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Ausstellung in Paris:Ein viel zu menschliches Menschenbild

Sie schreiten frei von Raum und Zeit von einer Ewigkeit in die nächste: Alberto Giacomettis berühmte Passanten sind zum ersten Mal in einer Ausstellung versammelt.

Von Joseph Hanimann

Es scheint, als käme er aus den tiefsten Lagen des Menschendaseins. Als wäre das Dahinschreiten in der Welt seine einzige Bestimmung. Der "Schreitende", "L'homme qui marche", hat als Motiv den Künstler Alberto Giacometti als Bildhauer und Zeichner zeitlebens beschäftigt.

Wobei die erste Realisierung, die 1932 noch vom Surrealismus beeinflusste "Femme qui marche", eine "Schreitende" war. Im Lauf der späteren Wiederaufnahmen des Motivs mit lebensgroßen und miniaturhaft kleinen Formaten verschwand dann aber alles Individualspezifische aus den Figuren, bis nur noch ein reines, allgemeines, in Gips, Lehm oder Bronze geknetetes Menschsein übrig blieb. Dessen Vorbilder hatte Giacometti in altägyptischen Darstellungen, in Höhlenmalereien und archäologischen Torsi gefunden.

In einer Ausstellung des Pariser Institut Giacometti sind nun zum ersten Mal die wichtigsten Werke dieser mehr als dreißig Jahre dauernden Beschäftigung mit dem aufrechten Gang des Menschen zusammengeführt worden.

Doch seltsam, statt Bewunderung löst das Ensemble zunächst eher Verwunderung aus mit der albern sich aufdrängenden Frage Loriots: "Ja, wo laufen sie denn?" Denn eigentlich müsste jede dieser Skulpturen ihren eigenen Raum haben. Nur ist das in den wunderbaren, aber engen Sälen der Pariser Ausstellungsvilla im Montparnasseviertel nicht möglich. So laufen sie alle durcheinander, und es wiederholt sich vor unseren Augen das, was Giacometti bei seiner Arbeit oft selber qualvoll erfuhr. Seine Skulpturen fügen sich schwer in einen konkreten räumlichen Kontext ein. So zahlreich die Anerkennungen und Preise für den Künstler in den späteren Jahren auch sein mochten, so hat er doch kaum Skulpturen für den öffentlichen Raum hinterlassen.

"Lieber verrecken, als diese misslungenen Bronzedinger nach New York zu schicken"

Dabei boten ihm gerade die Aufträge für Monumente im Stadtraum wiederholt Anlass zur Weiterarbeit am Thema der "Schreitenden". Kurz nach der Rückkehr 1945 aus dem Genfer Exil nach Paris bestellte diese Stadt bei ihm ein Denkmal für den Pädagogen Jean Macé. Aus dem Projekt ist ebenso wenig geworden wie zwei Jahre später aus dem eines Denkmals für den Widerstandskämpfer Gabriel Péri auf Einladung der Kommunistischen Partei. Die schlicht dahinschreitende Figur ohne jedes heroische Attribut entsprach nicht den Erwartungen der Epoche, das Menschenbild war zu menschlich. Auch als 1958 der Architekt Gordon Bunshaft für den Platz vor seinem Bau der Chase Manhattan Bank in New York bei Giacometti eine Skulptur in Auftrag gab, quälte der Künstler sich fast zwei Jahre lang ab mit einem Ensemble aus einer großen Frauenfigur, einem "Homme qui marche" und einem überlebensgroßen Kopf, um dann den Auftrag zurückzugeben. "Lieber nie mehr in meinem Leben eine Statue schaffen, lieber verrecken, als diese misslungenen Bronzedinger nach New York zu schicken", schrieb er seinem dortigen Galeristen Pierre Matisse, dem Sohn des Malers Henri Matisse.

