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Avantgarde:Folkes Stimme

Harry Smith war als Musiksammler, Experimentalfilmer und Anthropologe eine der wildesten, vielseitigsten Figuren der amerikanischen Underground-Kultur.

Da steht dieses dürre Männchen auf der riesig weiten Bühne der Radio City Music Hall in New York. Wir sind im Jahr 1991, in wenigen Wochen wird er sterben. Aber jetzt hält er einen Grammy im Arm, für sein Lebenswerk - was für ihn vor allem Gelegenheit ist, noch einmal darauf hinzuweisen, dass Musik das kann: eine ganze Gesellschaft verändern. Seine "Anthology of Folk Music", aufgenommen im Jahr 1952 mitten in der ultrakonservativen McCarthy-Ära, gilt dafür als beispielhaft. Nicht nur, weil Größen wie Bob Dylan der Kompilation attestieren, sie enthalte "den ganzen Reichtum der Folkmusik, alles daran ist Poesie" - sondern auch weil alle aus dieser, der wohl einflussreichsten Generation von Sängern und Songschreibern - von Cohen bis Baez -, davon entscheidend beeinflusst wurden.

Erstaunlich nur, dass das epochale Werk ein Leben nicht verändert hat: Das von Harry Smith. Der Mann mit dem kleinen Zopf, der mühsam die Stufen erklommen hat, ist bestenfalls einer, den Spezialisten rühmen und seine zahlreichen Kollegen - Schriftsteller, Künstler, Musiker, Ethnologen und Mystiker: So vielfältig waren die Arbeitsbereiche dieses Harry Smith, dessen Allerweltsnamen bis heute viele für ein Pseudonym halten, hinter dem sich womöglich eine ganze Gruppe von Kreativen versteckt. Denn wo soll man jemanden einordnen, der als Künstler bestenfalls Autodidakt ist (und seine Gemälde irgendwann verloren hat). Der als Ethnologe kein Uni-Diplom vorweisen kann. Der als Filmemacher nur eine Handvoll exklusiver Vorführungen erlebt hat und als Sammler die meisten Stücke seiner vielen Kollektionen wieder verschenkt hat.

Seine Folk-Anthologie gilt als "Schatzkarte eines vergangenen und verborgenen Amerika"

Eine Ausstellung in der Temporary Gallery in Köln gilt jetzt seiner eigentümlichen Biografie und einem Werk, das in Europa noch weitgehend unbekannt sind. Harry Smith wird im Jahr 1923 in eine Freimaurer-Familie hinein geboren, seine Eltern tun allerdings alles, um das vor dem einzelgängerischen Jungen zu verheimlichen und beschäftigen ihn lieber mit so lebenspraktischen Unterfangen wie alchimistischen Experimenten, für die der Vater ihm eine eigene Schmiede einrichtet. Die Mutter nimmt ihn mit in das Indianer-Reservat, in dem sie als Lehrerin unterrichtet. Weswegen sich der Teenager Harry Smith, während sich gleichaltrige Indianer von ihren Bräuchen abwenden, schon als Schüler im regen Austausch mit namhaften Chiefs befindet, an Ritualen und Festen teilnimmt und diese nicht nur mit der Kamera festhält, sondern auch als Sound-Schleifen auf Schellackpapier. Zu Hause arbeitet er die Szenen aus dem Reservat als farbenfrohe Bilder aus und als er auszieht, wundern sich die Nachbarn über die Berge von indianischen Masken, Kostümen und Grabbeigaben, die in seinem Zimmer verwahrt sind. Das meiste davon stiftet er schon als Zwanzigjähriger bedeutenden Museen.

