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Biografie:Mit Dutschke reden

Demokratie bedeutete für ihn Konflikt, und Konflikt bedeutete Freiheit: Franziska Meifort erzählt das Leben des großen Liberalen und Soziologen Ralf Dahrendorf, in dessen Biografie sich die alte Bundesrepublik spiegelt.

Das Foto ist eine Ikone: Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke diskutieren, umringt von einer Menschenmenge, auf dem Dach eines Pkws während des Bundesparteitags der FDP im Januar 1968 vor der Stadthalle in Freiburg. Auf Druck des Parteivorstands hatten die Jungdemokraten am Vorabend eine Podiumsdiskussion mit Dahrendorf und Dutschke abgesagt. Vor der Stadthalle hatten sich nun 2000 Studenten versammelt, um gegen den Vietnamkrieg und die Freidemokraten zu protestieren, unter ihnen Dutschke. Walter Scheel soll Dahrendorf gedroht haben: "Wenn Sie da rausgehen, ist ihre politische Karriere heute zu Ende." Vergeblich - der angehende Politiker ließ sich auf das Wortduell mit dem charismatischen Aktivisten ein, eine Sternstunde der streitbaren Demokratie. Dahrendorf scheute die Diskussion nicht, weil er über ein demokratisches Selbstbewusstsein verfügte, weil er von der gesellschaftlichen Notwendigkeit von Konflikten überzeugt war und weil ihn seine Vergangenheit im NS-Widerstand zusätzlich legitimierte.

Er spielte viele Rollen, aber jede als öffentlicher Intellektueller, als "moderner Hofnarr"

Ralf Dahrendorf (1929 - 2009) war einer der bedeutendsten Intellektuellen der alten Bundesrepublik. Nun ist von Franziska Meifort eine Biografie erschienen - eine Dissertation, publiziert beim renommierten Publikumsverlag C.H. Beck. Das ist ein ungewöhnlicher Vorgang, der den Mut dieser wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit belohnt. Meifort hat Dahrendorfs Selbstzeugnisse und autobiografischen Texte mit eigenen Funden und Interpretationen konfrontiert und nicht selten korrigiert. Neben der freundlichen Distanz zu ihrem Helden überzeugt das Buch durch Umsicht, Gründlichkeit und Lesbarkeit.

Es präsentiert Dahrendorf in sechs Lebensabschnitten und in sechs Rollen: Zunächst das 1929 geborene und gebrannte Kind der Diktaturen, das folgerichtig ein Liberaler wurde. Dann das "Wunderkind der deutschen Soziologie", das vor Selbstbewusstsein strotzte und überall einen bleibenden Eindruck hinterließ. Anschließend der öffentliche Professor und Bildungsreformer, der plante, beriet, gründete und sich dann regelmäßig vom Acker machte, wenn es Blockaden gab oder langweilig wurde. Danach der Politiker, der sich als brillanter Senkrechtstarter zeigte, an der sozial-liberalen Wende mitwirkte, aber an den Mühen der Ebenen scheiterte. Weiter der Direktor der London School of Economics, der nicht nur britischer Staatsbürger, sondern auch Teil des britischen Establishments wurde. Schließlich der "Lord Dahrendorf", der wie die meisten alten Männer immer konservativer dachte, nun Wirtschaftsunternehmen "beriet" und in der "heilen Welt" des Schwarzwalds seine Beziehung zu Deutschland erneuerte.

Viele Rollen spielte Dahrendorf also in seinem Leben, aber jede Rolle als öffentlicher Intellektueller - oder als "moderner Hofnarr", wie Dahrendorf in einem Moment der Selbstironie einmal meinte. Und diese Profession als Intellektueller entschied, mit welchem Erfolg er die jeweilige Rolle ausfüllte. Denn ein öffentlicher Intellektueller ist als Staatssekretär oder Kommissar einer europäischen Behörde eine eher unglückliche Besetzung. "Wer seine Rolle nicht spielt, wird bestraft", schrieb Dahrendorf selbst in einem soziologischen Essay über den Begriff der sozialen Rolle.

Rudi Dutschke spricht mit Ralf Dahrendorf, 1968

Freiburg 1968: Am Rande des FDP-Parteitags lauscht Ralf Dahrendorf den Fragen Rudi Dutschkes.

(Foto: SZ Photo/AP)

Mittels der sechs Lebensabschnitte verschafft Meifort Einblicke in sechs verschiedene Kontexte mit unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Diskursen und intellektuellen Auseinandersetzungen. Vor allem verdeutlicht ihr historischer Blick die Abhängigkeit eines Lebenslaufes von der großen Geschichte. Wer beispielsweise wie Dahrendorf als junger studierender Erwachsener mit journalistischen Ambitionen um 1950 in die Welt reisen konnte, besuchte Amerika, Italien, Holland und Dänemark. Wäre er bloß zehn Jahre älter gewesen, hätte er um 1940 herum seine Reisen als Wehrmachtssoldat gemacht. Oder: Während sein Vater Gustav mit ähnlichen Grundüberzeugungen Sozialdemokrat wurde, entschied sich der Sohn für eine sozial-liberale Richtung. Bewusstsein ist durchaus zeitabhängig, auch bei den großen Denkern. Man lernt umgekehrt von Dahrendorfs Biografie, dass die Politik Ende der Sechzigerjahre der Gesellschaft hinterherhinkte - Anfang der 1950er-Jahre war es noch umgekehrt gewesen.

