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Biografie Günter Ullmann:"Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte"

Als Dichter, Musiker und freier Denker war das Leben im sozialistischen Deutschland schwer - so auch für Günter Ullmann. Selbstmordversuche und der Verlust jeglicher Lebensgrundlage nach 1990 haben den Künstler trotzdem nicht kleinkriegt.

Warum sollte gerade dieses Leben verfilmt werden?

Weil ich heute, nach zwei Selbstmordversuchen, endlich das Leben bejahe...

Biografie

[...] In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts tobten 2 furchtbare Weltkriege. Ich hatte Glück. Ich wurde erst am 4. August 1946 geboren. Ich war das 3. Kind von 4 Kindern.

Mein Vater war Angestellter. Meine Mutter kam aus der Landwirtschaft. Die meiste Zeit verbrachte ich mit "Tante Barth" und "Opa". Eine Arbeiterfamilie, die im Haus wohnte. Die fremden Leute behandelten mich wie ein eigenes Kind. Die Nachkriegszeit unter ärmlichen Verhältnissen war die schönste Zeit meines Lebens.

Ich lebte im Paradies und wußte es nicht. Auch die Hohndorfer Oma liebte mich. Einmal verteidigte sie mich, obwohl ich zusammen mit meinen Freunden beim Kirschenklauen erwischt wurden war. Unsere Bande lebte auf dem Greizer Hainberg.

Schon früh erwachte mein Gerechtigkeitssinn. Der "Barths Opa" erzählte aus seinem Leben als Kommunist in der Zeit des Faschismus. Ich studierte jeden Tag die Zeitung und träumte davon, den unterdrückten Afrikanern bei ihrem Befreiungskampf zu helfen.

Meine Mutter war Christin, mein Vater Parteimitglied. Ich betete, daß die Algerier sich von den Franzosen befrein. In "Opas" Büchern lernte ich auch die klassische Abenteuerliteratur kennen. Vom 17. Juni haben wir als Kinder nichts mitgekriegt Aber über die Suezkrise wurde im Elternhaus lange gesprochen.

In der Schule war ich der Klassenkasper. Meine Lieblingsfächer waren Erdkunde, Deutsch und Geschichte. In meiner Mittelschulzeit verstarb mein Vater. Er war 44 Jahre alt und hatte Herzinfarkt. Nie habe ich zu Hause Prügel gekriegt. Wir liebten ihn alle sehr. Ich erinnere mich gern an ihn. Er hatte so gütige Augen... Nach dem Tod des Vaters hatte es meine Mutter mit ihren 4 Kindern nicht leicht.

1966 legte ich mein Abitur ab und erwarb den Facharbeiterbrief als Maurer. Ruby und Schotte waren meine Freunde von Kindheit an. Viele Zeit verbrachten wir gemeinsam. Im Strome der Beatles gründeten wir eine Kapelle. Ich übernahm Vaters Schlagzeug, sang , komponierte und textete eigene Songs.

Nachdem der Kapellennamen "the rats" verboten wurde, nannten wir uns "media nox". Die Band, die mehrfach unter Auftrittsverbot stand , entwickelte sich vom Beat über Blues und Soul zum Modern Jazz. Und spielt heute immer noch.

Bei der Bereitschaftspolizei, die Spatengruppe gab es damals noch nicht, lernten mein Freund Ruby und ich den Cartoonisten Stefan Schüch kennen. Seit dieser Zeit begleitet Stefan uns auf unseren Weg.

Ruby (Rudolf Kuhl) und Schotte (Harald Seidel) sind meine Freunde von der Kindheit an... Ihnen habe ich viele wertvolle Anregung und interessante Gespräche zu verdanken. Kurz vor dem Abi begann ich mit Schreiben und Malen. Ich schrieb meist Gedichte und malte vor allem abstrakt. Davon wußte lange Zeit außer den Freunden kaum jemand. In der Armeezeit entdeckte ich die Expressionisten für mich. Sie nahmen Einfluß auf meine Dichtung.

"Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte"

Ich wollte eigentlich nie heiraten. 1969 heiratete ich meine jetzige Frau. Sie gefiel mir gut Im selben Jahr wurde unsere Tochter Xandra geboren, die mit drei Jahren tödlich verunglückte. Ihr Tod hat uns sehr betroffen. 1970 kam unser Sohn Clemens zur Welt, ein Jahr nach dem Tod der Tochter unser Sohn Kyrill.

Meine Frau ist gelernte Kindergärtnerin und seit der Wende Lehrerin für sogenannte "geistig Behinderte". Ich bin ihr zu großem Dank verpflichtet. Sie hat mich auch bei meiner Krankheit nicht verlassen und hielt auch in meinen Protestjahren immer zu mir.

Meine beiden Söhne absolvierten ihr Abitur und Studium und sind nun Diplomingenieure. Sie sind in schweren Zeiten nicht verwöhnt wurden. Sie arbeiten beide im Westen. Im Alter weiß ich nun den Wert einer Familie zu schätzen. Glücklich sind wir, wenn alle da sind.