Ein Woodie-Guthrie-Konzert und ein erster Marihuana-Rausch bringen den Anthropologie-Studenten nach Kalifornien, wo er sich schon deswegen mit Musik beschäftigen muss, weil der Schuppen, in den er sich billig einmietet, an das Haus eines bekannten Musikwissenschaftlers angebaut ist, Schwerpunkt Kinderballaden. Harry Smith beginnt manisch Schallplatten zu sammeln, experimentiert mit abstrakter Malerei und vor allem mit Experimentalfilmen. Das San Francisco Museum of Art zeigt eine Reihe mit Avantgardefilmen von Leuten wie Kenneth Anger oder Len Lye. Smith, der kaum eine Vorstellung versäumt, wird von den Organisatoren bald losgeschickt, Emigranten wie Oskar Fischinger in Los Angeles zu besuchen und sie für Vorstellungen zu gewinnen.

Boheme, das war Ende der Vierziger Jahre der Begriff, mit dem die Künstler der West Coast sich gegen die marktfixierte Kreativität New Yorks absetzten. "Alles um Dich herum ist entweder von Dir selbst oder Deinen Freunden gemalt oder komponiert", schrieb Smiths Freund Robert Duncan. Wer durchaus Kunst machen wollte, tat gut daran, es zumindest wie eine "sehr zurückgezogene und irreale Beschäftigung" wirken zu lassen. Smith experimentiert damit, Farbe, Chemikalien und Zelluloid zu vollkommen gegenstandslosen, oft nur wenige Minuten dauernden Filmkompositionen zu verschmelzen, die er dann mit Musik konterkariert.

Die synästhetischen Qualitäten solcher Experimente werden erst dichter, als Smith erstmals der musikalischen Avantgarde seiner Zeit ausgesetzt ist. Er habe "Farb-Flashes gesehen", als er erstmals Dizzy Gillespie spielen gehört habe, berichtet Smith. Bald wohnt er über "Jimbo's Bop City", einem Club, den er schon deswegen mit abstrakten Wandmalereien überzieht, weil er seine Rechnungen an der Bar nicht anders begleichen kann. Dexter Gordon leistet ihm dabei Gesellschaft und spielt ihm Schallplatten vor. An diesem Ort findet die erste Begegnung zwischen abstraktem Film und Musik statt: Anfang der Fünfziger Jahre stellen sich Musiker wie Thelonious Monk für Smith vor dessen Filme und improvisieren live.

Doch ehe die Szene wohl so richtig begriffen hat, was hier geschieht, hat die Kunst schon zugegriffen. Hilla Rebay, einflussreiche Vertreterin des New Yorker Guggenheim-Museums, verschafft Smith ein Stipendium, er zieht nach New York. Allerdings ist das Leben dort so teuer, dass er seine kostbare Plattensammlung verkaufen will, bei Folkways, einem der wenigen Läden, die solche Raritäten zu schätzen wissen. Der Inhaber erkennt allerdings nicht nur den Wert der einzelnen Platten, sondern die Originalität dieses Sammlers selbst, den er überredet, doch lieber eine Kompilation zusammen zu stellen für sein Label. Die "Anthology of American Folk Musik" erscheint 1952, 84 Stücke, Fiddle, Gospel, Hillbilly, Blues, Cajun, dazu ein 28-seitiges Handbuch. Luc Sante nennt es einen "Stein der Weisen für Generationen von Sängern und Songschreibern, die "Schatzkarte eines vergangenen und verborgenen Amerika".

So rau, so verloren und arm, vielstimmig und verwegen klang Amerika nur hier: Smith hatte seine Auswahl auf Pressungen aus den Jahren zwischen 1927 und 1932 beschränkt, der kurzen Zeit, als erstmals kommerzielle Aufnahmen überhaupt möglich wurden bis zur großen Depression, als der junge Markt wieder zusammenbrach. Es war eine Zeit, in der Musikern noch nicht wirklich bewusst war, was es bedeutet, wenn ihre Musik aufgenommen wird, irgendwo in einer Bar, auf einer Provinzbühne. Harry Smith hatte kein Best-Of zusammengestellt, sondern nach dem Ungehobelten, Skurrilen gesucht - und nicht nur Musiker, sondern auch einen Fotografen wie Robert Frank auf die richtige Spur gesetzt, der einmal zugab, dass er mit seiner Kamera auch den "Americans" von Harry Smith nachgespürt habe.

