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Beim wichtigsten Fotografen der Welt:Bilder einer Einstellung

Gerhard Steidl taucht steil unter all dem Gebussel durch, bis er direkt vor Lagerfeld steht und ihm mit ausdrucksloser Miene den Andruck für einen kleinen Band mit Schwarzweiß-Fotografien vorblättert, "Abstract Architecture", Linien, Schatten, Fenster, Säulen. Die Show kann jeden Moment losgehen, aber jetzt ist erst mal dieses Buch dran.

Zehn Minuten später bringen die Mädchen, die gerade noch mit diesem abgefuckt neurasthenischen Blick auf ihren Plastikstühlen herumlümmelten, ein Lächeln mit aus den Kulissen, als wüssten sie um alle Schönheit des Verfalls. Die Sonne gleißt durchs Glasdach, als würde sie, brennend vor Neugierde, mit einem Makroobjektiv hier reinstieren, jeder Strahl scharf gestellt, auf die staksigen Models und die Zuschauer, die sich mit Steidls Einladungskarten Luft zufächeln. Gerhard Steidl schaut ihnen zufrieden dabei zu: "Soll noch einer sagen, die papierlose Welt sei sinnvoll."

Acht bis 15 Tage im Monat nimmt die Arbeit für Chanel Steidl in Beschlag, er ist bei allen Mode-Shootings von Lagerfeld dabei, aber nach der Show hastet er ohne Blick an Claudia Schiffer vorbei, weil er Lagerfelds Assistenten den Andruck des neuen Katalogs zeigen möchte. Ob er denn ein gutes Personengedächtnis habe. "Überhaupt nicht, ein gutes Gedächtnis hab ich nur für Fotos, Papier und Schnipsel." Kurz darauf gibt er davon eine Probe: 12 Uhr, er ist verabredet in den Büros von Chanel, aber keiner ist da, wahrscheinlich feiert die Belegschaft erstmal bei einem guten Essen die Show. "Verabreden sie sich nie mit einem Franzosen zwischen 12 und drei," stöhnt Steidl. "Was die immer essen gehen, das treibt einen zum Wahnsinn."

In seinem Verlag hat Steidl vor Jahren schon einen Koch eingestellt. In "How to make a book with Steidl", dem verlagsinternen Handbuch für angehende Steidlkünstler, wird erklärt, der Grund dafür sei optimiertes Zeitmanagement: "Früher verließen die Künstler zum Essen immer das Gebäude; einige von ihnen mussten wir oft Stunden später in den umliegenden Kneipen suchen gehen. Jetzt darf niemand mehr das Haus verlassen - das Essen wird von unserem Küchenchef Rüdiger Schellong gekocht. Ich stelle mir unser Gebäude oft als U-Boot vor: Sobald alle an Bord sind, tauchen wir ab, und bis zum Ende der Reise gibt es weder frische Luft noch Tageslicht."

Jetzt steht der U-Boot-Kommandant im grellen Pariser Mittagslicht, ruft in Göttingen an und gibt ein Beispiel für sein Zettelgedächtnis: "Geh mal in mein Büro, stell dich vor den Schreibtisch. Links liegt ein Stapel, daneben liegen drei Plastiktüten. Die mittlere ist von Chanel; obenauf liegt eine Visitenkarte von Marie-Louise. Ja, ich hab"s eilig."

Da er"s eilig hat, da außerdem Robert Frank auf der anderen Seite des Atlantiks wartet, nur ein kursorischer Abriss dieses Restarbeitstages: Gelebter Virilio, das Ganze. Ein eigener Fahrer, an sechs verschiedenen Orten werden sechs neue Projekte besprochen, darunter der Katalog einer Doppel-Ausstellung: Amerika-Bilder von Henri Cartier-Bresson und Walker Evans werden einander gegenübergestellt, beim Durchblättern dieser streng kadrierten Bilder sieht man, wie skandalös neu Robert Franks Aufnahmen damals gewirkt haben müssen, diese wilden Snapshots, als habe er Amerika aus einem fahrenden Auto fotografiert.

Steidl bewegt sich durch Paris wie ein Fleisch gewordener Vektor, funkt permanent Anweisungen nach Göttingen und schwärmt von Lagerfeld, den er 2000 dazu überredete, gemeinsam den Verlag 7L zu gründen. Gegen zwei Uhr nachmittags sitzt Steidl im Laden dieses Verlags, zeigt einem Chanel-Mitarbeiter den Herbst-Katalog und beprasselt ihn mit Ausführungen zu Papiergewicht, Farbe und Aufhellung. Der Mann nickt alles eher nachlässig ab. Am Ende sagt Steidl: "The Paper. Smell it!" Der Mitarbeiter lässt die Nase vorsichtig über dem aufgeschlagenen Katalog kreisen. Steidl schnellt vor und hält sein ganzes Gesicht rein, zwischen die Seiten, wie in einen üppigen Ausschnitt, und saugt Luft ein. Als er wieder emportaucht, konstatiert er mit ausdrucksloser Miene: "Beautiful." In dem Moment kommt die Buchhändlerin angetippelt: "You know, this is a public space, I"m a little . . ." "Yes", bescheidet sie Steidl, "we"re ready in a minute."

