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Ausstellung:Dem Vergessen entrissen

Das Ismaninger Kallmann-Museum zeigt Werke von Künstlern, die als "entartet" stigmatisiert waren

Manche Bilder sind erschreckend harmlos. Landschaften, Genreszenen, Frauenporträts - die simplen Themen haben die Maler aber nicht davor bewahrt, als entartet gebrandmarkt zu werden. All die Facetten moderner Kunst, in denen die Nationalsozialisten eine "Degenerierung" und damit eine Gefahr für die "deutsche Rasse" sahen, lassen sich gerade im Ismaninger Kallmann-Museum studieren. Leiter Rasmus Kleine hat mit Kunstsammler Gerhard Schneider und Studierenden des Instituts für Kunstgeschichte eine bemerkenswerte Ausstellung konzipiert und realisiert.

Entartet - normalerweise denkt man bei diesem Begriff an große Namen wie Otto Dix, Max Beckmann, Wassily Kandinsky. Aber nicht an Werner Scholz und dessen entzückende "Halbweltdame am Caféhaustisch" (1929) oder an Gerhard Böhmes Lithografie "Strindbergs Rausch". Das kleine Blatt ist mit roten Strichen durchkreuzt. Weil darunter handschriftlich das Wort "entartet" steht, entwickelt man ziemlich schnell ein Gefühl dafür, wie die Kunstzensoren der Nazis in den Museen wüteten. Die Bilder hingen 1937 auch in der Münchner "Entartet"-Schau, genauso wie die berühmten "Entarteten" Erwin Heckl, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Müller oder Ernst Barlach.

Gerhard Schneider hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele der von den Nazis ausgegrenzten Künstler in seine Sammlung zu integrieren und bei der Ausstellung die "Vergessenen" in den Vordergrund zu stellen. Vor drei Jahrzehnten begann er systematisch nach Arbeiten der nachweislich Diffamierten zu suchen, besonders derjenigen, die aus Museumsbeständen beschlagnahmt wurden. Mittlerweile umfasst seine Sammlung Werke von über 400 Künstlern, die in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren noch am Anfang ihrer Laufbahn standen - und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr an ihre frühen Erfolge anknüpfen konnten.

"Ich will gegen die Widerstände der Zeit die Verwerfungen der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein heben" sagt Schneider und bleibt vor Georg Netzbands "Abgrund" (1935) stehen, einem großformatigen Ölgemälde, das eine Art Jüngstes Gericht darstellt. Netzband, Absolvent der Staatlichen Kunstschule Berlin, hatte aufgrund "politischer Unzuverlässigkeit" unentwegt Schwierigkeiten mit den Nazis und vergrub deshalb seine Bilder unter seinen Erdbeerbeeten. Er buddelte sie erst wieder aus, als er aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkam.

Schneider weiß zu jedem Bild eine Geschichte. Oscar Zügels ausdrucksstarker, an Goebbels erinnernder "Propagandaminister" (1933) wurde in der Stuttgarter Staatsgalerie beschlagnahmt. Jahrzehnte später fand es sich dort im Keller wieder. Zügel, der bereits 1934 emigriert war, hatte es längst für vernichtet gehalten, denn eigentlich sollten alle seine Werke im Hof der Staatsgalerie verbrannt werden. Oder die Bilder Valentin Nagels (1891-1942), die Schneiders Leidenschaft überhaupt erst entfachten. Der Maler war ihm völlig unbekannt, als ihm im Frühjahr 1983 Teile aus dessen künstlerischem Nachlass angeboten wurden. Aber die kantigen Köpfe und die in leuchtenden Farben komponierten Landschaften beeindruckten ihn. Dass Nagel trotz augenscheinlicher Qualität in keinem Lexikon zu finden war, wunderte ihn. Er begann zu forschen, trug Steinchen und Steinchen zu einem Lebensbild zusammen.

Inzwischen hat er mit seiner Akribie ungezählte Künstler vor dem Vergessen gerettet, ihre Wiederentdeckung eingeleitet, auch dank seines "wahnsinnig unruhigen Geistes" wie er sich selbst bezeichnet. 41-jährig beschloss der Westfale 1979 sein Dasein als Gymnasiallehrer für Philosophie in Paderborn zugunsten eines Kunstantiquariats an den Nagel zu hängen. "Geld hatte ich nie, aber ein Auge für die gegenständliche Kunst" und damit für all jene, die nach dem Krieg aufgrund der Dominanz der abstrakten Kunst nicht mehr in den Kunstmarkt zurückfanden.