[...] Ich war immer das schwarze Schaf in der Familie, wollte immer ein guter Mensch sein und wollte für mich beweisen, das man auch mit Familie aufrecht leben kann...

Ich wohne noch immer im Haus meiner Eltern zur Miete. Ich wollte nie für ein Haus leben. Nach der Arbeit sitzen wir gemeinsam im Garten meiner Schwester und füttern unsere Katze sowie die Katzen der Nachbarschaft. 1968 lernten meine Freunde und ich Ibrahim Böhme kennen. Er wurde geliebt und verehrt. Er war Erzieher und Lehrer zugleich. Er vermittelte Toleranz und Humanismus und aktivierte uns zum Widerstand. Später erfuhren wir, daß er uns auch verraten hatte.Ich halte aber an meiner Überzeugung fest, das er die Palastrevolution wollte und eigentlich auch in der Stasi versucht hat zu helfen und gegen die Stasi zu wirken...

Unser Vorbild war Dubcek. Wir hofften auf einen demokratischen Sozialismus. Wir hofften auf den Prager Frühling. Wir waren gegen die Todesschüße an der Mauer und protestierten dagegen, das im Staat der Arbeiter und Bauern Unbequeme ein- oder ausgesperrt wurden. Nach dem Einmarsch in Prag am 21.8.1968 trugen wir aus Protest selbstgebastelte Abzeichen mit der Fahne der CSSR an den Jacken. Ich wurde auf dem Tanzsaal verhaftet.

Da es mit dem Studium nicht klappte, arbeitet ich auf dem Bau. Meine abstrakten Bilder wurden in Heiligendamm als entartet und dekadent abgelehnt. Vom Literaturinstitut in Leipzig bekam ich die Ablehnung mit dem Hinweis, ich solle mich an Zeitungsgedichten orientieren.

Ich war bis zur Wende immer im selben Betrieb tätig. Als Maurer, Baustellenschreiber, Ökonom. Bereichsökonom (Planstelle Diplomingenieur), Materialdisponent, Mischerfahrer, Lagerist...

Der Bergaer Maler Christian Aigrinner, der auch abstrakt arbeitete, war für meine Tuschearbeiten eine Bestätigung. Die Greizer Holzbildhauerin Elly- Viola Nahmmacher gab inhaltlich und formell Anregung. Der "Greizer" Dichter Reiner Kunze beeinflußte meinen Schreibstil und war das Vorbild eines aufrechten Menschen. Viele seiner Gedichte wurden mir Freund.

In der Jugend setzten wir uns vor allem mit den großen Russen wie Tolstoi und Dostojewski und dem französischen Existenzialismus auseinander. Später folgten die Psychoanalitiker wie Freud. Fromm und Jung. Die Quantenmechanik, das Weltbild der modernen Naturwissenschaftler, der Religionen sowie der Esoterik. Philosophen wie Popper und Weizsäcker. Thomas Mann, H. Hesse, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Paul Celan und viele andere.

"Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte"

In den Nächten diskutierten wir. Auch über die Literatur der DDR und BRD, sowie Solschenizyn und die anderen kritischen sowjetischen Autoren. Ich las viel. Über Lyrik und Malerei erarbeitet ich mir einen Überblick. In meinen wichtigsten Gedichten finde ich soetwas wie einen Archetypen, eine metapsychische Formel. Meine Bilder sind Zeichen der Transzedenz...

Die Antroposophin Charlotte Stadtmann gab wichtige geistige Impulse. Ich befreundete mich mit Volker Müller, Arnold Vaatz, Klaus Rohleder , Jürgen Fuchs und vielen anderen an. Im Zirkel "Junge Lyriker", den ich eine Zeit lang im Humboldtklub leitete, lernte ich viele kritische junge Leute kennen.

Nach dem Weggang von Manfred Böhme, traf sich unser Diskutierklub in der Wohnung von Pfarrer Klaus Böhme. Im Alter von 23 Jahren beging mein jüngerer Bruder Gerhard Selbstmord. Seinen Tod hat wohl keiner von uns richtig begriffen.

Auf einer Gewerkschaftsschule verteidigte ich öffentlich Trotzky. Das hätte mir fast Schwierigkeiten gemacht. Jürgen Fuchs war aus dem Auto heraus, verhaftet wurden - wir sahen die Bilder im Westfernsehen. Ich wollte der Familie helfen und wurde in Grünheide vor der Wohnungstür des Freundes von den bewaffneten Organen gestellt... Ich trat aus dem Kulturbund aus.

Nach einer Petition zur Ausbürgerung Wolf Biermanns und dem Wegekeln von Reiner Kunze wurde ich in Gera Verhören zugeführt, denen ich psychisch nicht gewachsen war. Ich litt unter Verfolgungswahn, unternahm zwei Selbstmordversuche und mußte mich mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Ich ließ mir alle Zähne ziehen, im Glauben in meinem Mund wären Wanzen versteckt.

