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Ausstellungen in Hannover:Friedhof der Kuscheltiere

Zwei Ausstellungen in Hannover dokumentieren, wie einseitig unsere Wirklichkeit definiert ist und wie in Kinderzimmern patriarchale Rollenbilder eingeübt werden.

Von Till Briegleb

Die Lebenserwartung von Gorillas beträgt etwa 35 Jahre, aber "Guerrilla Girls" werden vermutlich viel älter. Die besondere Zähigkeit dieser Spezies begründet sich darin, dass ihr Thema nicht ausstirbt. Seit 1985 polemisiert diese Feministengruppe unter Gorilla-Masken mit den Guerilla-Taktiken der Werbung höchst erfolgreich gegen Diskriminierung in kulturellen Eliten.

Höchst erfolgreich? Tatsächlich sind die Guerrilla Girls, deren Echtnamen nicht bekannt sind und die sich aus einer Gruppe von etwa 60 Aktivistinnen speisen, schon lange Protest-Promis. Denn ihre Aktionen sind so eindrücklich wie ihre Anliegen einsichtig. Nur mit ihren Forderungen nach Gleichberechtigung sind sie so wenig erfolgreich, dass sie auch 33 Jahre nach ihrer Gründung in New York mit derselben vitalen Penetranz darauf hinweisen müssen, dass Frauen und Nichtweiße im Zirkus der Freien Kunst eigentlich nur als Exoten gehalten werden.

In der Kestnergesellschaft in Hannover, die dem Kollektiv gerade die erste Einzelausstellung in Deutschland ermöglicht, ist die Anklage, die im Kern der Guerilla-Taktik steht, auch für die ausrichtende Institution ein erschütternder Brüller. Im Foyer des Ausstellungshauses, das 2015 nach hundert Jahren Existenz in Christina Végh erstmals eine Direktorin erhielt, werden die Besucher von Wandplakaten mit knappem Datenmaterial über diesen Kunstverein begrüßt: "Solo exhibitions by women: 1916-2012: 9%, 2013-2017: 68%. But why zero solo exhibitions by artists of colour in the last 10 years?"

Guerrilla Girls

Drei Guerrilla Girls bei einer Ausstellung in New York.

(Foto: Guerrilla Girls/Kestnergesellschaft)

Mit solchen Fragen der Institutionskritik sind sie berühmt geworden. Besonders mit ihrer weltweit wahrgenommenen Plakataktion, die sie immer wieder für internationale Museen variiert haben. Unter dem Slogan "Do women have to be naked to get into the museum?" setzten die Guerrilla Girls die Zahl der Künstlerinnen in einer Sammlung ins Verhältnis zum Geschlecht der gezeigten Nackten. Für das New Yorker Metropolitan Museum, mit dem die Kampagne 1989 startete, waren dies lediglich fünf Prozent Künstlerinnen in der Ausstellung, während 85 Prozent der entblößten Körper weiblich waren.

Vergleichszählungen der Gruppe zwischen 1985 und 2015 zeigen außerdem, dass Soloausstellungen von Frauen in den vier großen New Yorker Museen noch immer Sonderstatus haben: Gegenüber einer einzigen Schau 1985 waren es 30 Jahre und endlose Emanzipationsdiskurse später gerade mal fünf. In Europa, so behaupten die Guerilla Girls bei ihren hiesigen Kampagnen gegen den Kunst-Chauvinismus, sei das Verhältnis noch schlechter.

Man ahnt jetzt, warum männliche Selbstgerechtigkeit in Hollywood in Vergewaltigung ausarten kann

Vor dem Hintergrund des ebenso lange unterdrückten Wissens um sexuelle Gewalt und Ausbeutung in der Filmindustrie bekommen aber gerade die Kampagnen der Guerrilla Girls gegen Hollywood eine neue Brisanz. Seit Anfang der Nullerjahre stellen sie auf gemieteten Werbetafeln fest, dass selbst der amerikanische Senat progressiver sei als das Kino-Mekka. Zwölf Prozent Senatorinnen gegenüber vier Prozent Regisseurinnen lautete die traurige Bilanz der Machtverhältnisse 2003. Und 2016 plakatierten sie noch eine andere Quote für Senat und Film: 74 Prozent im Oberhaus waren Weiße, in Hollywood waren es 94 Prozent. Das lässt erahnen, warum schier exklusive Selbstgerechtigkeit in einem Potenzbusiness wie dem Blockbuster-Kino in stillschweigend geduldete Vergewaltigung ausarten kann.

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Christa Dichgans’ „Stillleben mit Frosch“ aus dem Jahr 1969.

