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Bibliotheksgeschichte:Gartenhaus, Gespensterbleibe, Bücherschloss

Die Internationale Jugendbibliothek feiert ihr 70-jähriges Bestehen.

Von Roswitha Budeus-Budde

"Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen." Das war Jella Lepmans Aufforderung, als sie 1945 mit der amerikanischen Militärregierung nach Deutschland zurückkam. Als Tochter eines jüdischen Fabrikanten 1936 mit ihren Kindern nach England geflohen, war sie erschüttert vom Alltag der Kriegskinder. "Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen." Ihre Militärchefs ahnten nicht, dass sie für die re-eduction der Deutschen Bücher aus der ganzen Welt brauchte, eine internationale Sammlung von Kinderbüchern, um das Verständnis für andere Kulturen zu wecken und zur Toleranz zu erziehen. Und da sie sich ihr Leben lang von niemandem hindern ließ, einmal gefasste Beschlüsse auch umzusetzen, wartete sie nicht auf das O.K. der amerikanischen Bürokratie. Mit Zähigkeit, Raffinesse und als geschickte Netzwerkerin schrieb sie 20 Briefe an ausländische Verleger, die schickten wirklich Bücher, und 1946 eröffnete sie die erste internationale Jugendbuchausstellung im Haus der Kunst mit 4000 Titeln.

Natürlich sollten diese Bücher, nachdem sie in Deutschland gewandert waren, im Land bleiben. Jella Lepman wollte eine Bibliothek gründen, einen kulturellen Treffpunkt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, als internationale Begegnungsstätte der Verleger, Autoren und Wissenschaftler. Mit Unterstützung von Eleanor Roosevelt, der Rockefeller Foundation und der Vereinigung der "Freunde der Bibliothek", zu denen auch Hildegard Hamm-Brücher und der Münchner Stadtrat Anton Fingerle zählten, erkämpfte sie sich als Ort das Gartenhaus der Staatsbibliothek in der Kaulbachstraße in München.

Als am 14. September 1949 die Eröffnung gefeiert wurde, mit Verlegern und Autoren, hielt Erich Kästner die Festrede. Er hatte Jella Lepman als Büronachbarin kennengelernt, er der Feuilletonchef der Neuen Zeitung, sie die Redakteurin einen Stock tiefer in der amerikanischen Illustrierten Heute. In "Einem Brief an alle Kinder der Welt" erzählt Kästner von dem Ereignis, von den Büchern, die aus aller "Herren Länder kommen, und täglich kommen neue an, in Paketen mit seltsamen fremden Briefmarken." Doch diese Bibliothek gehört "nicht nur den Münchner Kindern, nicht nur den bayerischen Kindern, nein, allen". Und es soll nicht nur bei Büchern bleiben, sondern an diesem Ort auch Kinderkunst und Kinderkultur gefördert werden, mit Ausstellungen zu Kinderzeichnungen, den Möglichkeiten, selbst Filme zu drehen und Kostüme zu schneidern, es soll gesungen und musiziert werden."

Erich Kästner, 1949

Als "Volksschullehrer" bezeichnete sich Erich Kästner auch. Hier liest er 1949 in der Internationalen Jugendbibliothek in München.

(Foto: Alfred Strobel)

Die Kinder stürmten das Haus, manchmal 150 an einem Tag, sie durften sich die Bücher selbst aussuchen - diese neue Freihandausleihe wurde von Bibliothekaren kritisiert. Es gab Diskussionsrunden, in denen sehr lebhaft gestritten wurde, später wurde eine Jugend-UN gegründet, in der sich die jungen Teilnehmer mit der aktuellen Politik und den Kinderrechten auseinandersetzten. Immer wieder kamen bekannte Autoren wie Thornton Wilder, Ortega y Gasset, Carl Zuckmayer oder Erika Mann zu Vorträgen oder kurzen Besuchen. Doch der beliebteste Gast war Erich Kästner, der, angeregt durch die Aufbruchsstimmung im Haus, sein Antikriegsbuch "Die Konferenz der Tiere" zusammen mit Jella Lepman schrieb. Wenn er kam, bestürmten ihn die Kinder, aus seinen Büchern zu lesen, und natürlich wartete am Schluss ein Glas Whiskey auf ihn.

Jella Lepmans "Luftschloss", wie sie die IJB selbst oft nannte, erweiterte sich zur wichtigsten internationalen Institution der Kinder- und Jugendliteratur mit der Gründung des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch (Ibby) und des Hans-Christian-Andersen-Preises. Doch dieser Erfolg war intern und organisatorisch immer wieder schwer erkämpft. Die Bücherflut stieg ständig, immer neue Aufgaben, wie die Planung und Durchführung von Wanderausstellungen oder die Verwaltung von Nachlässen, erforderten zusätzliche finanzielle Mittel. Zwar konnten drei Geldgeber, die Stadt München, das Land Bayern und die Bundesrepublik gewonnen werden, aber "trotzdem müssen wir an allen Ecken und Enden sparen", klagte Jella Lepman. Ein Stoßseufzer, der in den siebzig Jahren des Bestehens der Bibliothek oft aus dem Direktorium zu hören war und ist.