Der nahm vom epochalen Erfolg seiner Compilation nicht viel Notiz, sondern hatte sich schon in einen Keller in der Lower East Side Manhattans vergraben, mit Rabbi Naftali Zvi Margolies , dessen "Prayers and Chants" er auf 15 Langspielplatten festhielt, die zwei Jahre später auch bei Folkways veröffentlicht wurden. Eine Kooperation, die umso erstaunlicher ist, wenn man weiß, dass Smith kein Wort Jiddisch verstand und der Rabbi umgekehrt noch kein Englisch konnte.

Ein Jahr Arbeit im Filmstudio - das Ergebnis ist ein Meisterwerk, aber nur neun Minuten lang

Dass neben so intensiven Projekten immer noch Filme entstanden, ist eines der erstaunlichsten Details dieser Biografie: Nach den Abstraktionen hatte Smith die Collage entdeckt, er experimentierte im Bereich der Animation, filmte auch schon mal seine Freunde wie Patti Smith oder Robert Mapplethorpe und konnte im Bereich Anime einen frühen, praktisch nicht gewürdigten Rekord verbuchen: Sein lose an den Wizard of Oz anschließender Trickfilm kann als bis dahin wohl teuerste Film-Produktion überhaupt registriert werden. Von Mäzenen reich ausgestattet, hatte Harry Smith sich mit einem Assistenten ein Jahr in einem teuren Studio eingeschlossen. Am Ende präsentierte er ein Meisterwerke - von nur neun Minuten Länge.

Der Nerd, der sich mit universalem Anspruch mit Mystik wie mit LSD beschäftigte, der Balladen, ukrainische Ostereier und Fadenspiele konservierte, war eine Figur, für die man in der Subkultur damals noch keine Kategorie kannte. Heute würde man ihm eine Karriere als Kurator attestieren - damals lebte er auch von der Hochachtung, die ihm Künstler wie Allen Ginsberg entgegen brachten, bei dem er in den Achtziger Jahren sogar einziehen durfte, als er, wie so häufig, kein Geld fürs Hotel hatte. Es geht die Legende, dass Ginsberg dem Gast nur deshalb eine Professorenstelle am Naropa Institute in Nevada verschaffte, weil sein Arzt von einer Fortsetzung der Wohngemeinschaft dringend abriet.

Die Ausstellung in der Kölner Temporary Gallery ist klug genug, den komplizierten, kruden, visionären, eigenartigen Harry Smith nicht unter falschem Label zu nobilitieren: Nur zwei Filme aus seinem Werk sind zu sehen, dazu die schwarzgestrichenen Pappkarten mit den Fadenspielen. Außerdem Werke von Kollegen aus der Bay Area, diesem antipodischen Jenseits der US-Kultur in den Siebziger Jahren - wie Wallace Berman oder Peter Adair.

Underground, das zeigt das Leben von Harry Smith, das ist nicht nur die Szene der erfolglosen oder kreativen Eigenbrötler und Dissidenten. Underground ist auch das, wofür es noch keine Kategorie gibt. Heute würde man Harry Smith vor allem in den Museen - die damals noch der potenten, weißen Riege der New York School vorbehalten war - schätzen, als Kurator und Künstler, der dem nachgeht, was man als inzwischen "erweiterte Kunstpraxis" hoch schätzt. Dass das Smithsonian Institute nach seinem Tod im Dezember 1991 jedenfalls kein Bilderlager übernahm, sondern ratlos vor einer Reihe Pappkartons voller Papierflieger stand, die Smith jeweils ordentlich mit dem Datum und Fundort beschriftet hatte, wirkt rückblickend fast rührend.

"I See, So I See So. Messages from Harry Smith", bis 20. Dezember in der Temporary Gallery in Köln.

© SZ vom 07.12.2015
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