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Berlin Biennale:Jesus auf der Straße

Philippinische Wandteppiche treffen brasilianische Videokunst: Die Berlin Biennale gibt sich im Jahr der Corona-Krise betont politisch und dekolonialistisch.

Von Kito Nedo

Hubert Fichte und Leonore Mau müssten heute vermutlich nicht mehr nach Salvador da Bahia fahren, um das Kräuterwissen der Candomblé zu studieren. Ein Trip nach Berlin-Kreuzberg würde wohl genügen. Das legt jedenfalls eine groovende Videoarbeit der Künstlerin Virginia de Medeiros nahe, die zurzeit im Rahmen der 11. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst in Berlin gezeigt wird. Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt hat die Künstlerin aus São Paulo acht weibliche Mitglieder von Ilê Obá Sileké gefilmt, einem Kreuzberger Candomblé-Tempel. In Zusammenarbeit mit den Porträtierten produzierte sie anschließend eine Filmcollage, die mit ihren behutsamen Gesten wie ein minimalistisch-malerisches Musikvideo wirkt. Ilê Obá Sileké ist der einzige Candomblé-Tempel in Deutschland. Dort wird die afrobrasilianische und matriarchal strukturierte Religion praktiziert, die einen ihrer zentralen Bestandteile im Tanz hat. Nach Brasilien kam der Glaube ursprünglich mit den dorthin verschleppten Sklaven aus Westafrika. Er hält die Erinnerung an die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels wach, von dem Europa einst profitierte. Seit ein paar Jahren auch mitten in Berlin.

Wer meint, Gegenwartskunst sei eine seichte Spaßveranstaltung, erlebt hier das Gegenteil

"Der Riss beginnt im Inneren" haben die vier Kuratorinnen und Kuratoren, María Berríos, Lisette Lagnado, Renata Cervetto, Agustín Pérez Rubio die 11. Berlin-Biennale betitelt. Geliehen haben sie sich die Wendung bei der ägyptischen Dichterin und Kulturwissenschaftlerin Iman Mersal, die in Kanada lebt und arbeitet. Wer durch die Ausstellung geht, die bis Ende Oktober neben der KW auch im Berliner Gropiusbau, der Daadgalerie und dem Kulturzentrum ExRotaprint in Berlin-Wedding stattfindet, der spürt das Bemühen des Kuratorinnenkollektivs, kein leicht verdauliches Kunst-Event abzuliefern. Manchmal groovt es, wie bei de Medeiros. Meistens aber nicht. Und wäre es anders, es würde wahrscheinlich seltsam weltfremd wirken, nicht nur nach den Monaten in der globalen Pandemie-Krise, die die Gegenwart noch immer fest im Griff hält. Die Corona-Krise hat viele Probleme wie durch ein Brennglas sichtbar werden lassen: Rassismus und andere Formen der Diskriminierung, Gewalt gegen Frauen, Armut, Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeiten, Verschwörungstheorien und die Beschwörung neuer aggressiver Nationalismen, Naturzerstörung und Klimakatastrophe. Die Kritik an den Verhältnissen, die sich das Berliner Kunstfestival verschrieben hat, kommt hier meistens in Form einer Nach-Geschichte, mit radikaler Poesie und gerahmt von Pathos. Es geht auch um Formen des Widerstands, um Gemeinschaft, die Sorge füreinander. Wer meint, Gegenwartskunst sei durch den Markt korrumpiert und eine seichte, unpolitische Spaßveranstaltung geworden, der wird auf dieser Biennale das Gegenteil erleben.

Die große Ausstellungshalle im Erdgeschoss der KW haben die Kuratoren zum Beispiel in eine Art "Anti-Kirche" verwandelt: am Boden liegen zehn zu einem Kreis arrangierte lebensgroße Jesusfiguren, so als seien sie gerade von ihren Kreuzen abgenommen worden. Sie stammen von dem südkoreanischen, seit ein paar Jahren in Berlin lebenden Künstler Young-Jun Tak und bilden die Installation mit dem Titel "Chained". Die Oberfläche der in Italien gefertigten Figuren verklebte Young-Jun Tak mit hetzerischen Flyern, wie sie von fundamentalistisch-christlichen Aktivisten jedes Jahr am Rande der Pride Parade in Seoul verteilt werden. Mit seiner Installation nimmt der 1989 geborene Künstler auch Bezug auf der Praxis jener hasserfüllten Fanatiker, die sich auch auf Straßen legen, um Pride-Umzüge zu blockieren. Das wirkt weniger spaßig als der lustige, alte Kippenberger-Frosch.