Ich wurde stationär in Rodewisch, Stadtroda und Jena behandelt. Ich wurde schwerbeschädigt. Noch heute bekomme ich alle drei Wochen eine Spritze, mit deren Nebenwirkungen ich zu kämpfen habe. Jürgen Fuchs bot aus Westberlin Hilfe an und wollte mich in den Westen holen. Ich wollte da bleiben, wo ich hingestellt wurden war und Zeitzeuge sein und lehnte dankend ab.

Nach der Veröffentlichung meiner Gedichte, in der von Heinrich Böll und Günter Grass herausgegebenen Zeitschrift "L80", wurde meine Frau bearbeitet, sie solle auf mich aufpassen, damit ich keine Gedichte mehr schreiben und den Briefwechsel mit Jürgen Fuchs unterlassen soll. Man drohte ihr an, man könne ihr das Sorgerecht für unsere 2 Kinder entziehen, außerdem arbeite sie ja in der Volksbildung.

Nach der Veröffentlichung meiner Gedichte, in der von Lutz Rathenow im Oberbaum- Verlag herausgegebenen Anthologie "einst war ich fänger im schnee", drohte man mir mit Haft. Auch den Stasi- Akten ist zu entnehmen, das Haft und das Anbringen von Wanzen im Haus eigentlich vorgesehen waren.

Über einen längeren Zeitraum quartierten sich die "Gummiohren" im Haus gegenüber ein und registrierten jeden, der sich dem Haus näherte oder das Haus verließ. Nach der Streikbewegung in Polen, nährte uns Gorbatschow mit neuer Hoffnung. Ich gestaltete auf einer Baustelle eine Wandzeitung mit Gorbatschow-Zitaten. Eine andere Wandzeitung mit Gorbatschow-Zitaten wurde in unserem Betrieb konfisziert - ich trat aus dem FDGB aus.

Die Wende war ein befreiendes Erlebnis für mich. Neben oder hinter mir, demonstrierten nun Menschen, die einst gesagt hatten, das hat doch keinen Sinn oder so schlimm ist es doch gar nicht... Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte...

Meine "Depressionen" haben auch ihre politischen und sozialen Ursachen. Nach der Wende kamen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und die wachsende Schere zwischen arm und reich dazu. Meine Krankheiten sind aber immer auch eine geistig und moralische Bewältigung sowie ein Weg zu mir selbst...

Ich organisierte im Kulturamt der Stadtverwaltung Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Danach arbeitete ich im Heimatmuseum. Ich schreibe Gedichte, Kindergedichte, Lieder, Epigramme, Aphorismen und meist kurze Prosatexte.

Seit der Wende (Wie die Akten zeigen, hat die Stasi die volkseigenen Verlage angeschrieben, um zu verhindern, das von mir in der DDR etwas veröffentlicht wird) sind 23 Bücher von mir erschienen, einige Hefte, Veröffentlichungen in vielen Lesebüchern, Anthologien Broschüren, Zeitungen und Zeitschriften.

Meine Arbeiten werden literaturwissenschaftlich erwähnt, einige Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt, einige Gedichte vertont. Ich bin in keinem Schriftstellerverband.

Zu meinen 50. Geburtstag verpaßte mir die Stadt Greiz die Bürgermedaille. Weitere Höhepunkte waren der Neujahrsempfang bei Richard Weizsäcker, die Wahl des Bundespräsidenten sowie Lesungen, die mich quer durch Ost und West und sogar nach Österreich führten. Gemeinsame Lyrik-, Jazz-, Veranstaltungen mit der "media nox", sowie einige Ausstellungen von Bildern und Fotos. Auch gemeinsam mit der Holzbildhauerin Elly- Viola Nahmmacher.

2004 wurde ich durch die Deutsche Schillerstiftung Weimar geehrt. Ich habe zwei Selbstmordversuche hinter mir. Jetzt bin ich froh, das dass damals nicht geklappt hat.

Nach der Wende schloß ich neue Freundschaften und Bekanntschaften. Zum Beispiel mit Udo Scheer, Günter Gerstmann, Utz Rachowski, Karsten Schaarschmidt und Winfried Arenhövel... Im Urlaub lerne ich nun auch das Land hinter dem eisernen Vorhang kennen.

[...]Nach den Selbstmordversuchen bejahe ich jetzt die Welt mit ihren Sonnen- und Schattenseiten und das Leben als Abenteuer bei der Lösung ungeklärter Fragen und Probleme, staune über die Existenz und wünsche jeden Menschen ein nützliches, sinnvolles, interessantes, gutes und schönes Leben.

Seit dem 1. 9. 2006 bin ich Rentner. Ich schaue zurück, ich schaue das heute, ich schaue nach vorn...

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Günter Ullmann
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