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Ausstellung:Durchgelüftet und eingetütet

Zu Semesterbeginn lädt die Akademie der Bildenden Künste zur Debütantenausstellung und präsentiert in imposanten Räumen und an Un-Orten ihren preiswürdigen Nachwuchs

Von Evelyn Vogel

Erstsemestertag. Und was für einer. Weiß-blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, frischer Wind. Überall im Universitätsviertel wuselt das Jungvolk herum, beschnuppert sich und die Stadt. Pralle Lebenslust. Dieses Gefühl von "Welt lass dich umarmen" liegt in der hormongeschwängerten Luft. Ein Tag des Aufbruchs und des Neuanfangs - auch an der Akademie der Bildenden Künste.

Zum Semesterauftakt gibt es hier die Debütantenausstellung. Ein neuer Schritt in ein neues Leben. Die Arbeiten der 13 Absolventen, darunter zwei aus der Examensklasse der Kunstpädagogik und elf Diplomabsolventen, konnten ihre Arbeiten in den entsprechenden Ausstellungen schon einmal zeigen. Doch nun können sie sich in deutlich kleinerem Rahmen und mit weiteren Förderungen und Preisen ausgezeichnet noch einmal präsentieren.

Wie weit dabei die Bandbreite ist, wird vielleicht am besten deutlich an den beiden mit einem Senator-Bernhard-Borst-Preis der Stiftung Kunstakademie München ausgezeichneten Ausstellern Stefanie Brehm und Florentin Berner. Brehm konnte mit ihrer Armada handgedrehter Keramiksäulen - mitunter nur wenige Zentimeter groß, aber auch bis zu 1,80 Meter hoch und mehr als 100 Kilo schwer, farbig besprüht und glasiert - die alte Aula der Kunstakademie erobern. Die Stelen im Dialog mit den historischen Raffael-Gobelins. Ein imposanter Auftritt.

Florentin Berner hingegen hat sich für seine meditativen Schattenspiel-Installationen ausgerechnet den Raum unter der Treppe ausgesucht. Ein Un-Ort, der normalerweise unzugänglich ist. Tonnengewölbe, rohes Mauerwerk, offene, nur vergitterte Fensterlöcher, selbst an einem solchen frühlingshaften Tag kalt durchweht. Rätselhaft drehen sich die filigranen Objekte im Gegenlicht, nehmen mitunter menschliche Formen an. Für die einen ein angeregt gestikulierendes Paar im Dialog, für die anderen eine mantraartig sich verbeugende Gestalt. Dazu dreht sich auf einem Plattenteller eine mit Wasser gefüllte Klangschale, die ununterbrochen von einem Klöppel gestrichen wird. Ein zarter Klang - der sofort verschluckt wird von einem dieser unsäglichen Laubsauger, der draußen röhrt und bläst und augenblicklich jeden meditativen Laut verschluckt. Warum verbietet man diese verdammten Dinger nicht endlich?

Also weiter durch die Akademieräume, hinunter und hinauf. Zu Malerei (technisch und thematisch von klassisch bis experimentell von Sebastian Klein, Isabelle Tondre oder Yeon Soo Kim, ziemlich abgedreht von Adrian Duceac), zu höchst unterschiedlichen Papierarbeiten (Jasmin Eghbaly, Jan Erbelding), zu Sound- (Valentin Pongratz) und Foto-Installationen (Anna Görlitz), Konzeptkunst (Lou Jaworski) und einem Aufbau im großen Treppenhaus, der sich als Performance-Installation herausstellt. Hier packt Diogo da Cruz, mit einem DAAD-Preis ausgezeichnet, im Zuge seiner irgendwie ernsthaften und zugleich ironischen Lecture lebensnotwendige Kunstideen in Brottüten: "This bag contains important information. Preserve it, soon it will be useful." (Am Abend der Vernissage findet die Performance um 20 Uhr statt, an den anderen Tagen um 19 Uhr).

Um das "Dahinter", das "Davor" und das "Darin-Sein" drehen sich die fotografischen Serien von Kerstin Ullsperger, in denen sie den Stadtraum erkundet auf der Suche nach verwehrten Einblicken. Was verbirgt sich hinter zugemauerten Durchgängen und Fenstern? Wie sieht es dahinter aus? Überraschend für sie war vor allem, wie problemlos ihr die Menschen Einblicke in private Bereiche gewährten. Überraschend für den Betrachter ist vor allem, wie wenig von dem äußeren Schein im Innern oft noch vorhanden ist. Da bildet die Fensterwandung, die den Rahmen für die Wandteller in einem Esszimmer abgibt, fast schon eine Ausnahme. Von den Fenstern im Klassenzimmer, die sie einst allesamt zugemauert hatte, um gemeinsam mit ihren Kommilitonen das "Davor" und das "Dahinter" fast physisch zu erfahren, hat sie nur ein paar belassen, den Rest wieder geöffnet. Es war an der Zeit, frischen Wind herein wehen zu lassen.

Debütantenausstellung 2016, Akademie der Bildenden Künste, Altbau der Akademie, Akademiestr. 2; Eröffnung: Dienstag, 12. April, 19 Uhr, zu sehen bis 17. April, Mi-So, 15-21 Uhr

© SZ vom 12.04.2016
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