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Ausstellung:Ein Biotop für Gedrucktes

Die Kunsthalle Pfaffenhofen widmet sich in einer umfassenden Ausstellung zeitgenössischer Originalgrafik

Von Sabine Reithmaier

Leuchtend intensive Farbdrucke an strahlend weißen Wänden - das ist der erste Eindruck von der Kunsthalle. Daran, dass hier einst Maschinenbauer Herion Stirnräder und Zahnstangen baute, erinnert nichts mehr. Gerade in ihrer Buntheit passt die Ausstellung derzeit aber sehr gut nach Pfaffenhofen. In der Stadt an der Ilm findet gerade die Gartenschau statt. Das nutzt Steffen Kopetzky, Schriftsteller und Vorsitzender des Neuen Pfaffenhofener Kunstvereins, um einen Vergleich zwischen Kunst und Natur zu ziehen. Letztere sei nur dort intakt, wo sie in großer Vielfalt und Fülle auftrete, sagt er. Das gilt auch für Kunst; daher bezeichnet Kopetzky die Grafikausstellung zwecks ihrer Formenvielfalt kurzerhand als Biotop.

Tatsächlich ist das Angebot üppig. An die 250 Originalgrafiken von 40 Künstlern hängen hier; fast alle Verfahren der klassischen Druckkunst sind vertreten und viele große Namen auch. Was die Künstler verbindet, ist die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, zu der der Kunstverein durch seinen Mitbegründer Christoph Ruckhäberle eine enge Beziehung hat. Das merkt man spätestens, wenn man im Nebenraum vor den Büchern des Lubok-Verlags steht. Den Verlag hat Ruckhäberle, gebürtiger Pfaffenhofener, mit dem Drucker Thomas Siemon 2007 gegründet und ihn in Anlehnung an den gleichnamigen russischen Volksbilderbogen Lubok genannt. Seither haben sich mehr als 100 Künstler an den Sammelwerken und den monografischen Linolschnittbüchern beteiligt, viele davon sind in Pfaffenhofen vertreten.

Natürlich auch Ruckhäberle selbst mit handgedruckten Tapeten, deren rein figurative Motive an Volkskunst denken lassen. Nicht weit von ihm hängt Neo Rauch, der leicht zu übersehen ist, weil die Radierungen seines Leipziger Kollegen David Schnell viel stärker ins Auge springen. Schnell spielt mit der Zentralperspektive, zersplittert, verpixelt Bäume, Sträucher, Flüsse, Straßen, ohne ihnen aber ihre Erkennbarkeit zu nehmen.

Benjamin Badock baut aus Quadraten, Rechtecken, Dreiecken und Kreissegmenten heitere Frauengestalten, Katharina Immekus entfaltet in ihren Linolschnitten ein organisches Gewirr an Linien, aus denen sich Landschaften herausschälen. Yvette Kießling hat drei Jahre den Weg der Elbe von der Quelle bis zur Mündung verfolgt und beeindruckt mit ihrem 16 Blätter umfassenden Zyklus "Entlang des wilden Stroms". Witzig sind die Arbeiten Sebastian Gögels. Dass er im Nebenberuf Tätowierer ist, merkt man seinen grimassierenden Köpfen, aber auch den ineinander verknäulten schwarzen Pferden an. Das einzige Unikat in der Ausstellung stammt von Annette Schröter, Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Ihr großer Papierschnitt "Stille Nacht" ist ein fragiles Gebilde. Die Geduld, die sie für diese Technik benötigt, hat sie sich vermutlich in ihrem ersten Beruf als Porzellanmalerin angeeignet.

Es ist nicht weit vom Gelände der Gartenschau zur Kunsthalle. Von dort aus kann man auch weitergehen und noch einige der 30 Stationen des ausgeschilderten Kulturwegs abwandern. Der Rundweg führt von der Gartenschau durch die Innenstadt und wieder zurück. Aber es gibt auch einen kleinen, netten Bummelzug, der die Stationen abfährt. Und natürlich auch an der Kunsthalle hält.

Ladder to Heaven. Zeitgenössische Originalgrafik, bis 20. August, täglich 11 bis 18 Uhr, Kunsthalle, Amberger Weg 2, Pfaffenhofen. Am Freitag, 21.7., 18.30 Uhr, stellt Wolfgang Ellenrieder das Buch zu seinem "Kiosk des Glücks" vor, Steffen Kopetzky liest.

© SZ vom 19.07.2017
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