Bayreuth: Tristan und Isolde Die Reifeprüfung

Die Festspiele sind eröffnet: Katharina Wagner versucht in ihrer Neuinszenierung von "Tristan und Isolde", Tradition und Moderne zu versöhnen.

Von Reinhard Brembeck

Es ist dunkel und düster über Bayreuth. Den ganzen Nachmittag treibt ein zunehmend kühler werdender Wind schwarze Wolken über den Grünen Hügel, es will jedoch nicht regnen. So hängt eine ungewohnte Novemberstimmung in der Luft und passt bestens zu Katharina Wagners Neuinszenierung der Liebesabgrundtragödie "Tristan und Isolde" ihres Urgroßvaters Richard.

Nachdem sie mit ihrer ersten Bayreuther Arbeit, den "Meistersingern" 2007, viele Wagnerianer durch ihre Frechheit aufgebracht hatte, nachdem seit zwei Jahren Frank Castorfs Inszenierung der "Ring des Nibelungen"-Tetralogie die Gemüter erregt, gibt sich die mittlerweile zur Festspielchefin beförderte Katharina Wagner jetzt staatstragend seriös. Ihrer götterdämmerungsdunklen Festspieleröffnung haftet in jedem Moment das Kalkül an, die erregten Gemüter beruhigen zu wollen. Das Kalkül geht auf. Als Katharina und ihr Bühnenteam kurz und flüchtig zum Schlussapplaus erscheinen, ist kein Buh zu hören. Reifeprüfung bestanden?

Nun besteht Katharinas Reife darin, dass sie ihre Liebe zu Regietheater und Provokation nicht aufgegeben hat, aber mit den Ansprüchen konservativer Opernfreunde abgleicht. Also dirigiert Christian Thielemann, also präsentiert sich dieser "Tristan" vordergründig als Sängeroper, also verzichtet Katharina auf all das, was einem Regisseur garantiert Buhstürme liefern würde, unabhängig von der Qualität seiner Arbeit. Katharina gibt sich zwar bis zur Langeweile zugeknöpft, aber sie hat den "Tristan" dezent - das war früher keine ihrer Stärken - gewissermaßen durch den Fleischwolf des Feminismus gedreht.

Eine Frau inszeniert: Könnte das der Grund dafür sein, dass die beiden Frauen auf der Bühne die schönsten und stimmigsten Rollenporträts des Abends präsentieren? Katharina Wagner und die ihr symbiotisch eng folgende Evelyn Herlitzius, die erst vor vier Wochen die Isolde-Partie übernommen hat, erzählen die Geschichte einer Zwangsheirat. Nicht irgendwo im fernen IS-ien, sondern im katholischen Bayern. Isolde aber will sich dem Diktat des Patriarchats nicht fügen, sie begehrt auf, sie nimmt sich einfach den Mann, dem sie verfallen ist.

Evelyn Herlitzius singt die Isolde so agil und gelassen, wie sie spielt

Herlitzius singt so agil und gelassen, wie sie spielt, sie ist gefasste Ruhe, erwartungsfroh und nie um den richtigen Ton für Jubel, Verlangen, Sehnsucht, Verzweiflung oder Zärtlichkeit verlegen. Vokalfetischisten mag manches nicht vollauf überzeugen. Der Isolde ist noch keine Sängerin nur mit rein vokalen Mitteln gerecht geworden. Herlitzius zeigt vollkommen glaubwürdig eine gepeinigte Frau, die von der Machowelt plattgemacht wird. Vokal reicher präsentiert sich Christa Mayer als ihre Vertraute Brangäne, die eine Angst vor den Männern verinnerlicht hat, aber heimlich Isoldes Aufbegehren bewundert.

Während sich Stephen Goulds Tristan scheut, den ersten Schritt auf Isolde und seine große Liebe hin zu tun. Denn diesem Tristan - physisch ein Hüne, aber psychisch eine Mimose - sind Karriere und Männerfreundschaften erst mal wichtiger als eine systemsprengende Amour fou. Die außerdem genauso ausgeht, wie so etwas in Männergesellschaften ausgehen muss: im Gefängnis, mit Folter und Mord.

Zuletzt wird die gedemütigte und psychisch gebrochene Isolde noch ins Zwangsehebett geschleppt. Während die Sänger schamlos oft an der vorderen Bühnenrandmitte und damit am Lieblingsort der Vorregietheatersteinzeit agieren, nimmt Katharina Wagner ganz unspektakulär ihre Manipulationen an der Partitur vor.

Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert haben ihr für jeden der drei Akte ein anderes Bühnenbild geliefert, durchgehend düster ist es und zunehmend minimalistisch wird es. Anfangs irren die Liebenden in spe durch das Treppenlabyrinth ihrer verwirrten Gefühle, in dem einzelne Segmente manchmal hochfahren oder sich heimtückisch verschieben. Hier sucht Isolde den nur wenig widerstrebenden Tristan. Die beiden Turtler verschütten mutwillig den Todestrank und können auch ohne Liebestrank nicht die Finger voneinander lassen.