Der wichtigste Ort in Dahrendorfs beruflichem Leben war sicherlich die London School of Economics, wo er Anfang der Fünfzigerjahre studierte und deren Direktor er 1974 wurde. Dort begann seine Liebe zu England, dort orientierte er sich wissenschaftlich von der Philologie in Richtung Soziologie um und dort lernte er sein intellektuelles Vorbild Karl Popper kennen. Das spannendste Buchkapitel ist das der Jahre von 1954 bis 1960, das tiefe Einblicke in die deutsche Soziologie ermöglicht, unter anderem in das Frankfurter Institut für Sozialforschung, dessen Betriebsklima Dahrendorf als autoritär-hierarchisch empfand.

Als der aus London geholte und neu eingestellte Assistent in die laufenden Forschungsarbeiten eingespannt werden sollte, kündigte er umgehend. Nicht so sehr unterschiedliche Auffassungen von Soziologie oder gar politische Differenzen beendeten die kurze Zusammenarbeit, vielmehr eher allzu menschliche Dinge wie Animositäten gegen Horkheimers "totalitären" Führungsstil und persönliche Karrierestrategien. Adorno fand, der scheidende Mitarbeiter sei "von Ehrgeiz zerfressen".

Die Karriere des Politikers ist eine Geschichte von Erwartung und Enttäuschung. Als der Kritiker zum Politiker wurde, übernahm er Macht und Handlungsverantwortung, die mit seinem alten Status nicht vereinbar war. Er konnte nicht länger der Günter Grass der FDP bleiben. Doch Dahrendorf widerstrebte es gleichzeitig, zum Aschenputtel des Auswärtigen Amtes zu werden, genauso wenig wie ein Beamtenhäuptling im Brüsseler Apparat. Er hatte seine Möglichkeiten überschätzt, die Beharrungskraft der Institutionen unterschätzt und war in einem Rollenkonflikt verstrickt. Und erneut suchte der Zugvogel Neuland, die britische Insel.

Meifort orientiert sich an Dahrendorfs Memoiren, liest sie aber kritisch und erzeugt immer wieder überraschende Momente. So erfahren wir beispielsweise, dass der ambitionierte Habilitand Ende der Fünfziger die Marx'sche Klassentheorie nicht bloß kritisieren und widerlegen, sondern gleichsam "überwinden", also weiterdenken und eine eigene Klassentheorie vorlegen wollte. Als das Verfahren wegen solcher Hybris zu scheitern drohte, half Helmut Schelsky als Gutachter aus und ersetzte den kopfschüttelnden Kollegen Georges Goriely. Der ehemalige Nationalsozialist bescheinigte dabei dem ehemaligen NS-Verfolgten, "die wahrscheinlich stärkste theoretische Begabung unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs meiner Disziplin" zu besitzen. Nein, die Biografin erstarrt wahrlich nicht in monumentaler Bewunderung, sie rüttelt zuweilen kräftig an dem Podest, auf das sich Dahrendorf selbst gesetzt hat. Aber sie lässt gleichzeitig keinen Zweifel daran, welch besonderer Typ eines Intellektuellen Dahrendorf war: kein großer Theoretiker wie Jürgen Habermas, aber ein rast- und grenzenloser Innovator auf vielen Gebieten.

Am Ende gehörte das Multitasking-Talent nirgendwo mehr richtig dazu

Dahrendorfs Autobiografie heißt "Über Grenzen". Tatsächlich bewegte er sich beständig über Grenzen hinweg, einerseits räumlich zwischen Deutschland und Großbritannien und andererseits zwischen den Sphären von Universität, Politik und Öffentlichkeit, zudem zuweilen an der Nahtstelle von Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung. Dieses Überschreiten von Grenzen ist vielleicht das Besondere an Ralf Dahrendorf als historischer Gestalt. Das findet auch Franziska Meifort. Sie zeigt in ihrer schnörkellosen und überzeugenden Argumentation, dass die Grenzgängerei oft damit zusammenhing, dass Dahrendorf seine Vorstellungen nicht durchsetzen konnte. Und sie zeigt, wie das Multitasking-Talent am Ende nirgendwo mehr richtig dazugehörte. Aufstieg und Niedergang hatten dieselben Gründe.

Was aber bleibt von Dahrendorf? Für ihn verbanden sich Liberalismus und Demokratie zu der Formel: Demokratie bedeutet Konflikt, und Konflikt bedeutet Freiheit und treibt sozialen Wandel voran. Soziale Konflikte sind notwendig und produktiv. So einer wie Dahrendorf, der jede Position, deren Gegenteil nicht zumindest erörtert worden ist, für eine schwache Position hält, diskutierte auch spontan mit dem wortgewaltigen Rudi Dutschke und schätzte den Widerspruch, statt den Konsens zu suchen.

Franziska Meifort: Ralf Dahrendorf. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2017. 477 Seiten, 38 Euro. E-Book 31,99 Euro.