Begriffsgeschichte Wo ist der Fortschritt geblieben, den weder Ochs noch Esel aufhalten?

Die deutschen Lexika und Abhandlungen zur Begriffsgeschichte sind international sehr erfolgreich. Ein kritisches Kompendium erschließt nun ihre Leistungen und Grenzen.

Von Clemens Knobloch

Als die CDU Anfang der 1970er-Jahre in die politische Defensive geraten war, prägte ihr damaliger Generalsekretär Kurt Biedenkopf die Parole vom "Begriffe besetzen". Dahinter stand die Erkenntnis, dass sich im sozialdemokratischen Vokabular von Emanzipation und Chancengleichheit viele Menschen erkennen und artikulieren konnten, denen das Vokabular der Fünfzigerjahre so fremd geworden war wie uns heute die Emanzipationseuphorie um 1970.

Von Globalisierung, Zivilgesellschaft und Islamismus war damals noch nicht die Rede. In Arbeit waren aber bereits die "Geschichtlichen Grundbegriffe", das von 1972 bis 1996 erschienene große Nachschlagwerk zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, geprägt vor allem in der Schlussphase von dem 2006 gestorbenen Historiker Reinhart Koselleck. Mit Einträgen zu den großen Programm-, Selbst- und Fremddeutungs- und Kampfbegriffen der Zeit seit 1750 rekonstruiert das Lexikon politisch-soziale Kämpfe im Medium der Begriffe, in denen sie öffentlich ausgetragen wurden. Seither hat es zahlreiche Nachahmer und Fortsetzer auf anderen Fachgebieten gegeben ("Ästhetische Grundbegriffe", "Historisches Wörterbuch der Biologie", "Historisches Wörterbuch der Rhetorik"), aber auch konkurrierende Ansätze zur Sprachlichkeit von Macht- und Wissenskomplexen, oft verbunden mit dem Schlagwort Diskurs (und dem Namen Foucault) oder mit der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns. Zudem ist aus der deutschen Begriffsgeschichte mittlerweile das einzige geisteswissenschaftliche Unternehmen mit großer internationaler Ausstrahlung geworden.

Ernst Müller und Falko Schmieder, Mitarbeiter des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, haben jetzt ein umfangreiches Kompendium vorgelegt, in dem das gesamte Umfeld begriffsgeschichtlicher Forschung und Praxis rekonstruiert wird. Viel Raum beanspruchen die geistesgeschichtlichen Quellen der Begriffsgeschichte in der sprachkritischen Philosophie, in der Kultur- und Geschichtswissenschaft, in Sprach- und Kommunikationswissenschaft und in der politischen Theorie und Ideengeschichte. Die Autoren der "Geschichtlichen Grundbegriffe" haben ihre Anregungen und Quellen selbst nur äußerst selektiv und strategisch freigelegt. Deshalb spielen die verborgenen Traditionen der Begriffsgeschichte zu Recht eine Hauptrolle im Kompendium, gerade auch die jüdischen bei Karl Mannheim, Ludwik Fleck, Richard Koebner, Hannah Arendt.

Ernst Müller, Falko Schmieder: Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 1027 Seiten, 30 Euro.

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Politische Begriffe haben einen polemischen Gehalt

Begriffe sind Werkzeuge im politischen wie im wissenschaftlichen Streit. Für den Historiker sind sie - nach einer bekannten Formel Kosellecks - Indikatoren vergangener Auseinandersetzungen. Aber in den Kämpfen selbst sind sie höchst reale Faktoren. Und während man bei Begriff zuerst an eindeutige Definitionen und theoretische Fundierung denkt, sind wenigstens politische Leitbegriffe immer umkämpft. Wirksam werden sie in dem Maße, wie sie die Erfahrungen der Benutzer mit deren Erwartungshorizonten verknüpfen können - auch das eine Formel Kosellecks.

Als eine Art Jenseits der klassischen Begriffsgeschichte stellen Müller und Schmieder auch eine Reihe von sozialwissenschaftlichen Unternehmungen vor, die weniger an historischer Tiefe als an gegenwärtigen Dynamiken des politisch-sozialen Sprachgebrauchs interessiert sind und die so das Gerüst der klassischen Grundbegriffe ergänzen: Evaluation, Rating/Ranking, Aktivierung, Flexibilität und Kreativität bevölkern die modernen Technologien der Macht und sind für ein Verständnis der Gegenwart unerlässlich.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Begriffsgeschichte und historische Semantik stellt der Verlage hier zur Verfügung.

Nicht selten markieren große Kompendien den Abschluss einer Epoche. Die Autoren zeigen, dass am Anfang der "Geschichtlichen Grundbegriffe" keineswegs nur das Motiv der historischen Dokumentation, sondern das Motiv der begrifflichen Anleitung und Munitionierung der politischen Kämpfe im konservativen Sinne (ganz wie bei Biedenkopf!) stand. Nicht zufällig stammt das Wort vom polemischen Gehalt aller politischen Begriffe von Carl Schmitt, dem wohl wichtigsten Lehrer Kosellecks. Tatsächlich sind aber, wie die Autoren notieren, viele Grund- und Leitbegriffe Kosellecks in der Gegenwart verblasst und zurückgetreten. Wer glaubt noch an den Fortschritt, den weder Ochs noch Esel aufhalten? Oder gar an den Sozialismus?

Als semantische Endmoränen hat der Fortschritt vielleicht noch die Innovation und das Wachstum zurückgelassen, aber selbst der Begriff Wachstum ist (außerhalb der hegemonialen Wirtschaftspolitik) in der Krise und verliert deutlich an programmatischer Strahlkraft. Und die Diagnose, wir lebten in einer Postdemokratie, kümmert kaum jemanden, obwohl Demokratie als einwandsimmunes Fahnenwort weltweit durchgesetzt ist.

Das kritische Kompendium zur Begriffsgeschichte hat nicht nur professionellen Historikern viel zu bieten, sondern auch den Praktikern der politischen Kommunikation, die sich mit den massendemokratischen buzzwords der Gegenwart herumschlagen, denen es zwar an historischer Tiefe fehlen mag, nicht aber an politischer Durchschlagskraft.