Wie Kunst und Widerstand zusammengehen das lässt sich etwa am Gefängnistagebuch der kurdischen Künstlerin und Journalistin Zehra Doğan ablesen, die wegen ihrer publizistischen Arbeit in der Türkei inhaftiert wurde. Doğan hielt ihre Erlebnisse in einem türkischen Gefängnis in Form einer Graphic Novel fest und schmuggelte die Blätter aus der Haft. Nun sind sie in einer langen Vitrine in der KW ausgestellt. In São Paulo fand das "Teatro da Vertigem" in Zusammenarbeit mit dem Künstler Nuno Ramos einen Weg, um auf ungewöhnliche Weise gegen die tödliche Politik des faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro zu demonstrieren. Anfang August fuhr ein Begräbniszug aus 120 Autos im Rückwärtsgang durch das Bankenviertel der Stadt. "Marcha à ré" - "Rückwärtsgang" ist der Titel der Aktion und liefert eine schlüssige Formel für das Gefühl das einen angesichts der aktuellen Politik nicht nur in Brasilien befallen könnte. Historische Parallelen lassen sich vielleicht zur Arbeit des anarchistischen Theaterkollektivs Solvognen in Dänemark ziehen, die in einer Dokumentation in der Daadgalerie gezeigt wird. Mitte der Siebziger marschierte eine "Santa Claus Army" in Kopenhagen ein: einhundert Weihnachtsmänner sangen Lieder und verteilten Kakao, versuchten aber auch eine Fabrik zu besetzen, mischten ein Kaufhaus auf oder machten sich mit Schaufeln und Spitzhacken demonstrativ an einem Gerichtsgebäude zu schaffen. Wenn Polizisten versuchen den Sympathieträger Weihnachtsmann verhaften, sieht das einfach komisch aus.

Die anarchistischen Weihnachtsmänner in Kopenhagen sind ein gutes Antidepressivum, genauso wie der Weg zwischen den verschiedenen Ausstellungsorten in Berlin. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die öde Stadtlandschaft im Zentrum jemals einen Grund zur Freude liefern würde? Aber es ist tatsächlich so: Wer mit dem Fahrrad von den Kunst-Werken in der Auguststraße hinüber zum Gropiusbau in der Nähe des Checkpoint Charlie fährt, der hat die Friedrichstraße fast für sich allein, da ein großer Abschnitt der Einkaufs- und Büromeile derzeit in einem groß angelegten Testversuch temporär für den Autoverkehr gesperrt ist. Diese Erfahrung ist auch ein bisschen unheimlich: Wie ist das möglich, einen Teil des Zentrums einfach so für Autos zu sperren? Es geht offensichtlich.

Im obersten Stockwerk des Gropiusbaus wird der dekolonialistische Leitfaden der Biennale weitergesponnen. Riesig und eindrucksvoll sind hier etwa die farbigen Textilarbeiten der philippinisch-amerikanischen Künstlerin Pacita Abad (1946-2004) die rings um eine Rotunde gehängt sind. Für ihre in den Achtzigern und Neunzigern entstandenen "Maskenbilder" verwendete Abad eine italienische Stepptechnik aus dem 14. Jahrhundert und kombiniert sie etwa mit Muscheln und Bildsprachen, die man nicht mit Europa assoziiert. In dem zwischen 1985 und 1995 entstandenen Textil-Bild "Marcos and His Cronies" rechnet sie etwa mit dem verhassten philippinischen Diktator ab. Abads Werk gehört zu den großen Entdeckungen dieser Biennale.

Auch anderswo wird ihr Werk längst gewürdigt. Letztes Jahr kaufte etwa die Londoner Tate drei große Arbeiten aus dem Nachlass für die eigenen Sammlung an. Die direkten Berlin-Bezüge werden sparsam gesetzt und sind eher von historischer Natur. Da ist etwa die Geschichte der zweiteiligen Ausstellung "Künstler aus Lateinamerika" die 1982 in der Westberliner Daadgalerie in der Kurfürstenstraße stattfand. Damaliger Leihgeber war das alternative "Museo de la Solidaridad Salvador Allende" - "Museum der Solidarität Salvador Allende" welches sich seit dem Putsch im Pariser Exil befand und die traditionelle westliche Museumspraxis konzeptuell infrage stellte.

Zwischen all die kritische Gegenwartskunst haben die Kuratoren und Kuratorinnen auch grafische Blätter von Käthe Kollwitz platziert. So erinnern sie an die politische Sprengkraft die diese sozialkritische Kunst zu ihrer Zeit besessen hat. Kollwitz rückte etwa das Schicksal der Arbeiterfrau ins Zentrum ihrer Bilder und produzierte damit ein frühes feministisches Statement. Dass später ausgerechnet konservative Politiker wie Helmut Kohl zum Kollwitz-Fanclub gehörten, zählt zu den schönen, rätselhaften Volten der Geschichte von Kunst und Politik. Auch wenn es derzeit wohl drängendere Fragen zu klären gibt.

Bis 1. November, Tickets für die verschiedenen Ausstellungsorte können unter https://bb-shop.visitate.net/de/tickets vorab gebucht werden.

© SZ vom 23.09.2020

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