(Foto: Jochen Littkemann)

In den letzten Jahren haben die Guerrilla Girls ihre Anti-Diskriminierungs-Kampagnen noch thematisch erweitert. Mit Aktionen über die schlechte Bezahlung von Hilfskräften im Kunstgeschäft, in dem ansonsten gerne über den Neoliberalismus geschimpft wird, aber auch zu Obdachlosigkeit oder dem rassistischen Kulturverständnis von Donald Trump verbreiterten die feministischen Aktivistinnen ihren Radius zur Anprangerung von Betriebsheucheleien allerorten. Allerdings wirken die ironischen Parolen, wenn sie ordentlich mit der Wasserwaage an die Wände eines Ausstellungssaals tapeziert werden, dann doch ein bisschen brav und konsensfähig.

Da die Poster im Museum nicht mehr können, als zu dokumentieren, was man auf der Website der Gruppe umfassender und ergiebiger nachverfolgen kann, und für den Besucher jeder Überraschungsmoment verloren geht, weil er weiß, was ihn erwartet, wirkt die Beschämungsstrategie in diesem Rahmen zahnlos. Anders als bei der Aktion zum 40. Jubiläum des Museums Ludwig in Köln 2016, wo der Direktor Yilmaz Dziewior die Aktivistinnen einlud, sich mit der Geschichte der einstigen Privatsammlung kritisch zu beschäftigen, zeigt die reine Dokumentation der Kampagnen-Kunst in Hannover unter dem Titel "The Art of Behaving Badly" eher etwas von jener Eitelkeit, mit der viele kritische Künstlerinnen und Künstler sich schließlich vom Kunstmarkt doch dann auch wieder gerne als Stars feiern lassen.

Aber so erhöhen die Guerrilla Girls wenigstens die Quote der "Künstlerinnen-Ausstellungen" in der Kestnergesellschaft (obwohl die schon bei 68 Prozent liegt), wozu natürlich auch die parallele Retrospektive von Christa Dichgans beiträgt. Die Pop-Art-Malerin von Kinderspielzeug, Wimmelbildern und Würsten, die im Anschein einer naiven, lieben Malerei doch manche verstörende Kritik an patriarchalen Rollenbildern und an der Erziehung zu Rücksichtslosigkeit verbirgt, wird mit Werken aus 50 Jahren sehr umfassend gewürdigt. Ihre Berge von amerikanischem Spielzeug, die sie von 1965 an in New York ohne wirkliche politische Absicht als Beitrag zur Pop-Art wählte, erscheinen rückblickend wie ein recht verstörendes Sozialisierungsporträt von Menschen im patriotischen Wohlstandskapitalismus.

Roy Lichtensteins Kriegsjet fliegt bei Dichgans schon 1993 in die New Yorker Twin Towers

Superhelden, Nationalfarben und Waffen als Konstanten einer strukturell aggressiven Persönlichkeitsentwicklung verfolgt die Berliner Künstlerin durch ihr ganzes malerisches Werk bis zu den aktuellen Gemälden aus der Serie "Schlachtfeld". Diese mehrschichtigen Objektsammlungen zeigen das Kinderzimmer als Ort, an dem mit Gasmasken, Fliegern und einer immer wieder auftauchenden Handgranate Konkurrenz, Kampf und Krieg erlernt werden.

Und in einem dreiteiligen Werk von 1993 erweist sich Dichgans in einem Detail sogar als geradezu prophetisch, was die Konsequenz gewalttätiger Charakterbildung betrifft. Auf dem Triptychon mit dem Titel "Im Atelier" fliegt Roy Lichtensteins brennender Kriegsjet aus "Whaam!" direkt in die New Yorker Twin Towers.

Dichgans' stark symbolische Malerei, die mit ihren aufblasbaren Figuren, ihren Strudeln aus Geld, Kriegsspielzeug und spitzen Haushaltsgegenständen oder ihren Goldikonen das Thema der Verletzlichkeit mal surreal, mal wieder sehr konkret thematisiert, ist im Gegensatz zu den Guerrilla Girls eher stille Kampagnen-Kunst. Das mag dafür verantwortlich sein, dass Dichgans anders als die ironischen Statistikerinnen der Minderheitenrechte erst sehr spät und nie wirklich im großen Stil berühmt wurde. Derart scheint das Schicksal von Kunst zu sein, die nicht für Werbekampagnen taugt. Aber mit dem trüben Blick männlicher Entscheider auf weibliche Kunst hat das dann sicher auch zu tun. Die Lebenserwartung der Guerrilla Girls scheint also noch für viele Jahre der biologischen Statistik spotten zu dürfen.

Guerilla Girls: The Art of Behaving Badly; Christa Dichgans: Kein Stillleben. Kestnergesellschaft, Hannover. Bis 8. April.

© SZ vom 08.02.2018

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