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Autobiografie:Verloren im Jetset

Kein Traumberuf: Die Autorin erzählt von ihrem Leben als Model auf den Laufstegen der Welt und den schwierigen Arbeitsbedingungen in der Modebranche, die trotzdem immer wieder junge Frauen fasziniert.

Von Roswitha Budeus-Budde

Ein Leben im Scheinwerferlicht des Catwalks - diese Hoffnung vieler Mädchen beginnt mit einer Bewerbung in der Casting Show "Germany's Next Topmodel". Denn trotz aller Kritik an dieser Sendung, in der die Kandidatinnen erniedrigt, gedemütigt und peinlichen Prüfungen unterworfen werden, bleibt dieser Beruf ein Traum. Ihm verfiel auch Anne-Sophie Monrad. "Ich fand es faszinierend, was ich dort sah: Mädchen, die überall hinreisten, in einem luxuriösen Haus wohnten und ständig schön gestylt wurden. In meiner Vorstellung führten sie ein Jetset-Leben, wurden immer auf die coolsten Events eingeladen, verdienten Geld, gutes Geld." 15 Jahre alt ist sie, als sie 2006 die erste Staffel der Sendung sieht. Zwei Jahre später beginnt ihre Karriere mit Casting-Wettbewerben in Kaufhäusern. Sie bringt es als gefragtes Model bis auf die internationalen Laufstege, die sie zehn Jahre später verlässt, als die psychischen und physischen Probleme zu groß werden.

In ihrer Autobiografie "Fashion Victim" rechnet sie mit der Modebranche ab. Legt sehr detailliert an ihrem eigenen Beispiel die Arbeitsbedingungen offen, als Warnung für Traumtänzerinnen und Leichtgläubige. Schon die Zusammenarbeit mit den Agenturen schildert sie als ein knallhartes Business. Sie fördern zwar die Models, fordern aber den totalen Einsatz. Die Aufenthalte während der großen Fashionweeks, in schlechten, überteuerten Unterkünften, musste sie selbst zahlen - als Anfängerin ohne Aussicht, wirklich gebucht zu werden. Zu der Einsamkeit und Verlorenheit während der internationalen Shows kam der ständige Konkurrenzkampf, den sie nur gewinnen konnte, wenn es ihr gelang, die geforderten Körpermaße der Agenturen zu erreichen, die ständig mit Maßband und Waage kontrolliert wurden. Immer wieder, fast als Endlosschleife, erzählt sie, wie sie ständig hungerte und ihren eigenen Körper bekämpfte.

Müssen Models diese Erfahrungen machen, hilflos der Modeindustrie ausgeliefert und auf ihren Körper als Objekt reduziert? Danach befragte Anne-Sophie Monrad Persönlichkeiten aus der Branche. Wolfgang Joop meinte: "Ich glaube, dass das Geschäft mit der Schönheit einen manchmal zur Grausamkeit erzieht." Während ein Fotograf und ein Agent sich heute noch dafür entschuldigen, dass sie die Models früher schlecht behandelt haben. "Man muss die Mädchen über ihre Situation aufklären", ist ihr Rat. Denn es geht um viel Geld, die Designer entwerfen Mode in Kindergröße, die nur ganz junge Mädchen vorstellen können, die aber, weil sie stark im Wachsen sind, immer hungern müssen und oft ihr ganzes Leben unter irreparablen Schäden leiden. Die Jugend und Unerfahrenheit nutzen die Agenturen und auch die Fotografen aus - Monrad erzählt neben den eigenen Erfahrungen auch vom Fall Harvey Weinstein. Models werden erpresst mit dem Hinweis, dass sie alles tun müssen, um einen Job zu bekommen. Anne- Sophie Monrad gelang die Befreiung zu einem selbstbestimmten, sinnvollen Leben: "Ich warf meine Waage weg und legte das Maßband zu meinem Nähzeug."

(ab 12 Jahre und junge Erwachsene)

Anne-Sophie Monrad u. Katrin Blum: Fashion Victim. Licht und Schatten des Modelbusiness: Ein Topmodel berichtet. dtv, München 2020. 267 Seiten, 16,95 Euro.

© SZ vom 06.11.2020
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