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Bildungsaufsteiger I:Rußgeboren

Die charismatischsten Bücher der letzten Jahre handeln von Herkunft und Klassenscham. Jetzt kommt Deniz Ohdes Roman "Streulicht" dazu, die Geschichte einer Ausgestoßenen, die sich gegen alle Widrigkeiten einen Platz an der Universität erkämpft.

Von Hubert Winkels

Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte. Niemandem hier fällt das mehr auf, und auch mir wird es nach ein paar Stunden wieder vorkommen wie die einzig mögliche Konsistenz, die Luft haben kann." Mit diesen Eingangsworten gibt Deniz Ohde die Tonlage des Romans vor. Sie beschwört die Schwelle zu einer anders gearteten Welt, eine umfassende Veränderung elementarer Funktionen des Lebens und der Kommunikation: der Luft, des Atmens und Sprechens. Eine moderne, chemisch induzierte Variante der berühmten Warnung über dem Höllentor bei Dante: Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Kaum ein Horrorfilm, der nicht diese Schwelle evozierte, kaum eine Dystopie, die ohne solche Weltentrennung auskommt. Schon allein, weil der Beobachter und Erzähler nicht vollends Teil des totalitär ausgreifenden Schreckens sein kann. Er muss ihn ja beschreiben.

Um zwei prägende Eigenheiten von "Streulicht" sogleich zu benennen: Der Roman ist von einer solch beschreibungsmanischen Düsternis, dass kaum ein Lichtstrahl ausdrücklicher Erkenntnis durch seine stilistisch-methodischen Barrikaden fällt. Aber die versteckte reflexive Arbeit des Romans liegt genau in dieser nahezu perfekten Machart. Die Erzählerin schreibt von ihrer elenden Herkunftswelt mit solch präzis abwägender, sanft schattierender, hartnäckig ausbuchstabierender Hingabe, dass die Einzelheiten hyperrealistisch hervortreten und ohne Forcierung ins Sinnbildhafte gleiten.

Der Vater arbeitet im Chemiepark, wo er Bleche in Säure taucht

Das muss gesagt sein, bevor man mit dem Inhalt eine Fährte ins Immer-schon-verstanden-Geglaubte legt. "Streulicht" ist nämlich ein Bildungsroman aus der Unterschicht, dem Industrieproletariat, angereichert mit bitteren migrantischen Erfahrungen. Die namenlose Erzählerin, Studentin in einer fernen Stadt, kommt an "ihren Ort" zurück, riecht und schmeckt ihr altes Leben und erzählt dann, formal gesehen, eine Geschichte der familiären und schulischen Erziehung, von der Kernfamilie mit türkischstämmiger Mutter, von toxischem Lebensraum, erstarrten Beziehungen, Großvater und Eltern in engsten Wohnverhältnissen, der Arbeit des Vaters im Chemiepark, wo er Aluminiumbleche in ätzende Säure taucht "vierzig Jahre lang vierzig Stunden die Woche". Sie erzählt von ständigem Streit, Gewalt und Sprachlosigkeit. Von ihren Freunden Picka und Sophia aus besseren Verhältnissen, die sie eine Strecke lebenslustig mitnehmen und doch nie zu ihrer Unsicherheit und Scham durchdringen. Sie ist gehemmt und immer in Alarmbereitschaft, auf Spuren der Abwertung und Diskriminierung zu treffen. Das treibt sie so weit, dass nichts anderes mehr überhaupt zu ihr durchdringt. Sie ist der Mittelpunkt einer Welt verhüllter Mikroaggressionen. Ist nicht schon der anders klingende Name, der nie genannte, ein Menetekel? Das Erzähler-Ich ist gemacht aus der Angst, verdächtigt zu werden.

Autorenportrait Deniz Ohde
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Die 1988 geborende Autorin Deniz Ohde.

(Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp)

Der stärkste Strang der in Episoden extrem dicht erzählten Geschichte handelt von der wechselhaften Schullaufbahn, die die begabte Schülerin erst stärkt, dann erniedrigt, erneut hochspült und schließlich entlässt in eine andere Stadt. Dort studiert die Erzählerin ein nicht genanntes, in den Augen des Vaters zu nichts taugendes Fach. Deniz Ohde hat Germanistik in Leipzig studiert, und man wird den Gedanken nicht los, dass ihre hoch ausgebildete, ästhetische Nichtsnutzigkeit in der Übersetzung von Einsicht in szenische Konkretheit zum Tragen kommt: das Buch, ganz frühromantisch, als Ziel des gelingenden Bildungswegs.

