Ausstellung Enthüllen statt verhüllen

Die Ausstellung "The Common Thread " will auf leise aber intensive Art ein Bewusstsein für die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen schaffen

Von Christina Prasuhn

Was passiert, wenn Kleidung nicht als Schmuck, Verhüllung oder Schutz dient, sondern stattdessen aus ihrer Körpernähe ein Gefühl von Distanz oder Abscheu entsteht? Die Kleiderskulpturen der amerikanischen Künstlerin Shari Pierce, die sie in ihrem "She LL"-Projekt zeigt, wirken ästhetisch - wer die zu den Ausstellungsstücken gehörenden Statements liest, erfährt jedoch, dass jedes einzelne Kleidungsstück von einem Opfer sexueller Gewalt stammt.

Der Titel "She LL"-Projekt ist ein Wortspiel, das sowohl auf das englische "she will" (sie wird) als auch auf das Wort "Shell" (Hülle) Bezug nimmt; die Kleiderskulpturen als symbolische Hüllen sollen den Stimmen der Frauen Gehör verschaffen und zu kraftvollen Symbolen werden, die Frauen und Mädchen aus aller Welt ermutigen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Das "She LL"-Projekt ist gemeinsam mit den Arbeiten von vier anderen internationalen Künstlern im Rahmen der Ausstellung "The Common Thread - Sexual Violence Against Women in Contemporary Art" vom 6. November an in der Lichthalle des Landgerichts München zu sehen. Die Ausstellung ist die Auftaktveranstaltung der diesjährigen "Münchner Aktionswochen gegen Gewalt an Frauen, Mädchen und Jungen". Dabei ist das Gericht als symbolischer Ort zur öffentlichen Verhandlung von Missständen bewusst gewählt; Ziel von "The Common Thread" ist es, eine künstlerische Sensibilisierung für dieses Thema zu erreichen.

Für die Kuratorin Alexandra Mackel, die sich schon in ihrer Promotion mit der Repräsentation und Rezeption sexueller Gewalt gegen Frauen in der zeitgenössischen Kunst befasst hat, ist es vor allem wichtig, eine sensible Art der Darstellung zu finden. Die einzelnen Kunstwerke sollen auf subtile Art den Fokus auf die Opfer richten und zum Nachdenken anregen: "Die nachhaltigsten Geschichten entstehen im Kopf", findet sie; eine laute oder aggressive Darstellung sei nicht erforderlich.

Einen innovativen Zugang zum Thema findet auch Stephanie Müller, deren textile Plastik "Die Trompete" zunächst wie eine riesige gelbe Blume aussieht. Stattdessen könnte es sich aber auch um einen Rock handeln, der von mehreren Handschuhen brutal geöffnet wird; im Inneren werden kleine Wunden oder Verletzungen sichtbar, so dass das Werk auch als ein Aufschrei verstanden werden kann.

Die norwegische Künstlerin Lise Bjørne Linnert will mit ihrer Arbeit "Desconocida Unknown" auf die anhaltenden Morde und Misshandlungen von mehr als 2000 Frauen in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez aufmerksam machen. Auf einer vier mal sieben Meter großen Wand in der Signalfarbe Pink - ein Hinweis auf die Kreuze, die in der mexikanischen Stadt für die Opfer aufgestellt werden - wurden in mühevoller Kleinarbeit mehr als 7000 handgestickte Namensschilder befestigt. In weltweiten Workshops sticken die Teilnehmer jeweils ein Schild mit dem Namen einer ermordeten Frau aus Juarez als auch ein Label mit dem Wort "unbekannt" in ihrer Landessprache, um der Opfer ähnlicher Verbrechen weltweit zu gedenken. Auch zwei Namen aus München, "Lilli" und "Anna", sind dort zu lesen. Im Begleitprogramm der Ausstellung finden verschiedene Workshops sowie eine Podiumsdiskussion mit Experten statt, die für Alexandra Mackel dann gefragt sind, wenn die "Kunst als Türöffner" Bewusstsein geschaffen und die Besucher emotional sensibilisiert hat.

The Common Thread - Sexual Violence against Women in Contemporary Art, Lichthalle des Landgerichts München I, Lenbachplatz 7, Eröffnung: 5. November, 19 Uhr; Infos unter: www.filomele.de/news.html