Kollaps

Nichts währt ewig, so viel ist gewiss. Und stets muss das richtige Maß Energie fließen, um die Dinge stabil zu halten. Trotzdem brechen Systeme mitunter ganz unerwartet zusammen. Von der einfachen Zelle über den komplexen biologischen Organismus bis hin zu gesellschaftlichen, ökologischen oder finanziellen Ordnungen, alles kann plötzlich fallen, implodieren, einstürzen. Man spricht dann vom Kollaps, lateinisch collabi. Manchmal ist der Kollaps absehbar. So hat sich die deutsche Regierung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt ausdauernd mit Griechenland befasst, um einen Kollaps zu vermeiden. Der Energieaufwand war allerdings derart, dass man sich fragen durfte, ob selbst eine Politikerin von Merkels Kaliber dem körperlich denn gewachsen ist. Die Antwort schien während der Bayreuther Festspiele am Samstag nun evident zu sein, denn Merkel setzte sich auf einen Stuhl - und sank mit demselben unter den Tisch. War dies ein Zeichen ihrer Erschöpfung, ein Kreislaufkollaps? Ein Sprecher dementierte, und tatsächlich sprach wenig dafür. Denn die Synkope, wie es medizinisch heißt, entsteht eher, wenn sich ein körperlich Geschwächter allzu plötzlich aufrichtet. Das Blut rutscht, dem Gehirn mangelt es kurz an Sauerstoff. Das Ergebnis ist eine Ohnmacht. Der Fall Merkel aber zeugt wohl nur davon: Selbst ein robustes statisches System wie ein Stuhl ist vor dem Kollaps nicht gefeit. Kathrin Zinkant

Das Treppengewirr erinnert genauso an die legendären "Carceri", die Gefängnis- und Foltervisionen Giambattista Piranesis wie das zweite Bild, dass im Psychokerker König Markes spielt. Georg Zeppenfeld bietet Isoldes zwangsverheirateten Mann Marke als gefühlskalten Apparatschik, dem die Frau Trophäe und der beste Mitarbeiter so viel wie sein Laptop bedeutet: jederzeit durch ein neues Modell ersetzbar. Also lässt er Tristan hinmeucheln.

Im letzten Bild halten in einem diffusen Nebel Tristans Freunde, darunter der von Iain Paterson ungemein zivil gesungene Kurwenal, Totenwache neben des Helden Leiche. Doch dessen Geist geht um und träumt in zunehmend beängstigenden Visionen von seiner Isolde.

Das Publikum ist von Anfang an gewillt, diesen Abend als "Sängeroper" zu nehmen

Immer wieder erscheint sie als Vexierbild an verschiedenen Stellen im Raum, eingefasst in einen Tetraeder aus Licht. Stephen Gould, der entweder mit Strahltönen oder mit Lyrik den Abend bereichert, gibt sich in Gesang wie Spiel als Liebhaber der goldenen Mitte zu erkennen. Für die Rolle des Tristan und für dessen beständig von einem zum anderen Extrem umschlagende Sterbeszene ist das nicht gerade ideal. Weshalb die Angstzustände, Visionen, Verzweiflungen und erotischen Psychedelien Tristans bei ihm allzu kraftstrotzend gesund klingen. Aber das Publikum ist von Anfang an gewillt, diesen Abend als "Sängeroper" zu verbuchen. Also wird Gould genauso umtobt wie Herlitzius, Mayer, Zeppenfeld, Paterson und der unbefangen strahlende Tansel Akzeybek.

Nachdem Christian Thielemann 2006 den "Tristan" in Wien dirigiert hatte, überlegte er, das Stück nie wieder zu machen. Warum, das wird hier sehr gut hörbar.

Kaum ist der Vorhang aufgezogen, tobt Isoldes Hass gegen Tristan und die Männer los. Nicht nur in Herlitzius, sondern, heftiger noch, im Orchester. Richard Wagner schreibt hier ausschließlich emotionale Extreme und Exaltationen. Die mehr noch als die Sänger der Dirigent erzeugen muss. Keine andere Oper fordert und erschöpft daher einen Dirigenten emotional auch nur annähernd so wie der "Tristan".

Aber die Musik darf nicht nur dampfen und toben, es braucht auch ein enormes Spektrum an Zwischentönen und Farben. Das war immer Thielemanns Domäne, jetzt ist er ein großes Stück weiter in Richtung Vollendung gekommen. Er entfacht mit höchster Raffinesse die von ihm geliebten pastosen Klangfarbenmischungen, auf dem Fundament eines weichen Streicherklangs. Wundervoll, wie er in diesem magischen Fluidum mal die, mal jene Stimme leicht betont, wie er im Mischklang die Instrumentengruppen in ihrer Eigenständigkeit belässt. Ohne seine aus Wien vertrauten Tempi zu beschleunigen, verleiht Thielemann den Motiven stets eine leicht drängende Unruhe. So klingt das Stück bis weit ins große Liebesduett hinein frisch, leicht und dezent leuchtend. Zumal es sich Thielemann verkneift, für ihn durchaus untypisch, die Musik dehnend zu zelebrieren. Erst gegen Ende hin wird er in Tempo und Klang breiter - Isoldes Schlussgesang wirkt als traditionellster Teil eines Abends, der nichts weniger versucht, als Tradition mit Moderne zu versöhnen.