Um sieben Uhr abends geht es mit einem Privatjet zurück nach Göttingen, die Maschine ist noch nicht in der Luft, da hat Steidl schon den Sitz zurückgeklappt, die Schlafbrille aufgesetzt und Ohropax in die Ohren gestopft.

Am nächsten Morgen geht der ICE um 5:50 Uhr von Göttingen, Steidl hat vorher zwei Stunden im Verlag alles klargemacht für seine Abwesenheit. An der Druckmaschine hängen Bogeneinteilungen für den Bildband "Movement" von Guido Mocafico sowie handschriftliche Zettel von Steidl: "Wenn es irgend geht, müssen wir auch am Sonntag drei Schichten machen. Bitte eintragen!" Die Maschine wird die nächsten Monate nonstop durchdrucken, Tag und Nacht. "Der Druckplan steht bis November 2009, der ist eng, da passt kein Blatt dazwischen."

Ein wunderschönes altes Fischerhaus, halbversunken im hohen Gras, graugrüne abgeblätterte Farbe, durch die offenen Fenster weht der Atlantikwind. Robert Frank steht vor den Pappeln, die er selber gepflanzt hat, die Hände tief in den Taschen, und schaut skeptisch wie der Schwarze auf dem Bild aus San Francisco: Was willst Du, Fremder?

Wir sind gerade angekommen, der Körper vibriert noch nach von der frenetischen Raserei, da sagt Steidl: "Ich habe eine schlechte Neuigkeit, ich muss morgen schon zurück." Frank grummelt: "Immerhin bleibst Du diesmal über Nacht."

Robert Frank zog sich Ende der sechziger Jahre in dieses Haus zurück, vor dem Kunstbetrieb, vor New Yorks Lärm, vor dem Ruhm. Vergebens. Frank ist der Säulenheilige der Fotografie, gerade weil er nichts wissen will von Verehrung und Standbildern. Jetzt, zum 50. Geburtstag von "The Americans", sind die Bücher, Filme, Ausstellungen kaum zu zählen. "Wie ermüdend das ist, wenn Leute immer noch eine Biographie über Robert schreiben", sagt Franks Frau, die Malerin June Leaf, zu Steidl. "Was für eine reine Idee, es so zu machen wie Du. Einfach möglichst schön sein Werk zu zeigen."

Als Frank durch Amerika fuhr, war Steidl fünf Jahre alt, ein dicker Junge, dem Appetithemmer verordnet wurden. Er war schlecht in der Schule, ein stummer Kummerkloß, fast wäre er auf die Sonderschule gekommen, bis eine Ärztin die Psychopharmaka absetzte. Danach wurde er aus dem Stand Klassenbester, der Sohn eines Hilfsarbeiters übersprang zwei Klassen, machte mit 17 Abitur und gründete 1968 seinen Verlag. Als er Frank den Herbst-Katalog überreicht, entdeckt der einen medaillenähnlichen Aufkleber, schaut in Steidls jungenhaftes Gesicht und sagt: "Wie? 40 Jahre machst Du das schon?" Dann blättert er das Programm durch, in dem seine eigenen Werke nur wenige Seiten ausmachen und auf seinem Gesicht spielen Konsterniertheit und Neugier ineinander, als er sagt: "Oh, Polidori. Sturges . . . Muss Spaß machen, all diese Bücher zu verlegen." Lagerfelds flach monotonen Porträtbilder eines Models zermalmt er geradezu mit seinem schweigenden Blick.

Als Frank die Ankündigung des Katalogs von Evans und Cartier-Bresson sieht, fragt er: "Hast Du Cartier-Bresson noch kennengelernt?" "Wir haben drei Bücher zusammen gemacht. Als ich ihm das dritte schickte, lag er seit zwei Tagen krank im Bett. Seine Frau zeigte ihm das Buch, er blätterte es durch, sagte ,Well done" und starb." Alle hatten mit einer freundlichen Anekdote gerechnet, jetzt steht plötzlich der Tod im Raum. Nach Sekunden des Schweigens lacht Frank grimmig: "Well, this will not happen here. Let"s work."

Lesen Sie auf der dritten Seite, warum Robert Franks späten Bilder so düster sind.

Das wichtigste Buch der Fotogeschichte

Du hast Augen!