Berlinale-Wettbewerb: "There Will Be Blood" Öl ist dicker als Wasser

Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood'', die erste große Premiere im Berlinale-Wettbewerb, ist eines dieser großen und verstörenden Erlebnisse, für die das Kino erfunden wurde.

Von Tobias Kniebe

Kann man die Musik des Öls beschreiben, wenn es einem schwarz durch die Finger rinnt? Den Geschmack der Gier, die Farbe des Reichtums, den Geruch des Misstrauens? Oder das Dröhnen der Stille in der Wüste, den Schleier des Hasses, der den Blick auf die Welt verdunkelt? Wohl kaum. Aber nötig wäre es schon, um die ganze Erfahrung dieses Films zu erfassen, seine volle synästhetische Sinnlichkeit.

Mit packender Theatralik spielt Daniel Day-Lewis den gierigen Öl-Baron.

(Foto: Foto: oH)

"There Will Be Blood'', die fünfte Regiearbeit des 38-jährigen Paul Thomas Anderson, ist eines dieser großen und verstörenden Erlebnisse, für die das Kino erfunden wurde und die es doch nur selten gibt. Man könnte es mit Superlativen umkreisen und mit dröhnenden Floskeln beschwören. Am Ende hilft aber doch nur die eigene Anschauung.

Gleich am Anfang eines Festivals, als erste große Premiere in der Konkurrenz des Wettbewerbs, wirft so ein Film natürlich Fragen auf. Was soll danach noch kommen? Kann man die Wettbüros für den Goldenen Bären gleich wieder dicht machen? Auf seiner Reise um die Welt und zu den Oscars, wo er achtmal nominiert ist, folgt "There Will Be Blood'' seinen eigenen Gesetzen. Auf der Liste der besten Filme aller Zeiten, die von der wichtigsten Filmwebsite ermittelt und ständig aktualisiert wird, ist er schon auf Platz vierzehn vorgerückt. Hier weht heftig der Mantel der Filmgeschichte - und die Berlinale kann sich glücklich schätzen, einen Zipfel erwischt zu haben.

Eine sture, steinefressende Zecke

Zugleich gibt "There Will Be Blood'' dem Festival und dem Kinojahr auch ein Thema vor. Es geht um eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine Beschwörung der Vergangenheit, eine Rückbesinnung der Söhne auf ihre Väter und Vorväter. Vieles, was vor kurzem noch das nächste große Ding war, sieht auf einmal eher wie der letzte kleine Irrweg aus: Die postmoderne Fragmentierung des Denkens und Schauens; der Hang zur popkulturellen Ironie; der Vorstoß ins Digitale und auch der zunehmende Story-Overkill der turboseriellen Fernsehproduktion in Amerika.

Die Kraft des Erzählens liegt hier wieder da, wo sie eigentlich immer schon lag: In der Konzentration der Mittel, in der Beschränkung der Perspektive, im altmodischen und zugleich visionären Tunnelblick auf einen Protagonisten, der keine anderen Götter neben sich dulden wird.

Dieser Mann heißt Daniel Plainview - doch dort, wo wir ihn kennenlernen, spielen Namen noch gar keine Rolle. Oder Worte überhaupt. In der karstigen Bergwelt des amerikanischen Westens, die ihren Widerstand gegen den Menschen schon mit den schizoiden Sphärenklängen des Radiohead-Soundmalers Johnny Greenwood ankündigt, gräbt Plainview nach einer besseren Zukunft.

Oder besser gesagt, er nagt an den Schätzen der Natur wie eine sture, einsame, steinefressende Zecke. Zunächst gewinnt er Silber, dann Öl, dann schuftet er mit einem Kompagnon, den ein grausiger Minenunfall gleich wieder dahinrafft. Gesprochen wird nichts. Zurück bleibt ein Säugling, den Plainview zu sich nimmt, unbeholfen und doch entschlossen, in der einzigen zärtlichen Szene des Films. Es ist das Jahr 1898. Er hat einen Plan.

Ein wilder Ritt

Etwa zehn Jahre später sehen wir ihn wieder. "Ladies and Gentleman'', sagt er da. "I'm an oil man.'' Noch immer arbeitet er daran, der Natur ihre Schätze zu entreißen, aber jetzt kämpft er mit Worten. Präzise, melodische, harsche und zugleich verführerische Worte sind das, mit denen er die Landbesitzer überredet, ihm ihre Bohrrechte zu verkaufen. Die Zecke ist zum Kapitalisten geworden, der nun andere für sich nagen und bluten lässt. Der Säugling, inzwischen ein ernster Junge, nur H.W. genannt, steht ihm zur Seite als eine Art Maskottchen für seine Geschäfte: "Wir sind ein Familienbetrieb.''

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