Mit 66 Jahren verließ Jella Lepman 1957 die IJB, ein Nachfolger war schwer zu finden, bis sich der Autor und Märchenforscher Walter Scherf 1959 bereitfand. "Halten Sie sich am Schreibtisch fest", riet ihm ein Insider. "Jella Lepman hat Ungeheueres geleistet, aber sie war schwierig", das wusste Scherf. Er begann den Einfluss der Bibliothek auch auf Osteuropa auszuweiten. Neben Büchern von dort sollten die Autoren einreisen, zu seiner jährlichen großen Weihnachtsausstellung in der Staatsbibliothek - die neben der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna zum wichtigsten Treffpunkt der Jugendbuchszene wurde.

Jella Lepman

Jella Lepman (geb. 1891), Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek in München.

(Foto: Poehlmann)

Lange vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Eisernen Vorhangs entwickelte sich so ein reger kultureller Austausch - auch wenn mancher Autor, wie der Russe Juri Korinetz, nur in Begleitung eines politischen Bodyguards reisen durfte.

Vieles wurde zum ersten Mal übersetzt. Zwanzig Jahre später, am Ende der Direktorenzeit von Walter Scherf, schien sich Jella Lepmans "Luftschloss" wirklich in Luft aufzulösen. Der IJB wurde das Gartenhaus in der Kaulbachstraße gekündigt, zu wenig Platz für die ständig steigenden Bücherfluten und zu große Nähe zum neuen Anbau der Staatsbibliothek. Bei der Suche nach neuen Räumen griff die Stadtpolitik ein. Der CSU-Stadtrat Wolfgang Vogelsgesang, seit 1973 Präsident des Trägervereines der IJB, wünschte sich für seinen Wahlkreis in Obermenzing eine Stadtteilbücherei und hatte dazu eine besondere Immobilie im Blick. Der Münchner Stadtanzeiger beschrieb am 11. März 1976 die geplante Bleibe so: "Eine Verlegung an die Peripherie (man sprach von dem erst auszubauenden Schlösschen Blutenburg, einer baulich ziemlich angeknacksten Gespensterbleibe bei Obermenzing) wäre wohl nicht das Richtige für eine auf leichte Erreichbarkeit angewiesene Spezialbibliothek." Die Blutenburg wurde renoviert und 1983 bezogen. Und es erscheint wie ein Bücherwunder, dass trotz der Unzulänglichkeit des Ortes, weit weg vom Kulturbetrieb der Stadt, das neue Direktorenteam Andreas Bode und Lioba Betten die internationale Arbeit fortsetzte, und die Sammlungen weiter ausbauten.

Doch erst mit der Verlegerin des Eller-mann Verlags, Christa Spangenberg, be-gann ein wirklicher Neubeginn in der Blutenburg, entwickelte sich die Jugendbibliothek wieder zu einer bedeutsamen internationalen Institution. Nach heftigen Auseinandersetzungen und tumultartigen Wahlen gelang es ihr 1992, Wolfgang Vogelsgesang nach 19 Jahren vom Vorsitz des Präsidiums abzulösen. Die FAZ titelte begeistert: "Dornröschen ist erwacht". 1995 erreichte Spangenberg mit dem Einsatz eigenen Vermögens, dass die IJB in eine Stiftung umgewandelt wurde, und sicherte so der Leitung unter Barbara Scharioth eine kontinuierliche Arbeit zu. Auch Christiane Raabe hat in den zwölf Jahren als Direktorin das Spektrum kontinuierlich erweitert. Neue Mitarbeiter wurden eingestellt, um auch die Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren, mit Vorträgen und Tagungen. Alle zwei Jahre findet das internationale Festival "White Raven" statt, als Treffpunkt der Jugendliteraturszene, als Begegnung mit Illustratoren und Autoren.

Nach all diesen Erweiterungen aber hat die IJB immer den Aufruf von Erich Kästner von vor 70 Jahren beherzigt: "Nun seid ihr Besitzer einer großen Bibliothek und habt sogar ein Haus. Geht nur hin und überzeugt euch selbst! Es werden ein paar Erwachsene dort sein, die von Büchern und Kindern eine Menge verstehen. Sie werden euch nicht stören. Betrachtet sie, vom ersten Tage an, als gute Freunde!"

© SZ vom 13.09.2019

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