Ausstellung Geronnene Erinnerungen

Das Rot in den Wüstenbildern wie hier in "Sahara. Düne" (2000) steht für die Hitze. Farben verwendet Bernd Zimmer als Mittel, um Lichtverhältnisse erahnen zu lassen.

(Foto: Bernd Zimmer, VG Bild-Kunst)

Zum 70. Geburtstag Bernd Zimmers sind in Regensburg dessen großformatige Bilder zu sehen

Von Sabine Reithmaier, Regensburg

Bernd Zimmer mag die große Geste. Spektakulär und vereinnahmend gelingt es seinen exzessiven Farborgien mühelos, den Betrachter mitten ins Bildgeschehen zu ziehen. Den Werken fällt es auch nicht schwer, sich gegen die dominanten Holzbalken des "Leeren Beutels" zu stemmen. Das glückt nur in wenigen Ausstellungen der Städtischen Galerie Regensburgs. Allzu oft werden Bilder vom imposanten Raumeindruck des ehemals als Getreidespeicher genutzten Gebäudes einfach erschlagen.

Die erfolgreiche Selbstbehauptung des Zimmerschen Œuvres verdankt sich den großen Formaten und den intensiven Farben. Ob stille Pflanzenspiegelungen in imaginären Altwasserarmen eines Flusses, ob wucherndes Dschungelgrün oder in Kaskaden herabstürzendes Wasser, ob sanfte Dünen vor niedrigen Horizonten, explosive Eruptionen oder kosmologische Sternenkonstellationen - Zimmer balanciert haarscharf an der Kante zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit.

Erstaunlich ist, mit welch ungebrochener Kraft der fast 70 Jahre alte Künstler arbeitet. Er kippt, schwenkt, streicht und gießt die Farben auf die vor ihm auf dem Boden liegenden Leinwände. Was sich allerdings viel einfacher liest, als der Prozess in Wirklichkeit abläuft. Natürlich bedarf es nicht nur mehrerer Malvorgänge, sondern einer ausgefeilten Technik gepaart mit einer großen Erfahrung, um Lichtphänomene so meisterlich zu erfassen, wie es Zimmer tut. Der Maler arbeitet seit den Neunzigerjahren in Serien, kreist um seine Motive, variiert sie immer wieder, ermöglicht das Gefühl eines intensiven Naturerlebnisses. Gerade bei den Folgen von "Im Fluss" und "Alles fließt" bildet sich der Betrachter ein, ständig denselben, gekräuselten Wasserlauf mit Strudeln zu sehen; die Veränderungen ergeben sich nur durch wechselnde Lichtverhältnisse. Zimmer ist es übrigens ziemlich egal, was der Betrachter in seinen Bildern zu sehen glaubt, ob er einen Fluss oder ein Rinnsal, einen Mikroorganismus oder einen Blick ins All erkennt. Nur die Bildtitel lenken die Sichtweise manchmal in eine bestimmte Richtung.

Die Wasserbilder mit ihren Farbspiegelungen entstehen seit circa zehn Jahren. 2007 hatte Zimmer gerade ein Atelier in Brandenburg bezogen und sich auf Wanderungen für die Umgebung begeistert. Speziell beeindruckt hat ihn ein nächtlicher See, dem er in vielerlei Variationen nachspürte. In frühen Bilder spiegeln sich noch Bäume im See, später bleibt in der Serie "Alles fließt" nur das Wasser mit den Spiegelungen zurück.

Naturbilder malt Zimmer seit mehr als 30 Jahren. Schon Anfang der Achtzigerjahre reüssierte er, noch als "Junger Wilder" in Berlin lebend, mit üppigen Gebirgslandschaften in intensiver Farbigkeit. Seine Inspirationen holt er sich oft auf Reisen in ferne Länder. Sämtliche Bilder entstehen erst später im Atelier, geronnene, gefilterte Erinnerungen also; aber immer ist für Zimmer ein fiktiver Gegenstand oder ein erinnerter Ort der Ausgangspunkt, auch wenn er nie Realität nachbildet. Auch die Farben wählt er nicht, um naturalistisch genau das Gesehene einzufangen, sie sind nur Mittel, um den Lichtverhältnissen nachzuspüren.

Dass er überhaupt Maler wurde, hat ebenfalls mit einer Reise zu tun. 1975/76 unternahm er eine Tour nach Mexiko und in die USA. Damals hatte er bereits eine Lehre als Buchhändler hinter sich und studierte gerade Philosophie und Religionswissenschaften in Berlin. Freilich war es nicht die Natur allein, die den 28-Jährigen zur Malerei brachte, sondern auch die abstrakt-expressionistischen Bilder des amerikanischen Farbfeldmalers Clyfford Still. Ein Jahr später gründete Zimmer mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Salomé die Berliner Galerie am Moritzplatz, ein Künstlerselbsthilfeprojekt. Dem Standort verdanken die "Moritzboys" ihren Beinamen, der später zugunsten der Jungen Wilden und ihrer "heftigen" Malerei fast in Vergessenheit geriet. Zimmer ist allerdings einer der wenigen damals hoch gehandelten Künstlern, der es verstand, sich den Erfolg zu bewahren.

Dass er seinerzeit Philosophie und Religionswissenschaften studiert hat, wirkt in seinem anhaltenden Interesse an existenziellen Fragestellungen nach. "Ich will das Privileg unseres Daseins verstehen - oder zumindest erahnen", sagt er in einem Gespräch mit Walter Grasskamp, das sich im schön gestalteten und sehr lesenswerten Katalog (Wienand Verlag) findet. Dies drückt sich auch in der Serie "Cosmos" aus, die ihn seit 1998 beschäftigt. Auch hier fasziniert ihn das Licht. Zu den Bildern inspirierten ihn die Aufnahmen, die die Voyager-Sonden oder das Hubble-Teleskop zur Erde schickte, wenn er auch einen eigenen Kosmos kreiert, eigene Sternenkonstellationen schafft. Und trotzdem geht es auch hier um Natur. Eines der jüngsten Bilder trägt den Titel "Leben im All. Fliegender Baum" - ein Baum, der seine verzweigte Form nur durch Farbschüttung erhält.

Fast wie ein Ausreißer hängt zwischen explosiven kosmologischen Sternenkonstellationen die nächtliche "Bucht. Starnberger See" an der Wand, eine kleine Erinnerung an seine frühe Jugend, als er in Starnberg aufs Gymnasium ging. Damals interessierte ihn die Schule nicht sehr, er segelte lieber, wurde einmal sogar Deutscher Meister. Die Regensburger Ausstellung, die den anstehenden 70. Geburtstag des Künstlers würdigt, wird noch an weiteren Stationen zu sehen sein, geplant sind Kassel, Aschaffenburg, Wilhelmshaven. Auch dort werden die großen Formate Sinne und Verstand betören. Und die Betrachter rätseln lassen, wie es Zimmer gelingt, seine farbigen Flüssigkeiten zu wiedererkennbaren Strukturen erstarren zu lassen. Einfach virtuos.

Bernd Zimmer: Kristallwelt - Bilder 2000-2017, bis zum 23. September, täglich (außer Montag) 10 bis 16 Uhr, Städtische Galerie Regensburg