Berliner Staatsballett:Klassischer Totalschaden

Die wichtigste Ballett-Kompanie der Hauptstadt bekommt neue Chefs und erfährt das aus der Zeitung - eine Posse, wie sie zurzeit besonders typisch ist für die Berliner Kulturpolitik. Das streikerfahrene Ensemble ist empört. Ein Kommentar.

Von Dorion Weickmann

Was sich zuletzt beim Berliner Staatsballett abspielte, liefert Anschauungsmaterial für jedes PR-Seminar: so bitte nicht! Kopfloser Aktionismus, Misstrauen und schlechte Absprachen haben einen Riesenkrach ausgelöst. Längst sind alle Seiten beschädigt: das Ensemble, die zuständigen Politiker, die Opernstiftung und die zwei Intendanten in spe, an denen sich die Querelen entzünden.

Zur Erinnerung: Vor gut zwei Wochen verkündete der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller auf einer Pressekonferenz, dass die Choreografin Sasha Waltz und der Ballettmanager Johannes Öhman von 2019 an die Leitung des Staatsballetts übernehmen. Die Journalisten wussten somit Bescheid. Nicht aber das Ensemble, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Die Aufgabe, der Belegschaft die Nachricht zu überbringen, hatten Müller und sein Staatssekretär Tim Renner auf die Opernstiftung abgewälzt. Wer es dort richten sollte, blieb offen. Also richtete es niemand, schon gar nicht der Geschäftsführer Georg Vierthaler.

Müller und Renner kannten den Widerstandsgeist der streikerfahrenen Truppe, und sie wussten um das Konfliktpotenzial der Personalie. Wer eine zeitgenössische Choreografin an die Spitze einer Ballettkompanie befördert, ist gut beraten, die Entscheidung persönlich zu begründen. Aber die Politiker kniffen. Auch das Konzept von Waltz und Öhman landete nicht direkt beim Staatsballett selbst. Fatale Affronts mit fatalen Folgen: Die Truppe blies zur Anti-Waltz-Offensive, per Online-Petition und Protestdemo und unter Aufbietung eines Krawall-Vokabulars, das selbst Berliner Niveau unterschreitet.

Während Sasha Waltz Gastspielverpflichtungen nachging, stellte sich Johannes Öhman dann doch noch einem Frage- und Antwortspiel beim Staatsballett. Verabredet wurde ein zweites Treffen in Anwesenheit der Choreografin. Die Sprecher der Truppe sagten es ab. Begründung: Die Kulturverwaltung habe verlangt, die Fragen vorab zu sehen. Auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung schickte die Kulturverwaltung ein Dementi: Das Vorgehen sei "im Einvernehmen" mit den Kompaniesprechern beschlossen worden. Offensichtlich reden die Parteien nicht miteinander, sondern auf bizarre Weise aneinander vorbei.

Zuletzt verschickten Waltz und Öhman einen offenen Brief, der ihr Konzept vage umreißt: fünfzig Prozent Klassik, fünfzig Prozent modernes bis zeitgenössisches Repertoire. Und sonst? Gibt es "weitergehende Gedanken", teilt wiederum die Kulturverwaltung mit. Öffentlich aber hat sie das Duo in die gleiche Falle tappen lassen, in der schon der künftige Volksbühnen-Chef Chris Dercon zappelt: Wer bei Abgabe seiner Visitenkarte nicht ein paar belastbare Fakten, Daten, Künstler nennt, mit denen er arbeiten wird, der kann noch so schöne "Zukunftsvisionen" ausmalen - am Ende zählt allein die harte Währung der verpflichteten Choreografen, der angeheuerten Tänzer und in Auftrag gegebenen Werke.

Das Staatsballett steuert auf einen Totalschaden zu, wenn sich die Widersacher nicht auf so altmodische Tugenden wie Takt und Fingerspitzengefühl besinnen und ein Wort bemühen, das schwer fällt: Entschuldigung. Der nächste Berliner Kultursenator wird einen Canossa-Gang antreten müssen.

© SZ vom 27.09.2016
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