Ausstellung Wie die Zeit vergeht

Das Kunstprojekt "RischArt" im Hauptbahnhof

Von Renate Frister

"Wir tun's in Discos an der Bar und an den Garderoben/wir tun's im Fußballstadion und in Theaterlogen", rappen die Hip-Hopper Blumentopf über das Warten. Und darüber, wie es unser Leben bestimmt und die Zeit stillstehen lässt. Wo wir es auch oft tun: im Münchner Hauptbahnhof. Dort widmen sich zehn Künstler dem Thema in dem zweiwöchigen Projekt "Wartezeit" mit Installationen, Videos, Performances und einer App. Die Großbäcker Gerhard und Magnus Müller-Rischart finanzieren seit mehr als 30 Jahren Kunstaktionen unter dem Namen RischArt, in diesem Jahr zum 13. Mal. Die Kuratorin des Projekts ist Katharina Keller.

Die Künstler zeigen verschiedene Facetten des Wartens: ungewiss, kontrolliert, lang- und kurzfristig. In unserer Wahrnehmung erscheint die Zeit mal zäh und niemals endend, mal wirkt sie inspirierend. Diese Erfahrung spiegelt sich in Franziska und Sophia Hoffmanns "Zeitfenster" wider: Zwölf ausrangierte Uhren aus dem Frankfurter Hauptbahnhof, die etwas verloren auf dem Boden der Wartegalerie in der Abfahrtshalle herumstehen, zeigen jeweils eine andere Zeit an, die Zeiger rotieren in verschiedenen Geschwindigkeiten.

Dörte Bäumers Installation "Warten an Gleis 11" greift die Ungewissheit des Wartens, die hoffnungs-, aber auch angstvolle Situation der "Gastarbeiter" auf, die vor etwa 50 Jahren in München ankamen und sofort zur "Weiterleitungsstelle" in den ehemaligen Luftschutzbunker unter Gleis 11 geschickt wurden. Fünf Schließfächer gewähren Einblicke in die Lebenswege der Beteiligten, zeigen ihre Porträts von damals und heute. Schwarze, verschlungene Schläuche symbolisieren ihre verworrenen Lebenswege. In einem Fach stehen ein Topf und ein Löffel, stellvertretend für die Besitztümer einer Türkin, die 1972 nach München kam. Sie habe damals 1,5 Kilo zu wenig gewogen, um im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Deutschland einreisen zu dürfen, erzählt Bäumer. Also habe sie wie verrückt gegessen. Über ihre Ankunft sagt diese: "In diesem Bunker habe ich gedacht, was machen die Deutschen mit uns? Ich habe Angst bekommen, richtig Angst." Die Künstlerin sieht Parallelen zur der ungewissen Lage der Flüchtlinge heute und wünscht sich eine Debatte darüber, wie sie sich bei ihrer Ankunft fühlen.

Um Wünsche und Bedürfnisse geht es auch bei Doris Weinberges "Kiosk II", bei dem man statt der üblichen Konsumgüter Einblicke in die Wünsche anderer in gedruckter Form, verpackt in Tetrapacks, Flaschen oder Streichholzschachteln, erwerben kann. Nicht gegen Geld, sondern durch die Preisgabe eigener Bedürfnisse oder Wünsche. Die reichen von dem Anbringen eines Rollos über einen anständigen Job bis hin zum Weltfrieden. Die Wartezeit kann man sich nicht nur am Kiosk vertreiben, sondern auch mit der App derGruppe "Ligna", die einen "Audioguide ins Nichts-Tun" bietet; mit Interviews wartender Flüchtlinge und philosophischen Reflexionen. In der Hauptschalterhalle informiert Wolfgang Stehles bonbonrote Skulptur "Marshmallow" über die Projekte.

"Wartezeit", bis Sonntag, 19. Juli, täglich von 10 bis 22 Uhr, Hauptbahnhof München