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Ausstellung:Kino im Kopf

Der Kunstbunker BNKR präsentiert die Arbeiten des international renommierten Künstlers Michael Sailstorfer in einer Einzelausstellung

Das Brummen ist es, das man als erstes wahrnimmt, kaum hat man die Tür geöffnet. Ein tiefes, merkwürdiges Brummen und Grummeln, das sich vom Keller her durch den ganzen Kunstbunker ausbreitet und einen begleitet, bis man den Bunker verlässt und die Tür hinter einem schmatzend ins Schloss fällt. Dass das Geräusch nun von unten, aus dem Keller komme, sei ihm wichtig gewesen, sagt Michael Sailstorfer. Gerade weil man in einem Schutzbunker, der das BNKR einstmals war, ein derartiges Geräusch nicht von unten erwarte, sondern von oben. Denn in Luftschutzbunker mit ihren meterdicken Mauern flüchteten die Menschen während des Krieges, weil die Bedrohung aus der Luft kam, von feindlichen Flugzeugen, die Bomben über der Stadt abwarfen. Und schon ist man drin, im Kopfkino des Künstlers, der in einer Einzelausstellung den Kunstraum BNKR in der Ungererstraße bespielt.

Sailstorfers Arbeiten funktionieren alle so. Irgendwie um die Ecke gedacht. Auf zweifache Weise deutlich wird das in der aktuellen Ausstellung bei jener Arbeit, die der 40 Jahre alte Künstler für das BNKR geschaffen hat. "Augenhöhe" ist eine Installation, bei der man sofort an die Diskussion um den Waffenbesitz in den USA denkt. Provokant steht ein Luftschutzgewehr auf Augenhöhe aufgebockt im Raum. Sailstorfer legt eine Kugel ein - Kaliber 4,5 Millimeter - und lädt durch. Ein metallisches Geräusch erfüllt den Raum, dann folgt der Schuss. Doch die Kugel verlässt nicht unmittelbar den Lauf. Sie wird durch ein sich um alle Ecken windendes, das gesamte Erdgeschoss durchziehendes, 26 Meter langes Stahlrohr geleitete, bis sie am entferntesten Punkt - völlig entschleunigt und ihres gefährlichen Potenzials beraubt - gegen eine Wand schlägt und auf den Boden plumpst. Die befürchtete Bedrohung im Schutzraum entkräftet Sailstorfer auf absurde Weise. Die verschlungenen Wege des Laufs erinnern zudem an den glücklosen Comic-Jäger Elmer Fudd, in dessen Gewehr Bugs Bunny oder Duffy Duck auch schon mal einen Knoten machen, damit es nach hinten losgeht.

Im oberen Stock, in der kleinen Küchenecke eingeklemmt zwischen Spüle und Espressomaschine, läuft das Video "Tränen" von 2015. Noch so ein Kopfkino, in dem Sailstorfer mit einer zweitägigen Abrissaktion der alten, verschwundenen Bausubstanz drei tonnenschwere, zerstörerische Tränen nachweint. Zwischen Erdgeschoss und Keller stößt man auf zwei helle Gipswürfel, in die er die gleiche Menge Goldmünzen eingegossen hat, wie er sie damals in seiner Kunstaktion "Puhlheim gräbt" im öffentlichen Raum verbuddelt hatte - und eine bis heute anhaltende Goldgräberstimmung nahe Köln auslöste. Nicht zuletzt deshalb bezeichnet Lukas Feireiss, der die Reihe "Space is the Place" im BNKR kuratiert, Sailstorfers Präsentation als "Schutz und Schatz". Für Sailstorfer, der in Berlin lebt, ist die Ausstellung eine Rückkehr nach München. Hier hat er 2005 sein Diplom an der Kunstakademie gemacht. Doch längst ist er ein international tätiger und gesammelter Künstler. Erfahrungen im Bespielen von Bunkern hat er zudem: mehrfach war er im Kunstbunker von Christian Boros in Berlin mit Arbeiten vertreten.

Folgt man dem Brummen in die Tiefen des BNKR, trifft man unter anderem auf "Lohma". Die 16-Millimeter-Projektion zeigt etwas, das zu atmen scheint wie ein Organismus, das bedrohlich klingt wie ein Schwarm Kampfflieger, das kürzer ist als ein Sekundenbruchteil. Was es ist, schaut man sich am besten selbst an.

Space is the Place (Part 2/4): Michael Sailstorfer, BNKR, Ungererstr. 158, bis 12. April, Sa/So 14-18 Uhr

© SZ vom 01.02.2019

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