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Brecht-Festival in Augsburg:Glotz nicht wie im Stadttheater

Pressefotos "Å vejk / Schwejk"

Armins Petras’ Schwejk (Tomáš Milostný) und Brecht, reinkarniert von Eva Salzmannová.

(Foto: Jan-PIeter Fuhr/Staatstheater Augsburg)

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zeigen beim Augsburger Brecht-Festival, wie man in Zukunft mit dem Dichter, Denker, Dramatiker umgehen könnte.

Ach Brecht! Seit 2010 arbeitet sich seine Geburtsstadt Augsburg jährlich um seinen Geburtstag herum an ihm ab. Seit es das Brecht-Festival gibt, wird über dessen Form oder gar Existenz diskutiert, von der Stadt, der Politik und dem Stadt-, inzwischen Staatstheater. Das war schon so, bevor es das Festival selbst gab und Albert Ostermaier in Augsburg ein Literaturfest initiiert hatte. In der weiteren Folge prunkte das Brecht-Festival vor allem mit hochbesetzten Gastspielen plus Produktionen der örtlichen Theater, was in diesem Jahr ähnlich, aber doch ganz anders war.

In diesem Jahr leiteten das Festival Tom Kühnel und Jürgen Kuttner. Der eine ist ein feiner Theatermacher, der andere ein Volksbühnen-gestählter Geist, frei im Kopf sind sie beide. Vor Jahren haben sie zusammen Heiner Müllers "Der Auftrag" am Schauspiel Hannover inszeniert; die weit gereiste Aufführung mit Corinna Harfouch feierte ihre Dernière in Augsburg - das einzige Hochglanzgastspiel in einem gleißenden Brecht-Panoptikum.

Denn Kühnel und Kuttner setzen ins Zentrum ihres Programms zwei sehr lange Spektakel-Abende, an denen das Publikum durch den Martini-Park, das Ausweichquartier des seit Langem in Renovierung befindlichen Staatstheaters, gescheucht wird. Hierfür baten sie eine Fülle von Theatermenschen um Beiträge, halfen konkret bei der Auswahl der Texte. Bei den Aufführungen selbst geht es dann nicht um Schauwert, vielmehr um oft sehr persönliche Auseinandersetzungen mit Brechts Werk oder dessen Derivaten. Das ist großartig, weil man so in entlegene Winkel des Brecht'schen Kosmos geführt wird, wo es oft viel spannender zugeht als in den kanonisierten Stücken - den Stadttheater-Brecht kennt man eh.

Den örtlichen Beiträgen, ob vom Staatstheater selbst oder etwa vom St.-Stephan-Gymnasium, wohnt in Lehrstücken oder biografischen Exkursen eine gewisse Historizität inne. Eine Spannung entsteht zwischen dem Theatermonument Brecht, auf dem seit Jahrzehnten die Tauben sitzen, und dem, was der Dichter, Denker, Dramatiker uns heute noch sagen könnte. Das kann dann bedeuten, dass die wundervolle Schauspielerin Hanna Hilsdorf wie eine grantige Fee zusammen mit der Band Goshawk Brechts "Kriegsfibel" als krassen Aufschrei interpretiert, Eislers Musik zu reinem Punk und jedem "Schlächterclown" eines jeden Krieges gnadenlose Wut entgegengeschleudert wird.

Es entstehen unverschmockte Berichte vom Abarbeiten an Brecht heute

Überhaupt geht es in diesen Tagen viel um Krieg und die Utopie, in der es ihn nicht geben müsste. Dazu trägt das Staatstheater selbst bei, Armin Petras inszeniert den "Schwejk" als Triptychon, bestehend aus Brechts Farce eines Stücks, Jaroslv Hašeks Roman und einem neu geschriebenen Text von Petra Hůlová - alles zweisprachig, denn die Aufführung ist eine Koproduktion zwischen dem Staatstheater Augsburg und den Städtischen Bühnen Prag.

Das klingt aufregend, das Ergebnis ist es leider nicht. Von Brecht bleiben ein paar Briefe, ein Wirtshausschild und die Songs übrig, vor allem das "Lied vom Weib des Nazisoldaten", das man in diesen Tagen wiederholt und in völlig verschiedenen Varianten hört. Was Hašek betrifft, begibt sich Petras auf biografische Spurensuche, recht vage, aber mit hübschen, versponnenen Filmchen. Aber bitte Genauigkeit bei der Historie: Hašek trank nicht 14 Liter Bier am Tag, er schaffte 35 Halbe!

Hůlovás Text ist ein Nachdenken darüber, wie heute ein Schwejk aussehen könnte. Das ist eine herrliche Idee: Wie wäre denn heute einer, der ein System, das Kriege hervorbringt, durch anarchischen Stoizismus zu Fall bringt? Brecht war ja selbst so ein Schwejk, als er in den USA vor dem McCarthy-Ausschuss herumhampelte. Doch Petras macht daraus eine extrem unlustige, tölpelhafte, klischeeüberladene Casting-Show ohne jeden Geist.

Daraus flieht man zu Punk, Techno und Charly Hübner. Der trägt den "Herrnburger Bericht" vor, einen in Ost und West ungeliebten Text über die Kuriosität, dass 1950 zehntausend friedensbewegten West-jugendlichen bei der Rückkehr von einem Jugendtreffen in Ostberlin die Einreise in die Westzone verwehrt wurde. Es ging damals um Frieden, und das war so sehr ein Anliegen wie heute "Fridays for Future". Hübner mischt seine Ostsozialisation bei, Melancholie weht herein. Gleichzeitig ackert sich auf anderer Bühne Martin Wuttke durch René Polleschs Weiterdenken angewandter Theatertheorie ("Schnittchenkauf") oder singt Lars Eidinger aus der "Hauspostille". Alles Momente, die für das Festival entstanden, unverschmockte Werkstattberichte vom Abarbeiten an Brecht heute. So kann es weitergehen mit dem Brecht-Festival.

© SZ vom 24.02.2020
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