Drei Miniaturmodelle jenes Ensembles zeugen in der Pariser Ausstellung vom nicht ausgeführten Projekt. Und plötzlich geht einem auf, warum Giacomettis Figuren so umgebungsscheu sind. Sie schaffen, sobald sie in der Gruppe auftreten, ihre eigene Umgebung. Die kleinformatigen Werke zum Thema des "Schreitenden", die zwischen den Arbeitsperioden für die lebensgroßen Varianten entstanden, sind wie musikalische Klangakkorde gesetzt, die keine Nebenklänge ertragen. Die fünf aneinander Vorbeigehenden in "La place" (1948) drücken die ganze existenzielle Einsamkeit des Gesellschaftswesens Mensch aus, während die "Drei Schreitenden" aus demselben Jahr, man mag sie als Betrachter noch so oft umkreisen, ein unentwirrbares Daseinsklüngel ergeben. Am wohl deutlichsten aber zeigt sich die Abwendung von allem anekdotischen Außen im Werk "Figur zwischen zwei Häusern" (1950), einem länglichen Bronzekasten, in dessen offenem Mittelteil eine weibliche Figur unterwegs ist aus einer schwarzen Nische hinter in eine schwarze Nische vor ihr.

Trotz ihrer massiven Stofflichkeit flimmern diese Skulpturen zwischen Abbildung und reinem Zeichen. In einem Exemplar von Rilkes Schrift "Auguste Rodin" aus dem Jahr 1920 fügte Giacometti dessen abgebildetem Torso "L'Homme qui marche" mit Bleistift einen Kopf und zwei kräftige Arme hinzu, als wollte das geballte Muskelspiel von Rodins "Schreitendem" auf die fehlenden Glieder ausgreifen. Nichts dergleichen jedoch in Giacomettis hochgeschossenen eigenen Figuren.

Ausgedrückt wird in ihnen mehr die Idee eines dahinschreitenden In-der-Welt-Seins als die Gegenwart eines wirklich Vorbeigehenden. Die in "Femme qui marche" von 1932 noch kerzengerade stehende Figur neigt sich in den späteren Werkvarianten nach vorn mit einem deutlich vom Boden abgehobenen Fuß und einer von der Ferse bis zum Scheitel schnurgeraden Körperachse, die im Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde zu schwingen scheint.

Die anatomischen Ungenauigkeiten teilen diese Figuren mit den stilisierten Darstellungen altägyptischer Statuen und Fresken, auf denen der vorgesetzte Fuß und die entsprechende Körperdrehung keinerlei Auswirkung auf den scheinbar immobilen Restkörper haben. Auf Realismus gab Giacometti wenig.

Die Direktorin des ausstellenden Institut Giacometti beschwert sich nun wütend über die Unesco

Jede ägyptische, afrikanische oder ozeanische Menschenfigur sehe uns ähnlicher als die raffinierteste griechisch-römische Büste, bemerkte er bei einem Rundgang durch den Louvre zu seinem Begleiter Pierre Schneider, denn entscheidend sei der vom Künstlerauge aus dem Gegenstand geschälte Stil. Damit hängt zusammen, dass trotz der zahlreichen Zeichnungen und Skizzen zum Motiv des "Schreitenden" über dreißig Jahre hinweg keine Entwicklung zu erkennen ist. So geschichtslos Giacomettis Figuren sind, so sehr verschließt sich seine Arbeit gegenüber einer Genealogie.

Das erlaubt der Ausstellung, mit wenigen gut ausgesuchten Werken das Thema erschöpfend zu behandeln. Ein Werk nur rumort durch seine Abwesenheit. In einem dem Katalog beigefügten "Erratums"-Zettel nimmt das Institut Giacometti mit scharfen Worten seine dort ausgesprochene Danksagung an die Unesco zurück. Deren Leitung hatte die Ausleihe der seit 1970 in ihrem Besitz befindlichen Version des "Homme qui marche" von 1960 zugesagt und dann wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung wieder zurückgezogen, weil das Museum der Forderung auf eine Versicherungssumme von 100 Millionen Euro nicht nachkommen konnte. Solche überzogenen Ausleihbedingungen kämen immer öfter vor und seien skandalös seitens einer öffentlichen Organisation, empört sich Catherine Grenier, die Direktorin des Institut Giacometti. Bei der Unesco bedauert man den Vorfall, doch halte man sich bei allen Ausleihen an eine unabhängige Einschätzung des Versicherungswerts. So bestätigt sich die Regel aufs Neue. Mit großen Institutionen hatte Giacometti kein Glück.

Alberto Giacometti: L'Homme qui marche. Institut Giacometti, Paris. Bis 29. November. Katalog 24 Euro. Info www.fondation-giacometti.fr

© SZ vom 20.07.2020

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