bedeckt München 22°
vgwortpixel

Ausstellung: "California Dreams":Und trage Blumen in deinem Haar!

Die Bundeskunsthalle in Bonn findet den kalifornischen Traum in der Geschichte von San Francisco.

Der Bergarbeiter Homer Campbell kaufte 1917 in Wickenberg, Arizona, ein paar Jeans. Drei Jahre später schickte Campbell seine Hose, mittlerweile mit Denim-Stoff geflickt, an die Herstellerfirma Levi Strauss & Co. In einem beigelegten Schreiben beschwerte er sich über die mangelnde Haltbarkeit des Produkts, das er seit dem Kauf jeden Tag (außer sonntags) getragen hatte. Seine Reklamation wurde akzeptiert, er erhielt neue Jeans, die alten wurde bei Levi's zum Beweis der eigenen Kulanz archiviert.

Diese Hose liegt jetzt in einer Vitrine in der Bonner Bundeskunsthalle, und vereint mehrere Stränge der Ausstellung "California Dreams": Zum einen tauchen Jeans als Kulturemblem immer wieder auf, unter anderem als Teil der Jeans-Kombination, die Apple-Gründer Steve Jobs zu seiner Standardkleidung erkor. Zum anderen ist sie als Arbeitshose der Schürfer, die während des Goldrausches vom Ende der 1840er-Jahre an nach Kalifornien zogen, ein Bestandteil der Wirtschaftsgeschichte Kaliforniens. Immerhin verdankte der westliche Küstenlandstrich dem ökonomischen Aufschwung, den der Goldrausch brachte, seinen Status als US-Bundesstaat.

Die Geschichte der Jeans erzählt zugleich eine Geschichte erfolgreicher Immigration. Ihr Erfinder Levi Strauss, Sohn eines jüdischen Tuchhändlers aus dem oberfränkischen Buttenheim, wanderte 1847 nach Amerika aus. In San Francisco machte er ein Vermögen mit der Arbeiterhose, für deren nietenverstärkte Version er 1872 gemeinsam mit dem aus Riga stammenden Schneider Jacob Davis ein Patent anmeldete.

Dass Kalifornien zur Speerspitze liberaler Reformen wurde, verdankt es der "counter culture"

"California Dreams" konzentriert sich auf San Francisco, die Stadt in einem "wunderbaren, aber oft beunruhigenden Ausnahmezustand", wie Lawrence Rinder, Direktor des "Berkley Art Museum", in einem Katalogbeitrag schreibt. Nicht nur die Lage, das milde Klima, bedroht von Erdbeben, hebt San Francisco heraus, sondern auch seine politische und wirtschaftliche Stellung innerhalb der USA.

Die Bonner Kuratoren haben die Schau weitgehend chronologisch aufgebaut: Von den kolonialen Anfängen, der Verdrängung der Ureinwohner und den Auseinandersetzungen mit Mexiko über den Bevölkerungsanstieg durch den Goldrausch, das Erdbeben von 1906 und die gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts bis hin zum Triumph des Silicon Valley.

Das Rückgrat dieses Gebildes bildet jedoch, was der britische Autor Christopher Isherwood "eine Fieberkurve von Migrationswellen" nannte. Jener, die über Land aus dem Osten kamen, und jener, die den Pazifik überquerten. Ausführliche Würdigung findet der Einfluss deutscher Einwanderer auf die Staatsentwicklung, so etwa die des gebürtigen Aacheners Adolph Sutro, der durch technische Innovationen die Arbeitsbedingungen in den amerikanischen Erz-Minen verbesserte und 1894 Bürgermeister von San Francisco wurde.

