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Bildband von Orhan Pamuk:Vom Licht, das verschwindet, und dem Alter, das kommt

Orhan Pamuk hat in einem Bildband dokumentiert, wie die Straßenbeleuchtung nach und nach Straße um Straße in Istanbul verändert.

Von Marie Schmidt

Es gibt Veränderungen, schreibt Orhan Pamuk, die schleichen sich ein wie das Alter. Irgendwann sind sie nicht mehr zu leugnen, obwohl man nicht mehr weiß, wann das angefangen hat. Dass sich zum Beispiel die besondere Stimmung von Istanbul bei Nacht auflöst in einem weißen Licht. Es überstrahlt die gelben Straßenlaternen, die zum Gefühl dieser Stadt eigentlich immer schon gehört haben. Weil heute billigere Birnen ein Licht machen, das es früher nur in Krankenhäusern und Kühlschränken gab, so Pamuk: "Ich hatte keine andere Wahl, als die bittere Wahrheit zu akzeptieren, dass die Art, wie Istanbul nachts aussieht, sich vollkommen verändern würde. Es ärgerte mich, dass dieses Thema niemand ernst zu nehmen schien."

!!!!! Achtung !!!! Nur zur Besprechung des Buches "Orange" von Orhan Pamuk.
Pressebilder

Pamuk fotografgierte erst in den ihm vertrauten Straßen von Cihangir, Nişantaşı und Şişli, dann auch weiter weg.

(Foto: Orhan Pamuk)

Also zog er los mit seiner Canon, um die orangen Nächte aufzubewahren. Erst in den ihm vertrauten Straßen von Cihangir, Nişantaşı und Şişli, dann weiter weg. Und wie sein Schatten folgte ihm sein Bodyguard, der ihm vom türkischen Innenministerium gestellt wurde, als nach der Ermordung seines Freundes, des Journalisten Hrant Dink 2007, auch er bedroht wurde: "Einen Bodyguard zu haben, hatte meine Beziehung zu Istanbul völlig verändert." Mit dem Beschützer traut er sich auch in die verrufensten Ecken.

!!!!! Achtung !!!! Nur zur Besprechung des Buches "Orange" von Orhan Pamuk.
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Wie sein Schatten folgte Pamuk ein Bodyguard, der ihm vom türkischen Innenministerium gestellt wurde, als nach der Ermordung eines Freundes auch er bedroht wurde.

(Foto: Orhan Pamuk)

Auf den Bildern, die jetzt gesammelt im Steidl Verlag erscheinen, beobachtet er auch die Veränderung der politischen Stimmung in der Türkei. Nationalistische und religiöse Symbole tauchen im Straßenbild auf: "Die Flaggen, die aus keinem erkennbaren Grund an jeder Straßenecke hängen, waren Zeichen einer Nation, die sich in sich selbst zurück zieht." Selbst in Vierteln, in denen gegen die Regierungspartei gewählt wird, wie Beşiktaș und Kartal, tauchen sie auf, "wie ein Flüstern: ,Wir sind auch hier'". Seine Gänge durch das weiche Nachtlicht Istanbuls kann man in diesem Buch mitgehen. Und sieht schon die Löcher weißen Lichts darin, wie eine härtere Zukunft.

Orhan Pamuk: Orange. Aus dem Türkischen ins Englische von Ekin Oklap. Steidl, Göttingen 2020. 189 Seite, 38 Euro.

© SZ vom 17.09.2020

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