bedeckt München 26°

Biografie Günter Ullmann:"Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte"

In den Nächten diskutierten wir. Auch über die Literatur der DDR und BRD, sowie Solschenizyn und die anderen kritischen sowjetischen Autoren. Ich las viel. Über Lyrik und Malerei erarbeitet ich mir einen Überblick. In meinen wichtigsten Gedichten finde ich soetwas wie einen Archetypen, eine metapsychische Formel. Meine Bilder sind Zeichen der Transzedenz...

Die Antroposophin Charlotte Stadtmann gab wichtige geistige Impulse. Ich befreundete mich mit Volker Müller, Arnold Vaatz, Klaus Rohleder , Jürgen Fuchs und vielen anderen an. Im Zirkel "Junge Lyriker", den ich eine Zeit lang im Humboldtklub leitete, lernte ich viele kritische junge Leute kennen.

Nach dem Weggang von Manfred Böhme, traf sich unser Diskutierklub in der Wohnung von Pfarrer Klaus Böhme. Im Alter von 23 Jahren beging mein jüngerer Bruder Gerhard Selbstmord. Seinen Tod hat wohl keiner von uns richtig begriffen.

Auf einer Gewerkschaftsschule verteidigte ich öffentlich Trotzky. Das hätte mir fast Schwierigkeiten gemacht. Jürgen Fuchs war aus dem Auto heraus, verhaftet wurden - wir sahen die Bilder im Westfernsehen. Ich wollte der Familie helfen und wurde in Grünheide vor der Wohnungstür des Freundes von den bewaffneten Organen gestellt... Ich trat aus dem Kulturbund aus.

Nach einer Petition zur Ausbürgerung Wolf Biermanns und dem Wegekeln von Reiner Kunze wurde ich in Gera Verhören zugeführt, denen ich psychisch nicht gewachsen war. Ich litt unter Verfolgungswahn, unternahm zwei Selbstmordversuche und mußte mich mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Ich ließ mir alle Zähne ziehen, im Glauben in meinem Mund wären Wanzen versteckt.

Ich wurde stationär in Rodewisch, Stadtroda und Jena behandelt. Ich wurde schwerbeschädigt. Noch heute bekomme ich alle drei Wochen eine Spritze, mit deren Nebenwirkungen ich zu kämpfen habe. Jürgen Fuchs bot aus Westberlin Hilfe an und wollte mich in den Westen holen. Ich wollte da bleiben, wo ich hingestellt wurden war und Zeitzeuge sein und lehnte dankend ab.

Nach der Veröffentlichung meiner Gedichte, in der von Heinrich Böll und Günter Grass herausgegebenen Zeitschrift "L80", wurde meine Frau bearbeitet, sie solle auf mich aufpassen, damit ich keine Gedichte mehr schreiben und den Briefwechsel mit Jürgen Fuchs unterlassen soll. Man drohte ihr an, man könne ihr das Sorgerecht für unsere 2 Kinder entziehen, außerdem arbeite sie ja in der Volksbildung.

Nach der Veröffentlichung meiner Gedichte, in der von Lutz Rathenow im Oberbaum- Verlag herausgegebenen Anthologie "einst war ich fänger im schnee", drohte man mir mit Haft. Auch den Stasi- Akten ist zu entnehmen, das Haft und das Anbringen von Wanzen im Haus eigentlich vorgesehen waren.

Über einen längeren Zeitraum quartierten sich die "Gummiohren" im Haus gegenüber ein und registrierten jeden, der sich dem Haus näherte oder das Haus verließ. Nach der Streikbewegung in Polen, nährte uns Gorbatschow mit neuer Hoffnung. Ich gestaltete auf einer Baustelle eine Wandzeitung mit Gorbatschow-Zitaten. Eine andere Wandzeitung mit Gorbatschow-Zitaten wurde in unserem Betrieb konfisziert - ich trat aus dem FDGB aus.

Die Wende war ein befreiendes Erlebnis für mich. Neben oder hinter mir, demonstrierten nun Menschen, die einst gesagt hatten, das hat doch keinen Sinn oder so schlimm ist es doch gar nicht... Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte...

Meine "Depressionen" haben auch ihre politischen und sozialen Ursachen. Nach der Wende kamen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und die wachsende Schere zwischen arm und reich dazu. Meine Krankheiten sind aber immer auch eine geistig und moralische Bewältigung sowie ein Weg zu mir selbst...

Ich organisierte im Kulturamt der Stadtverwaltung Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Danach arbeitete ich im Heimatmuseum. Ich schreibe Gedichte, Kindergedichte, Lieder, Epigramme, Aphorismen und meist kurze Prosatexte.

Seit der Wende (Wie die Akten zeigen, hat die Stasi die volkseigenen Verlage angeschrieben, um zu verhindern, das von mir in der DDR etwas veröffentlicht wird) sind 23 Bücher von mir erschienen, einige Hefte, Veröffentlichungen in vielen Lesebüchern, Anthologien Broschüren, Zeitungen und Zeitschriften.

Meine Arbeiten werden literaturwissenschaftlich erwähnt, einige Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt, einige Gedichte vertont. Ich bin in keinem Schriftstellerverband.

Zu meinen 50. Geburtstag verpaßte mir die Stadt Greiz die Bürgermedaille. Weitere Höhepunkte waren der Neujahrsempfang bei Richard Weizsäcker, die Wahl des Bundespräsidenten sowie Lesungen, die mich quer durch Ost und West und sogar nach Österreich führten. Gemeinsame Lyrik-, Jazz-, Veranstaltungen mit der "media nox", sowie einige Ausstellungen von Bildern und Fotos. Auch gemeinsam mit der Holzbildhauerin Elly- Viola Nahmmacher.

2004 wurde ich durch die Deutsche Schillerstiftung Weimar geehrt. Ich habe zwei Selbstmordversuche hinter mir. Jetzt bin ich froh, das dass damals nicht geklappt hat.

Nach der Wende schloß ich neue Freundschaften und Bekanntschaften. Zum Beispiel mit Udo Scheer, Günter Gerstmann, Utz Rachowski, Karsten Schaarschmidt und Winfried Arenhövel... Im Urlaub lerne ich nun auch das Land hinter dem eisernen Vorhang kennen.

[...]Nach den Selbstmordversuchen bejahe ich jetzt die Welt mit ihren Sonnen- und Schattenseiten und das Leben als Abenteuer bei der Lösung ungeklärter Fragen und Probleme, staune über die Existenz und wünsche jeden Menschen ein nützliches, sinnvolles, interessantes, gutes und schönes Leben.

Seit dem 1. 9. 2006 bin ich Rentner. Ich schaue zurück, ich schaue das heute, ich schaue nach vorn...