Berlinale-Film: "There Will Be Blood" Katholizismus ist Händewaschen nach dem Sex

Was das Ölgeschäft und die Filmindustrie verbindet und warum er noch nicht genug getrunken hat - Filmemacher Paul Thomas Anderson spricht im Interview über "There Will Be Blood".

Interview: Jörg Häntzschel

Paul Thomas Andersons zweiter Film "Boogie Nights" wurde 1998 für drei Oscars nominiert, der dritte, "Magnolia", wurde 2000 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Seine Öl-Saga "There Will Be Blood" läuft nun im Wettbewerb.

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SZ: "There Will Be Blood" ist so groß und episch wie die Landschaft, in der er spielt. Und trotzdem lebt er vom Geist der Independents. Wie macht man das?

Paul Thomas Anderson: Ganz einfach: Geldmangel. Mir war schon beim Schreiben klar, dass wir keine Chance hatten, viel Geld für diesen Film zu bekommen. Meine Filme spielen nicht viel mehr als die Produktionskosten ein, um große Summen kann man da nicht bitten. Aber es stellte sich heraus, dass das von Vorteil war. Es ist eine Herausforderung, die einem letztlich hilft beim Arbeiten. Viele Szenen sind in Wahrheit klein einfach, da gehört nicht viel dazu. Klar, es gab ein paar aufwendige Sequenzen, vor allem natürlich die mit der brennenden Ölquelle. Aber auch das war in fünf Tagen geschafft. Der allergrößte Teil bestand aus wirklich intimer Arbeit.

SZ: "Magnolia" und "Boogie Nights" haben diese kathartischen Elemente. Wenn die durchlitten sind, gibt es wieder Hoffnung. Hier dagegen nichts dergleichen. Der Film ist wie ein Demolition-Derby, ein Kegelspiel, bei dem einer nach dem anderen aus dem Leben von Daniel Plainview verschwinden muss.

Anderson: Er hat ja seine Befriedigung, er ist happy - auf seine Weise. Tatsache ist: Sehr wenige der erfolgreichen Ölmänner dieser Zeit waren am Ende glücklich. Die Einzelheiten mögen sich unterscheiden, doch die Geschichten ähneln sich, fast jeder war in irgendeinen Skandal verwickelt. Es gab Unfälle, es gab Tote. Es war fast unvermeidlich. Diese Männer hatten es sehr schwer, in das moderne Zeitalter zu finden. Ein anderes Ende als das in meinem Film wäre deshalb kaum denkbar gewesen.

SZ: Verstehen Sie Ihren Film als eine Art historisches Drama oder als Kommentar zum Zustand der Welt im Jahr 2008?

Anderson: Ich bin nicht doof, ich weiß, wie es um die Welt steht. Aber als wir uns an diesen Stoff herangetastet haben, versuchten wir, ihn auf seinem elementarsten Level zu verstehen: als Kampf zwischen dem Ölmann und dem Priester, diesen beiden Männern, diesen Jungen. Es wird sehr gefährlich, wenn man mit Parabeln und Metaphern anfängt. Selbst die beiden großen Themen, für die die beiden Männer stehen, Öl und Religion, verschwanden aus dem Bewusstsein. Es ging uns um menschliche Grundinstinkte: Sie können sich nicht ausstehen. Das ist es, was zählt.

SZ: Vielleicht stammt der extrem düstere Eindruck, den der Film macht, von der fast brutalen Direktheit des Erzählens. Da ist nichts von den stilistischen Idiosynkrasien und der Ironie anderer Regisseure Ihrer Generation zu finden, wie etwa Wes Anderson, Spike Jonze oder Michel Gondry.

Anderson: Ich hoffe, der einzige Stil in diesem Film ist der "Stil" von Daniel Plainview. Der Filmemacher soll dem aus seiner Perspektive stilistisch nichts hinzufügen. Man muss versuchen, dem Drive und dem Ehrgeiz und der Disziplin dieses Mannes so gut es geht zu folgen. So direkt und einfach wie möglich. Ironie kann ich nicht leiden, sie hat hier nichts verloren. Ich hoffe, ich bin nie ironisch. Geh aus dem Bild, sei so einfach wie möglich: So verstehe ich meinen Job.

SZ: Kein Stil: Ist das Ihr ästhetisches Programm?

Anderson: Dafür habe ich mich schon zu oft des Stils schuldig gemacht. Aber jeder Stoff ist unterschiedlich. Mein Credo ist: Die Geschichte kommt zuerst; zu ihrem Kern vorstoßen, das ist die Aufgabe.

SZ: Ihr Film basiert auf dem Roman "Oil!" des Sozialisten und Anarchisten Upton Sinclair. Doch den politischen Aspekt haben Sie aus Ihrem Film ganz ausgeklammert.