Um die 20 000 Werke von 1600 Künstlern beschlagnahmten die Nazis in Museen. Ein kleiner Teil davon wurde auch auf den 35 Femeschauen gezeigt, die zwischen 1933 und 1941 im gesamten Reichsgebiet stattfanden. Schon Anfang April 1933 prangerten die Kunsthallen Mannheims und Karlsruhes "kulturbolschewistische Bilder" oder "Regierungskunst 1918-1933" an. In Dresden fand im September die erste Schau unter dem Titel "Entartete Kunst" statt; sie wanderte leicht verändert auch nach Hagen, Nürnberg, Dortmund, Regensburg, München, Ingolstadt, Darmstadt und Frankfurt am Main.

Die größten aller Feme-Schauen blieb indes München vorbehalten. Kurz vor ihrer Eröffnung im Juli 1937 lief in 101 Museen eine Beschlagnahmungsserie. Das Propagandaministerium hat das ordentlich in einer seitenlangen Liste dokumentiert, nach Städten und Museen geordnet, die Künstler in alphabetischer Reihenfolge erfasst. Mehr als 16 000 Positionen sind gelistet, teilweise sogar mit einem handschriftlichen Verbleibevermerk versehen.

Schneider fiel auf, dass ein sehr großer Teil der beschlagnahmten Kunstwerke nicht Ölgemälde waren, sondern Druckgrafik, vorzugsweise Holzdrucke und Linolschnitte. Unter den über 120 in München ausgestellten Künstler fanden sich gerade einmal acht Juden: Jankel Adler, Marc Chagall, Hans Feibusch, Otto Freundlich, Hanns Katz, Ludwig Meidner, Lasar Segall und Gert H. Wollheim. Den Nazis sei es eben weniger um das Anprangern jüdischer Künstler gegangen, als vielmehr darum zu zeigen, wie korrumpiert eine große Anzahl deutscher Künstler sei, sagt Schneider. Hitler jedenfalls schimpfte in seiner Eröffnungsrede zur Münchner Ausstellung 1937 gegen jene "kleinen Kunstkleckser, die die heutigen Gestalten unseres Volkes nur als verkommene Kretins sehen, die grundsätzlich Wiesen blau, Himmel grün, Wolken schwefelgelb empfinden".

Expressionistisch eben: Die Deformation als Ausdruckssteigerung, die Aufgabe der Zentralperspektive und die ungewohnte Farbigkeit - all das war den Nazis ein Dorn im Auge genauso wie jene "undeutschen" Künstler, die sich mit dem sozialen Elend der Weimarer Republik oder den Schrecken des Ersten Weltkrieges auseinandersetzten. Keiner der Künstler wurde übrigens wegen seiner Kunst verhaftet oder verboten. Die Nazis setzten auf Bürokratie und schlossen die ungeliebten Maler aus der "Reichskammer" aus. Oder nahmen sie gleich gar nicht erst auf, was einem Berufsverbot gleichkam.

Ins Kallmann-Museum passt die Ausstellung gut, weil auch vom Hausherrn sechs Arbeiten aus zwei Museen beschlagnahmt wurden, unter anderem seine "Hyäne bei Nacht". Erschütternd dagegen ein friedliches Bild in einem der letzten Räume. "Mutter mit Kind" hat Karoline Wittmann es genannt. Festgehalten hat sie ihre Schwester Maria Pöltl mit Sohn Georg auf dem Arm. Georg Pöltl kam 16-jährig im April 1945 im KZ Dachau ums Leben. Dorthin war er gebracht worden, weil er mit anderen Jugendlichen einem jüdischen Mädchen etwas zu essen gegeben hatte.

Entartete Kunst - Verfolgung der Moderne im NS-Staat. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider, bis 11. September, Kallmann-Museum Ismaning, Schloßstr. 3b, Di-So 14.30-17 Uhr

© SZ vom 24.05.2016

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