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Bilderbuch:Zwei, die sich helfen

Illustration aus Jory John: Roberta & Henry. Mit Illustrationen von Lane Smith. Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel. Carlsen, Hamburg 2019. 40 Seiten, 15 Euro.

Die verzweifelte Giraffe findet bei der Schildkröte Trost, als sie unglücklich ist, weil sie einen so langen Hals hat. Sie glaubt, dass macht sie häßlich. Und keine Buchseite ist groß genug für sie.

Kaum hat die Geschichte angefangen, plärrt die Giraffe aus dem Buch: "Ich kann nichts dagegen tun!" Ohne Luft zu holen, setzt sie ihre Klage mit einer giraffenhalslangen Liste fort, in der sie ihren Frust, ausgerechnet über ihren Hals, allen kundtut: Er sei zu lang, zu dünn, scheckig und streckig, erhoben und erhaben; einfach zum Verzweifeln "halsig". So ein Jammer!

Man weiß nicht recht, ob man diese Wucht der Gefühle ernst nehmen oder darüber amüsiert schmunzeln soll. Der amerikanische Originaltitel von Jory John und seinem Illustrator Lane Smith lautet: "Giraffe Problems". Schon in seinem früheren Bilderbuch "Paule Pinguin", in der Originalausgabe "Penguin Problems", geht es um vermeintlich tierische Schwierigkeiten. Doch der deutsche Titel von "Giraffe Problems", nämlich "Roberta & Henry" - im Originaltitel ist Roberta ein junger Giraffenbulle namens Edward -, will uns auf eine heitere Dialog-Geschichte zweier Tiere einstimmen. Sie könnten sich kaum an Kontrasten überbieten, diese Giraffe und die Schildkröte. Das Buch lebt von diesen Extremen. Es setzt sie sprachlich und visuell gut um. Und Andreas Steinhöfel überträgt diese Stimmung mit seiner besonderen Sprache ins Deutsche. Mal ragt die Giraffe mit ihrem Kopf aus dem unteren Seitenrand raus und jammert, da keine Buchseite groß genug für ihren Hals oder ihre Gefühle ist. Mal muss man das Buch sogar umdrehen und es seitenverkehrt ansehen, da uns die Giraffe das Ausmaß ihrer Mühsal zur Schau stellen will, wie schwer es sei, diesen Hals mit Schals, Krawatten oder Fliegen aller Farben und Muster zu schmücken.

Die Giraffe geht mit sich selbst hart ins Gericht. Sie drückt damit ein unausgesprochenes Unbehagen aus, das sich in der Klage über ihren Hals ausdrückt. Sie "fühlt" sich von anderen beobachtet, während sie andere dabei beobachtet, wie sie zurückbeobachten, und glaubt dann, sie würden sie wirklich beobachten. Bis zum Hals steckt sie in diesem Kreis fest und kommt aus eigener Kraft nicht heraus. Sie glaubt sogar, die anderen hätten schönere Hälse, und fällt damit endgültig ein Urteil über sich selbst. Ihr Hals ist so "halsig". Man kann einfach dagegen nichts tun. Punkt.

"Andere Tiere würden sonst was für so einen Hals geben", tröstet die Mutter. Doch diese lieb gemeinten Worte helfen nicht weiter. "Nimm's mir nicht übel, Mama. Aber keiner will so einen Hals. So einen Hals kann nur eine Mutter lieben." Die elterliche Hilfe erscheint im Buch ziemlich hilflos. Am Schluss ist es ein "unhalsiges" Tier, die Schildkröte Henry, die der jungen Giraffe hilft, ihr gesundes Selbstwertgefühl zu finden.

Der arabische Lexikograf Ibn Manzur aus dem 13. Jahrhundert erklärte das Wort "Zarafa: Giraffe" mit den Worten: "ein überlanges schönes Tier, das in Abessinien (heutiges Äthiopien) vorkommt". Alle diese schönen Worte hätten Roberta nicht geholfen. Möglicherweise sollte man Kinder häufiger ihren eigenen Problemen überlassen. Oder wie es Andreas Steinhöfel sagt: "Eltern, vertraut euren Kindern mehr!" (ab 4 Jahre)

Jory John: Roberta & Henry. Mit Illustrationen von Lane Smith. Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel. Carlsen, Hamburg 2019. 40 Seiten, 15 Euro.