suchen musste."

Für Pollatschek ist folglich auch nicht das Privileg problematisch, sondern die Blindheit derjenigen, die es besitzen. Dennoch ist ihr Buch keine Abrechnung mit einem defekten System, es ist vielmehr eine Hommage an zwei Orte, an denen ihr Lehrer, Kommilitonen und Universitätsangestellte mit ungemein intellektueller Großzügigkeit begegnen. Das "eigentliche Oxbridge", schreibt sie, sei eines voller Kindness, einer Freundlichkeit, die das "Gegenteil von 'Dienst nach Vorschrift'" ist. Das werde gerade im Vergleich zu den deutschen Massenstudiengängen deutlich, wenn man sich etwa statt in einem überquellenden Heidelberger Seminar plötzlich im wöchentlichen Oxforder oder Cambridger Einzelunterricht wiederfinde. Der Rezensent, der in Tübingen und Cambridge studiert hat, teilt diesen Eindruck.

In der deutschen Wahrnehmung gilt Oxbridge dennoch hauptsächlich als Tweed-, Debattier- und Portwein-Dystopie. Warum? Es ist, kurzum, schlicht unterhaltsamer, es sich als hermetisch-sinistre Geheimgesellschaft vorzustellen, wie jüngst Takis Würger in seinem Roman "Der Club" (2017). Neben anderen, teils klassenfetischhaften Verkürzungen, heißt es da: "Es gibt nur zwei Arten von Menschen in Cambridge. Die einen sind absurd reich, die anderen versuchen, reicher zu wirken, als sie sind." Das liest sich schnittig und passt ins Sozialthriller-Genre, entspricht aber nicht der komplexeren Realität, die Pollatschek schildert. Würger zeigt den Schatten, Pollatschek auch das zugehörige Licht.

Ihr anekdotenreiches Buch trägt weder die rosarote Brille der frisch Verliebten noch die Sonnenbrille der Effortless Superiority. Sie erkennt vielmehr Oxford und Cambridge "als echte Orte voller echter Menschen, von denen die allermeisten nicht Premierminister werden. Viele von ihnen sind nicht reich, viele von ihnen sind gerade dabei, sich massiv zu verschulden. (...) Viele von ihnen sind Ausländer, für die der Brexit eine Katastrophe ist." Die Lektüre beschließt man mit dem Wunsch, dass Oxbridge diese Katastrophe überstehen möge. Nur bitte ohne die meritokratische Lüge, die manche Absolventen verbreiten.

© SZ vom 24.02.2020
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