Anderson: Für so etwas sind Bücher besser geeignet. Hätte ich die Politik dringelassen, wäre der Film viel zu verquatscht geworden. Es hätte der Geschichte geschadet. Ich glaube auch, dass diese Männer nicht viel miteinander sprachen. Man verständigte sich so knapp wie möglich, mehr war bei dieser unglaublichen harten Arbeit nicht drin. Wir haben wirklich alles getan, um keinen politischen Film zu machen.

SZ: Politische Filme . . .

Anderson: . . . sind langweilig!

SZ: Oder glauben wir heute einfach nicht mehr an die reformerischen Ideen aus Sinclairs Zeiten.

Anderson: Ich weiß nicht. Ist einfach nicht mein Ding. Ich lese das gerne in einem Buch. Selber kann ich so etwas nicht. Aber ich muss mich korrigieren. Nicht alle politischen Filme sind langweilig. "All the Presidents Men" ist ein politischer Film. Ein toller Film!

SZ: Sie erzählen die Biographie dieses Mannes als Geschichte eines Landes. Zu Beginn gibt es nur Sand, Steine und schmieriges Zeug, das aus dem Boden quillt. Am Ende ist eine Industrie da, ein Land, mit Städten und Kirchen.

Anderson: Ich dachte nicht so sehr an Amerika, eher an Kalifornien, wo ich herkomme, wo ich lebe, wo ich geboren wurde. Ich liebe Kalifornien. Und ich war immer unglaublich neugierig, herauszufinden, was es mit diesen Ölpumpen auf sich hat, die gar nicht weit von hier in der Landschaft stehen; was für ein Zeug das ist, das sie aus dem Boden holen, und das wir so lieben. Doch so interessant diese Fragen sind, ab einem gewissen Punkt muss man aufhören, darüber nachzudenken. Man überhebt sich sonst.

SZ: Ihr Film hat eine unglaubliche physische Intensität. Man spürt beinahe das zähe Öl auf der Haut, und wenn Daniel Day-Lewis am Anfang in das Loch fällt, tut es geradezu weh.

Anderson: Wenn Sie in der Wüste stehen, mit nicht mehr in der Hand als den Werkzeugen, die diese Leute hatten - Spitzhacke, Schaufel und Eimer -, dann haben Sie diese Authentizität sofort. Und was Daniels Unfall angeht: In Texas fanden wir eine alte Mine mit einem vertikalen und einem horizontalen Zugang, in der wir diese Szene gedreht haben. Daniel ist tatsächlich da runtergefallen und hat sich eine Rippe gebrochen.

SZ: Sünde, Beichte, Schuld tauchen in all Ihren Filmen auf. Wie katholisch sind Sie?

Anderson: Wahrscheinlich katholischer als ich denke. Ich bin katholisch erzogen worden, allerdings ohne große Überzeugung: Man griff darauf zurück, wenn man es brauchte, und vergaß es, wenn es einem gut ging. Schwer zu sagen, wie sehr mich der Katholizismus beeinflusst hat, aber ich wasche mir immer noch die Hände nach dem Sex.

SZ: Warum also die Prominenz dieses Themas in Ihrem Werk?

Anderson: (stöhnt) Ich müsste so objektiv sein, um das zu beantworten, und ich weiß nicht, ob ich das jetzt will. Es ist noch früh am Morgen hier, ich habe noch nicht genug getrunken.

SZ: Was hat es auf sich mit dem Fieber, von dem viele Ihrer Figuren geschüttelt sind? Sie selbst machen einen ruhigen Eindruck, aber Ihre Charaktere wissen kaum wohin mit ihren Emotionen.

Anderson: Ich bin wahrscheinlich eher wie sie, wenn ich nicht gerade Interviews gebe. Man versucht ja doch, sich ein wenig zusammenzureißen.

SZ: Wie Tom Cruise in "Magnolia" oder Adam Sandler in "Punch Drunk Love"?

Anderson: (lacht laut)

SZ: Ist die Filmindustrie wie die Ölindustrie?

Anderson: Ja! Ein schmutziges Geschäft. Aber gut.

SZ: Sie haben Ihren Film Robert Altman gewidmet, der vor zwei Jahren gestorben ist. Wie gut kannten Sie sich, und was haben Sie von ihm gelernt?

Anderson: Als er seinen letzten Film "The Last Radio Show" drehte, war er schon sehr krank. Er brauchte einen zweiten Regisseur für die Versicherung. So verbrachten wir einen Monat zusammen. Doch schon vorher waren wir gute Freunde. Er war immer unglaublich großzügig zu mir. Er hätte es nicht sein müssen, aber er war es. Ich mochte ihn sehr und vermisse ihn jeden Tag. Wichtiger als das, was ich von seinen Filmen selbst gelernt habe, war aber, wie er sie als Gemeinschaftsprojekte verstand. Er liebte seine Arbeit und er war so gut darin.