Dass die Einwanderungswellen nicht ohne, zum Teil massive, Konflikte vonstatten gingen, wird an der Rolle und Behandlung der asiatischen Immigranten deutlich. Die ersten chinesischen Einwanderer erreichten Kalifornien 1850, ihnen folgten Tausende über den Pazifik. Sie fanden Beschäftigung in den Goldminen und beim Bau der transkontinentalen Eisenbahn. Die latente Angst vor der "Gelben Gefahr" brach sich 1880 in antichinesischen Unruhen Bahn, über die eine in Bonn ausgestellte Ausgabe des Leipziger Magazins "Daheim" berichtet. Amerikanische Arbeiter unter Führung des (in Irland geborenen) rassistischen Agitators Denis Kearney forderten die Ausweisung aller Chinesen; der Artikel vergleicht den Konflikt mit der "Judenfrage" in Europa. Die Gründung von "China Town" erfolgte notgedrungen, da der "Chinese Exclusion Act" von 1882 Chinesen die amerikanische Staatsbürgerschaft versagte und die ihnen offenstehenden Betätigungsfelder auf Restaurants und Wäschereien beschränkte.

Nicht vergessen, dass es in Kalifornien auch den Kampf seiner ersten Bewohner gab, sich Gehör zu verschaffen

Dass Kalifornien trotz solch ethnischer Spaltungen zur Speerspitze liberaler Reformen wurde, verdankt es vor allem der counter culture, der die Bundeskunsthalle reichlich Platz einräumt, angefangen bei der Beat Generation: Jack Kerouacs karierte Jacke und Allen Ginsbergs Schreibmaschine etwa, beide aus den Sechzigerjahren. Das bereits 1954 entstandene Bild "Boy Party" von Jess (bürgerlich Burgess Franklin Collins) ist ein frühes Beispiel künstlerischer Darstellung männlicher Homosexualität. Außer New York bot keine Stadt in den USA der Grenzen sprengenden Energie einen besseren Nährboden als San Francisco.

Nach den Beatniks waren es vor allem die Hippies, die das kalifornische Selbstverständnis mitprägten, und wieder dient eine Jeans als Symbol: ein Paar Levi's mit breitem Schlag, 1973 von ihrem Träger Dug Miles mit psychedelischen Mustern bemalt und indianisch anmutenden Perlenapplikationen ergänzt. Es wird angesichts der ästhetischen Vereinnahmung indigener Traditionen durch die Popkultur nicht vergessen, dass es in Kalifornien auch einen Kampf seiner ersten Bewohner gab, sich Gehör und Recht zu verschaffen. Im November 1969 besetzte eine Gruppe von Native Americans die Gefängnisinsel Alcatraz und hielt bis Mitte 1971 dort durch. Die Besetzung wurde ein Meilenstein im Kampf um mehr indianische Selbstbestimmung.

"Wir sind eine Stadt, die von Brücken umgeben ist, nicht geteilt durch Mauern", sagte San Franciscos Bürgermeisterin London Breed im vergangenen Januar. Es war eine Reaktion auf die Kritik der amerikanischen Regierung am Festhalten der Stadt an ihrem Status als "Sanctuary City". Die Weigerung, zunehmend drakonische Maßnahmen gegen Einwanderer mit unsicherem legalem Status umzusetzen, führt immer wieder zu Konfrontationen mit dem Heimatschutzministerium. So sollten 2017 rund 500 angebliche kriminelle illegale Einwanderer in Kalifornien verhaftet werden; San Francisco und Los Angeles setzten sich zur Wehr.

Obwohl San Francisco heute mit unerschwinglichen Wohnkosten und Luftverschmutzung, im Silicon Valley mit dem größten Wohlstandsgefälle Amerikas sowie weiterhin wegen ihrer Lage in einem potenziellen Erdbebengebiet zu kämpfen hat, bleibt die Stadt ein Sonderort im Amerika der Gegenwart. So lassen die Vielschichtigkeit ihrer Geschichte und ihre lange Tradition hart erkämpften toleranten Zusammenlebens sie in der beeindruckenden Bonner Schau als so etwas wie einen Gegenentwurf zur aktuellen Trump-Realität erscheinen.

California Dreams - San Francisco, ein Porträt: Bundeskunsthalle, Bonn. Bis 12. Januar. bundeskunsthalle.de; Katalog 22 Euro.

© SZ vom 30.09.2019
Zur SZ-Startseite