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Berlinale:Träume ohne Sterne

Kinder filmen ihr Leben im Flüchtlingslager, unter Anleitung des kurdischen Regisseurs Bhaman Ghobadi. Und: ein Film aus den Todeszellen Südafrikas.

Von Anke Sterneborg

"Komm mit", sagen die Mädchen und Jungs, "ich zeig dir mein Leben." Was in anderen Gegenden der Welt eine Einladung zum Spielen wäre, ist in den riesigen Flüchtlingszeltlagern am Rande der zerbombten syrischen Städte Kobanê und Singal die Aufforderung, sich ein Bild davon zu machen, was diese Kinder ertragen müssen. Der kurdische Regisseur Bahman Ghobadi, der sich schon oft mit dem Schicksal von Kindern in Krisengebieten befasste ("Zeit der trunkenen Pferde"), hat für die Produktion "Life on the Border" (zu sehen in der Reihe Generation 14 plus) acht Teenagern aus den überwiegend von seinen Landsleuten bewohnten syrischen Städten die Möglichkeit verschafft, mit Unterstützung eines erfahrenen Filmemachers ihren Alltag zu filmen - so ähnlich wie das Marie Steinmann und Tom Tykwer in ihrem Afrika-Projekt "One Fine Day" mit den Slumkindern von Nairobi tun.

Wir erleben zum Beispiel Diar Omar, dessen Gesicht mit Brandnarben übersät ist, dessen Eltern wie Mumien bandagiert auf dem Zeltboden liegen. Nur ein Auge des Vaters lugt aus dem Verband, dringend bittet er um eine Brille, um damit auch etwas sehen zu können. Also macht sich der Junge auf die Suche. Ein Arzt zieht ohne zu zögern seine Ray-Ban-Brille aus der Tasche, ein Mann braucht seine Brille selber, eine Frau teilt ihre - um Details wie Sehstärke oder Krankheitssymptome schert sich hier niemand.

In den Todeszellen von Kapstadt - Steve Coogan in dem südafrikanischen Film "Shepherds and Butchers" von Oliver Schmitz.

(Foto: Berlinale/Panorama)

Delovan Kekha bringt ihrem elend kranken Vater kleine gefaltete Papierchen mit Gebeten, die er in Wasser auflösen und trinken soll. Der dreizehnjährige Mahmod Ahmad möchte noch mal das Haus sehen, in dem seine Familie gelebt hat. In den Trümmern entdeckt seine kleine Schwester ihre Puppe, doch auch diese kleine Freude wird in Tränen erstickt, als sie unter dem Geröll ihren Vater findet, der zurückgeblieben war, um weiterzukämpfen. Eine Mutter wünscht ihrer eigenen Tochter den Tod, weil das gnädiger ist als das Grauen, das sie in Gefangenschaft der IS-Kämpfer erleiden muss. Und wer kommt auf die Idee, den Kindern "American Sniper" zu zeigen, der als "Film mit wunderbaren Kriegsszenen" angekündigt wird, als hätten sie davon nicht schon genug erlebt. Als es draußen in der Wirklichkeit kracht, haben die Fiktionen ausgedient, alle stürmen aus dem Kinozelt. Mit ihren Filmen öffnen die Kinder ein kleines Fenster, sie nehmen ihre Aufgabe als Filmemacher ernst, ohne um Mitleid zu buhlen. Die täglichen Nachrichten aus den Krisengebieten, die sonst so abstrakt bleiben, bekommen hier physische und emotionale Dichte. Doch in der inneren Stärke, mit der diese Kinder dem Grauen trotzen, liegt auch ein Keim von Hoffnung.

Im Programm der Jugendfilmreihe Generation 14 plus lassen sich ungewöhnliche Entdeckungen machen - die hier nur laufen, weil ihre Helden unter zwanzig sind. Die jungen iranischen Straftäterinnen zum Beispiel, die Mehrdad Oskouei in "Royahaye Dame Sobh/Starless Dreams" zu Wort kommen lässt. "Keiner liebt mich", sagt eine von ihnen und lacht dazu, als wäre es ein Scherz. Die verständnisvolle Ruhe, mit der Oskouei die Frauen aus dem Off befragt, ist eine Ausnahme in einer Gesellschaft, in der das Unrecht der Männer herrscht, in der nicht die Vergewaltiger, sondern ihre Opfer verstoßen werden. Drogenhandel, Diebstahl, Gewaltdelikte und Mord sind Notwehr gegen die Zustände in Iran, und man spürt, dass es den meisten der Mädchen im Gefängnis besser geht als draußen. Es gibt unbeschwertes Lachen und Ballspiele, man sieht ihre Tagebücher voller Notizen und Zeichnungen, Träume und Hoffnungen - eine Ahnung von der unbeschwerten Kindheit, die sie nie hatten. Plötzlich konstatiert dann, ganz ruhig und sachlich, ein Mädchen, es sei dieses Lebens müde, wäre lieber tot.

Auch der neunzehnjährige Leon Labuschagne, der 1987 in einer Regennacht in Pretoria sieben Spieler eines schwarzafrikanischen Fußballklubs erschießt, sieht nur auf den ersten Blick wie ein kaltblütiger Killer aus. Entsprechend wenig Lust hat der von Steve Coogan gespielte Anwalt in "Shepherds and Butchers" (zu sehen im Panorama), den sicheren Kandidaten für die Todesstrafe (die in Südafrika inzwischen seit rund zwanzig Jahren abgeschafft ist) zu verteidigen. Als er allerdings erfährt, dass der beharrlich schweigende Bursche bereits als Siebzehnjähriger im Todestrakt des Gefängnisses arbeiten musste, in dem er jetzt einsitzt, verbeißt er sich doch in den Fall.

Mit dem harten Gerichtsdrama "Shepherds and Butchers" setzt sich der in Kapstadt geborene Regisseur Oliver Schmitz (Mitarbeit an "Türkisch für Anfänger") erneut in einem Spielfilm mit der Geschichte seiner südafrikanischen Heimat auseinander. In schonungslos wuchtigen Szenen macht er die Widersprüche spürbar, wenn ein junger Mensch als Wärter erst Hüter, dann Schlächter der Gefangenen sein muss, die er betreut. Hunderte Male muss er zusehen, wie die Menschen, die er monatelang versorgt hat, am Strick baumeln, die Schließmuskeln öffnen sich, und sie verlieren den kläglichen Rest ihrer Menschenwürde. Ein wuchtiger kleiner Film über das Töten.

© SZ vom 18.02.2016
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