Deniz Ohde betreibt eine virtuose sprachliche Mimikry an eine menschenunfreundliche Dingwelt, in der kaputtes Geschirr sich mit Tapetenfetzen und lauten Industriebrücken verbrüdert. Sie tut das in zwei Schritten: Sie tritt aus dieser Dingwelt ein Stück hinaus, hat einen geringen Abstand zu ihrer peinigenden Herkunftswelt gewonnen, um diese umso bitterer, ja schmerzlich lustvoll zu bejahen, sie zu ihrem eigenen Schicksal zu verhärten.

Hilflos schweigend sitzt der Vater vor der klugen Tochter

Dieses dialektische Verfahren bringt äußerst anrührende Momente hervor. So, wenn die junge Erzählerin den Vater, einen Krakeeler und Säufer, der zugleich ein zuverlässiger Schichtarbeiter ist, in der benachbarten Großvater-Wohnung toben hört, durch die offenen Betonlöcher für die Kupferrohre der Wasserleitung. Anschließend watet sie durch die Scherben der elterlichen Wohnung. Nach und nach begreift man, dass der so gut wie stumme Vater seine Ehefrau vor seiner eigenen Wut schützen will. Er traktiert deshalb die banalen Dinge, die ihr Leben rahmen. Zugleich sammelt der Vater obsessiv Kaputtes, Altes, Nutzloses. Er erstickt sich und die seinen in der Wohnung mit den Billigprodukten aus Ein-Euro-Läden, Aldi-Sondertischen und Flohmärkten. Der Ausgesonderte verbirgt sich im Ausgesonderten.

Deniz Ohde: Streulicht. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 291 Seiten, 22 Euro.

Auf andere Weise als die Tochter, aber doch vergleichbar, verschreibt sich auch der Vater den Dingen. Das Statische, die ewige Wiederholung, ist sein Leben, oder, wie es im Roman heißt, das Leben des Vaters sei "eine einzige Übersprungshandlung". Wenn er hilflos schweigend vor der klugen Tochter steht, spürt man über alle Gräben hinweg Sympathie. Deniz Ohde gelingt es, die strukturelle Verwandtschaft zweier ganz unterschiedlich Depravierter spürbar zu machen.

Nach dem Tod des Großvaters und der Mutter der Erzählerin erstarrt der Vater in seinem Gehäuse. Ein Säulenheiliger des Industrieproletariats, nicht mehr ganz von dieser Welt. Eine Gestalt des Schreckens und am Ende gar einer gewissen Größe seines Schicksals. Die Tochter ordnet sich ihm zu, dem sozialen Verlierer, als maßstäblichem Teil ihrer Welt. Die dingbezogene Beschreibungsmanie der Erzählerin lässt sich als eine verschobene imitatio patri lesen. Das Haus, der Fluss, das Kraftwerk, der Industriepark sind die Insignien des Schicksals für den Handarbeiter wie für die Kopfarbeiterin. Sie schreibt das Dingverhältnis auf, dem der Vater unterliegt. Zahlreich die Verweise im Buch auf die Codierung der sozialen und dinglichen Welt, die es also zu entziffern und zu lesen gilt. Die Dinge als Zeichen zu deuten, bedeutet einen Akt der Befreiung. In dieser seltsamen Form der Emanzipation ist die Zwangsherrschaft der niederdrückenden Außenwelt eben nicht aufgehoben, sondern fortzuschreiben. Das macht den Roman auf eine perverse Weise leicht. Es kann nur so sein. Es schreibt sich scheinbar wie von allein.

Als Aphrodite des Industriegebiets ist die Erzählerin nicht ohne Narzissmus

Der Preis für dieses Verfahren liegt auf der Hand. Es gibt außerhalb dieser stilistischen Distanzierung keine Erlösung vom Joch der Herkunft und des Außenseitertums. Die kluge Schülerin, die immerhin von der Abendschule zum Abitur und zum Studium gekommen ist, darf von keiner einzigen schönen Stunde erzählen, von keinem Erfolgserlebnis, von keiner Stärkung des Selbstbewusstseins. Sie schweigt und duldet und sieht alles in seiner Verkommenheit so grausam gelungen und genau.

Trotzdem spricht die Erzählerin von einem anderen Ort aus. Sie versteht zwar das Plakat am Tor eines Friedhofs als Schreckensnachricht: "Einmal der Ort, immer der Ort!", steht da. Doch für die Erzählerin dieses Ortes gilt das performativ gerade nicht. Sie ist bereits woanders, sie hat das alles vor sich gebracht. Wir können es lesen und die Botschaft umkehren. Wie auch die schrecklich schöne Selbstbeschreibung der Erzählerin als Aphrodite des Industriegebiets nicht ohne negativen Narzissmus ist: "Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt."

© SZ vom 24.08.2020
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