Autorenporträt Hier spricht die Molekulargenetik

Konstantin Küspert ist mit seinen Science-Fiction-Stücken und Rechercheprojekten einer der spannendsten Dramatiker.

Von Cornelia Fiedler

Utopie oder Dystopie? Keine Ahnung! Die Science-Fiction-Welten, die Konstantin Küspert in seinen Stücken entwirft, faszinieren, irritieren und erschrecken zugleich. In "sterben helfen" überwindet eine Gesellschaft Krankheit und Leiden, allerdings indem sie den "rechtzeitigen" Suizid zur Norm erklärt. "das ende der menschheit" erzählt vom planvollen Aussterben des Homo Sapiens, um den Planeten zu retten. In "believe busters" verstricken sich vier Zeitreisende beim Versuch, religiöse Fanatiker zu eliminieren, in Widersprüche. Der 34-jährige Dramatiker schreibt mit Wucht, Humor und auffallend hoher Taktzahl gegen den Zynismus und die Selbstgefälligkeit unserer Zeit an.

"Es fühlt sich an wie ein Trailer", sagt Küspert nach der Premiere von "das ende der menschheit" in Dresden, einer von insgesamt vier Uraufführungen des Autors in dieser Spielzeit. Tatsächlich birgt das radikale Endzeitszenario genug Stoff für einen Roman oder eine Serie: Wissenschaftler Jorge findet, die Erde wäre ohne die Menschen besser dran. Also entwickelt er eine Genmutation, die sich viral verbreitet und bewirkt, dass nach dem Jahr 2019 alle Kinder ohne Geschlechtsmerkmale zur Welt kommen. Klar, dass die Spezies panisch versucht, die Zeugungs- und Gebärfähigkeit wiederherzustellen. Frauen werden zur künstlichen Befruchtung rekrutiert und bis zur Geburt mit brutalen Methoden abgeschirmt, vergebens. Eine Generation - und das war's.

Seine Theaterarbeiten haben immer auch etwas von Forschungsprojekten

Wie kommt man auf ein derart krasses Szenario? Küspert geht von bekannten Fakten aus, die gern ignoriert werden. Beispielsweise, dass der Mensch irreversible Spuren in der Erdgeschichte hinterlässt, ein drastisches Artensterben inklusive, Stichwort Anthropozän. "Das ist tatsächlich etwas Neues, dass eine Spezies ein solches Massenaussterben herbeiführt", sagt Küspert, und nicht, wie etwa bei den Dinosauriern, ein Asteroid. Dass dieses neue menschgemachte Zeitalter, das "Anthropozän", zwar medial ausgeschlachtet wurde, aber keinerlei Umdenken einsetzt, empfindet er als "absolut fahrlässig". Die Labortagebücher seines Protagonisten Jorge hat Küspert in glaubhaftem Molekulargenetiker-Sprech verfasst. Akribische Recherche und große Begeisterung für Wissenschaft und Forschung sind für ihn selbstverständlich. "Als Kind hätte ich dir alles über Dinosaurier oder Vulkane erzählen können", sagt er. "Ich hatte mich wahnsinnig auf Biologie, Chemie und Physik gefreut. Das wurde mir im Gymnasium dann aber in kürzester Zeit verleidet." Wieder ist da dieser leise, sehr grundsätzliche Zorn über den falschen Umgang mit Ressourcen. In diesem Fall mit menschlichen, mit Wissen, Interesse, Begeisterungsfähigkeit. Die wollte sich Küspert aber nicht nehmen lassen, und so haben seine Theaterarbeiten immer auch etwas von Forschungsprojekten. Das gilt, neben den Sci-Fi-Szenarien, auch für die dokumentarischen Stücke, die er bis 2015 als Dramaturg am Badischen Staatstheater Karlsruhe gemeinsam mit dem Regisseur Jan-Christoph Gockel entwickelt hat. Dort entstanden das Projekt "Ich bereue nichts" über die NSA-Enthüllungen von Edward Snowden sowie "Rechtsmaterial", eine Recherche zur Kontinuität rechten Denkens in Deutschland. Ähnlich wird Küspert ab der kommenden Spielzeit wieder arbeiten, er fängt unter dem neuen Intendanten Anselm Weber als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt an.

