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Bach-Bearbeitung:Die neue Kunst der Fuge

(Foto: Sony)

Von MICHAEL STALLKNECHT

"Wer ko, der ko", soll ein bayerischer Lohnkutscher einmal König Ludwig I. zugerufen haben, als er ihn mit seiner Droschke überholte. "Wer kann, der kann": Das war auch das Prinzip Johann Sebastian Bachs, als er in seinen letzten Lebensjahren mit der "Kunst der Fuge" noch einmal demonstrierte, was sich mit einem Thema im bis zu vierfachen Kontrapunkt alles anstellen lässt. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhundert konnte kaum jemand glauben, dass das Werk für ein einziges Cembalo geschrieben war, weshalb es für alle möglichen Besetzungen bearbeitet wurde. Nun überholt der Komponist Reinhard Febel sozusagen Bach selbst mit seinen "18 Studien für zwei Klaviere über Bachs Kunst der Fuge", die das entdeckungsfreudige Klavierduo aus Yaara Tal und Andreas Groethuysen zuerst angeregt und dann auf Platte eingespielt hat (Sony Classical). Denn darin wendet Febel in eineinhalb Stunden auf die Fugen an zeitgenössischen Mitteln an, was sich so nur auf zwei Flügeln realisieren lässt: Er legt sie phasenversetzt übereinander, lässt sie von beiden in verschiedenen Lautstärken, Anschlagsarten und sogar Tonarten gleichzeitig spielen oder Töne des einen im Pedal des anderen nachhallen. Tal & Groethuysen sind also bis an die Grenze gefordert und brillieren, indem sie sich die Deutlichkeit ebenso bewahren wie den für sie charakteristischen weichen und runden Klang. Dabei hört man immer wieder, warum Febel vor allem als Musiktheaterkomponist bekannt geworden ist: Etwa wenn in der achten Studie Tal solange scheinbar falsche Akkorde in Bachs Kontrapunkt mischt, bis Groethuysen der Spaß vergeht und er seinerseits den Störenfried gibt. Als perfekt streitendes Paar tauschen sie dabei immer schneller die Rollen, während wie in einer aberwitzigen Trapeznummer dennoch Bachs Original zustande kommt. Was respektlos wirken könnte, erweist sich so als höchste Form des Respekts. Denn auch Bach wollte sein Publikum mit seiner Kunstfertigkeit nicht nur zum Staunen bringen, sondern auch unterhalten, was sich im Barock noch überhaupt nicht ausschloss. Und genau das macht Febels Übermalung auf ebenso raffinierte wie lustvolle Weise neu erfahrbar.

© SZ vom 29.08.2020

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