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Australische Literatur:Geld und Haut

Sydney Celebrates 38th Annual Sydney Gay & Lesbian Mardi Gras Parade

In Flanagans Roman der Ausgangspunkt für die Verwandlung der Geschichte einer Stripperin in einen Terrorismus-Thriller: Der Mardi Gras, die schwul-lesbische Parade in Sydney.

(Foto: Zak Kaczmarek/Getty Images)

Der Thriller "Die unbekannte Terroristin" des Booker-Preisträgers Richard Flanagan seziert die panische Öffentlichkeit nach 9/11.

Die Puppe tanzt an der Stange. "Sie war klein und dunkel, und über ihrem fein geschnittenen Gesicht mit den Mandelaugen erhob sich krauses, schwarzes Haar." Die Puppe, alle nennen sie so, stammt aus dem Westen Sydneys, aus welcher ärmlichen Vorstadt weiß keiner genau. Sie sieht etwas anders aus als die übrigen Stripperinnen. Ihre Muskeln und Knochen sind nicht so deutlich zu sehen wie die der anderen Mädchen, die sich von "Amphetaminen und viel Alkohol ernähren." So Richard Flanagan in seinem Roman "Die unbekannte Terroristin", der im englischen Original 2006 erschien, und dank des Booker-Prize 2014 für seinen Roman "The Narrow Road to the Deep North" jetzt auf Deutsch nachgeschoben wird.

Sehr zu recht. Flanagans "Terroristin" ist kein üblicher Post-9/11-Roman. Seine Protagonistin könnte auch ganz ohne den Kitzel der Jahrhundert-Aktualität bestehen, derart genau wird sie eingeführt und ausgeleuchtet. "Nicht, dass sie kein Heimweh verspürt hätte; sie hatte vielmehr das Gefühl, nie ein Heim gehabt zu haben. Die Puppe hatte vor langer Zeit beschlossen, ihre Kindheit und Jugend als bedeutungslos zu betrachten." Ganz ähnlich lässt Flanagan sie mit ihren Eltern umgehen: "Ja, ihr Vater stammte von irgendwo, und ihre Mutter stammte von irgendwo anders."

Schon für die Eltern galt, dass ihnen "die Taten und die Tode ihrer Vor- und Nachfahren (. . .) nicht mehr als das Anschwellen und Abebben des Verkehrs auf dem Highway" bedeuteten. Flanagan schreibt gestochen scharf konturiert und lässig zugleich. Ohne Mühe schafft er, von Eva Bonné adäquat trocken übersetzt, den Sprung vom Detail zur Abstraktion: "Sie lebten in der Welt der vorstädtischen Gewissheiten, in der Welt von heute: das Haus, der Job, die Besitztümer und die Autos, die Freunde und die Renovierungen, die Pauschalurlaube und die neuesten technischen Spielereien."

Eines Tages ist die Mutter aus Generationen von geschichtslosen Kleinbürgern ausgebrochen, hat sich mit Ray, einem Pool-Installateur, und den zwei kleinen Brüdern der Puppe davongemacht. Es ist nicht gut ausgegangen. Die Mutter hatte mit Drogen zu kämpfen. Ray und sie haben sich wieder getrennt, sie starb früh. Die Puppe zieht ihre eigenen Schlüsse. "Sie würde ihr Gesicht der Sonne über Sydney zukehren und sich niemals hinter schlecht zusammengeschusterten Traumbildern verstecken." Denn "im Gegensatz zu Jesus und Nietzsche", schreibt Richard Flanagan spitz, "war die Puppe keine Träumerin. Sie selbst hätte sich eine Realistin genannt. Realismus bedeutet, die Enttäuschung bereitwillig anzunehmen, um nicht mehr enttäuscht zu sein."

Als Panzer gegen die Welt trägt die Puppe exquisite Marken-Klamotten und Geld. Jeden Abend befolgt sie ein Ritual: sie breitet ihre vielen Hundertdollarscheine, die sie alle zu Hause aufbewahrt, über ihrem nackten Körper aus. "Inzwischen genoss die Puppe die Berührung des Geldes mehr als die Berührung eines Mannes. Alles war gut." Bald werden die Scheine den Körper ganz bedecken, dann wird es für den Kredit zur eigenen Wohnung reichen.