Konsequent seziert Küspert gängige Diskurse, entlarvt in komischer Zuspitzung all die fatalen Beschönigungen und Verdrehungen unserer Alltagssprache. In "das ende der menschheit" sind es beispielsweise "verunsicherte Bürger", die im Jahr 2021 bei Ausschreitungen gegen Menschen der neuen, letzten Generation, der geschlechtslosen "Gen0", ein Baby totschlagen.

Mitten in dieses Untergangsszenario platziert Küspert dann aber überraschend eine kleine, zerbrechliche Utopie auf Zeit: Diskriminiert und bedroht von der alten Menschheit ziehen sich die Gen0 zurück und gründen kleine, herrschafts- und gewaltfreie Gemeinschaften. Als die Alten aussterben, blitzt hier für einen erdgeschichtlichen Wimpernschlag lang auf, was die Menschheit hätte sein können, hätte sie sich nicht für Zerstörung und Ignoranz entschieden.

Regisseur Anton Kurt Krause, der die Uraufführung in Dresden mit nur drei Schauspielerinnen stemmt, fasst diese dialektische Einheit von Hoffnung und Zerstörung in ein eigenartig tröstliches Schlussbild: Ein kleines Glashaus, vorher Labor, Versuchsstation und Gefängnis, wird zum Archiv, zum Gedächtnis der Menschheit. Der/die letzte Überlebende, Amy, gespielt von Holger Hübner, schließt sachte die Tür und geht ab. Drinnen setzt Regen ein, perlt minutenlang an den Scheiben herunter, im Hintergrund grasen unbeeindruckt einige Rehe in Schwarz-weiß.

Man weiß bei Küspert nie, ob man in einem Wunschtraum oder Horrorszenario landet

Küspert teilt zwar die tiefe Skepsis seines Protagonisten Jorge, Resignation ist aber nicht sein Ding. "Wir dürfen nicht aufhören, Zusammenhänge zu erklären", sagt er. "Ich glaube, wir sind momentan in einer Situation, in der wir eine weitere Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit brauchen. Rousseau all over again." Erklären müsse man auch Europa, dieses "eigentlich so kostbare System der Friedenssicherung". Einem Stück, das Küspert im Auftrag des ETA Hoffmann Theaters Bamberg geschrieben hat, gab er den Titel "europa verteidigen". Es ist im Mai zum Mülheimer "Stücke"-Festival eingeladen. Erzählt wird eine Geschichte der Gewalt, der Willkür, der falschen Entscheidungen, verwoben mit einer rotzigen Neufassung des Mythos von Europa und dem Stier sowie diversen Statements heutiger Europäer. Das geht von den Kriegen der Römer über die Kreuzzüge bis zu den Verbrechen der Wehrmacht. Einen bitter absurden Blick in die Zukunft gibt es auch hier: Zwei österreichische Frontex-Mitarbeiter versenken von ihrem Küstenwachschiff "Salzburger Land" aus im Mittelmeer Boote mit Geflüchteten und fühlen sich dabei als Wahrer der Zivilisation.

Küsperts Texte heben sich in der Theaterlandschaft ab, weil sie, bei aller stilistischen Komplexität, auffallend aufrichtig wirken. Es sind Angebote, einen Schritt zurückzutreten, heraus aus dem ewigen Wiederkäuen von Meinungen, die gerade dabei sind, Wissen und Erkenntnis den Rang abzulaufen. Der Gefahr, nicht zu wissen, ob man dabei in einem Wunschtraum oder einem Horrorszenario landet, setzt er sich, wie auch sein Publikum, mit Vergnügen aus.