Der schmierige Moderator will endlich wieder eine gute Story

Wie wird eine solche Frau zur Terroristin? Eigentlich gar nicht. Und so ist es auch in diesem Buch. Doch eines Tages, am wilden, schwul-lesbischen Mardi Gras, an dem traditionsgemäß jeder auf seine sexuellen Kosten kommen will, trifft die Puppe zufällig auf den Mann, der einmal den kleinen Sohn ihrer einzigen Freundin vor dem Ertrinken gerettet hat. Sie erkennen sich wieder und verbringen eine von Sex und Koks befeuerte Nacht. Am nächsten Morgen ist der Mann verschwunden. Die Puppe verlässt seine Luxuswohnung, kriegt gerade noch mit, wie das Haus umstellt wird.

Der Mann soll ein Terrorist sein. Er heißt Tariq Hakim. Bald kursiert ein Bild, das die Puppe und Tariq zusammen vor dem Haus zeigt. Damit der Roman zum zeitgenössischen Thriller werden kann, der er ist, bringt der 1961 in Tasmanien geborene Flanagan jetzt den Antipoden der Puppe ins Spiel. Richard Cody, weit weniger beeindruckend als die Stripperin, ist ein bekannter Fernsehmoderator, dessen Stern gerade im Sinken ist. Man will ihm seine Show wegnehmen. Er braucht endlich wieder eine wirklich gute Story - und erkennt die Puppe im Fernsehen. Sie hat, noch vor ihrer Nacht mit Tariq, am Mardi Gras in ihrem Club für Cody getanzt.

Aber am Ende war sie unhöflich, hat den schmierigen, überheblichen Cody gefragt, ob nicht auch sein Job "demütigend" sei? Als Cody die Bilder sieht, ist ihm sofort klar: das aggressive Mädchen war keine normale Stripperin. Und auf dem Foto geht sie neben einem Mann, der ein gefährlicher Terrorist sein soll. Die Sachlage ist deutlich. Richard Cody findet den Namen der Puppe heraus und macht ihn bekannt.

Nach Flanagans erstem Meisterstück, die strippende Puppe dem Leser als Individuum nahezubringen, gelingt ihm ein zweites: er legt die Strukturen einer Öffentlichkeit bloß, die nach dem 11. September hysterisch geworden ist, und zeigt, wie leicht sich die Schnelligkeit der Medien in aufmerksamkeitsheischende Schlamperei verwandelt. Und er entwirft ein überzeugendes Szenario, wie Staatsorgane in die Stimmungsmache involviert sein könnten.

Kurz vor der Geschichte mit Tariq explodierten in Sydney drei Sprengsätze. Australien, das sich, wie immer weitab vom Schuss, sicher geglaubt hatte, ist ein erstes Mal erschüttert. Aber, so Siv Harmson vom Geheimdienst zu Tony Buchanan, der das Antiterror-Einsatzkommando leitet: "Die Leute können gar nicht genug Angst haben." Buchanan hat Zweifel. Je genauer er hinschaut, desto weniger wahrscheinlich wird, dass die Puppe, die Gina Davies heißt, mit der Sache etwas zu tun hat.

Und am Ende ist nicht einmal mehr klar, ob Tariq, der in einem Auto aufgefunden wird, ein Terrorist war, oder nicht doch nur ein Rauschgiftdealer, der vom Geheimdienst als Bauernopfer gebraucht wurde. Siv Harmsen drückt es so aus: "Die Bevölkerung muss unbedingt erfahren, dass wir sie beschützen." Geschickt lässt Flanagan offen, ob die ganze Geschichte tatsächlich getürkt war, und organisiert eine beeindruckende Hetzjagd auf die immer weiter in die Enge getriebene Puppe. Schließlich greift sie zur Waffe.

Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Piper Verlag, München 2016. 331 Seiten, 22 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 25.10.2016
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