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Aus den Bestsellerlisten:Ritt auf dem Asteroiden

Die Autorin Jasmin Schreiber arbeitet ehrenamtlich als Sterbehelferin. Ihr unbedarfter Trauer­bewältigungsroman "Marianengraben" aber liest sich wie die Tagebucheinträge aus der Zeit, als der Hund gestorben ist.

Es gibt Autoren, die schreiben über Trauer, Tod und Schuldgefühle so, wie man es gerne selber könnte: einfach, aber präzise, mit Formulierungen, die sich, sobald man sie liest, wahr anfühlen, auch wenn man sie selbst nie gefunden hätte. Im Falle von "Marianengraben", dem Debütroman von Jasmin Schreiber, liegt die Sache anders. Bei Schreiber klingt Trauer eher wie die "tiefste Stelle des Weltmeeres", "ganz unten in der Dunkelheit, wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff". Wie "ein alter Rechner, der nur noch Fehlermeldungen auswarf, die aber alle keinen Inhalt hatten". "Marianengraben" liest sich ein bisschen wie die Tagebucheinträge aus der Zeit, als der Hund gestorben ist. Oder die Gedichte, die man schrieb, als man Liebeskummer hatte. Gefühlig, aufrichtig, kitschig.

Der Roman erzählt die Geschichte von Paula und ihrer Trauer nach dem Tod ihres kleinen Bruders. Tim ist ertrunken, im Urlaub mit den Eltern, und nun ist Paula im metaphorischen Marianengraben: nicht mehr Mensch, sondern "ein Menschenkostüm, das Nichts enthält," ganz unten angekommen, "elftausend Meter tief." Meterzahlen sind wichtig in "Marianengraben". Die Tiefe unter dem Meeresspiegel gibt in den Kapitelüberschriften an, wie es Paula gerade geht: 11.000 Meter zu Beginn, als sie ihre Vorhänge nicht mehr öffnet, nicht einmal mehr weinen kann. 9950 Meter, als sie Helmut trifft, einen harte-Schale-weicher-Kern-Typ, der um seine Ex-Frau trauert. 7800 Meter, als ihr gemeinsamer Roadtrip in Helmuts Wohnmobil beginnt, Richtung Österreich, in die Berge. Dort will Helmut die Asche seiner Ex-Frau verstreuen, das hatte er ihr versprochen. Paula und Helmut verstehen sich, weil niemand sie versteht. Schreiber schreibt: "Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt." 6480 Meter, als sie an einem Bergsee im Allgäu ein Picknick machen.

Schreibers Bilder sind kitschig und bleiben ohne Erkenntniswert

"Marianengraben" ist ein Roadmovie: sattgrüne Wiesen, nackte Füße in tiefen, kalten Bergseen, klare Luft, die mit den Haaren spielt, Landhäuser mit kirschroten Ziegeldächern und Blumenkästen. Bilder mit Blendenreflexen und Instagramfiltern. Obwohl in Marianengraben viel gestorben wird - es sterben Hunde, Hühner, Brüder, Schwestern, Ehepartner, Eltern, Omas - kennt die Welt hier nur eine Richtung: bergauf, ins Licht, an die Wasseroberfläche, zum bittersüßen Happy End. Ein Roman, der beteuert, dass am Ende alles gut wird, und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.

Schreiber ist ehrenamtlich Sterbegleiterin, kennt also die Bilder, die Menschen schaffen, wenn die Realität unaussprechlich scheint. So wird in "Marianengraben" die Depression nicht nur zum tiefsten Punkt des Meeres, sondern der Tod auch zum "ewigen Ozean mit leuchtenden Quallen und blinkenden Tintenfischen", dem "Sonnenwagen des Helios", oder sogar dem Ort der "großen Könige der Vergangenheit". Ein "Ritt auf einem Asteroiden", in einer "Galaxie, zu der wir keinen Zugang hatten." Einen Erkenntnisgewinn liefern diese Bilder nicht. Wie Kalendersprüche verschleiern sie, anstatt zu beleuchten. Sie gleiten ab in den Kitsch, anstatt Neues zu schaffen. Berühren kann "Marianengraben" trotzdem: Weil es zeigt, wie groß die Trauer sein kann und wie dürftig die Worte dafür. Für diese Erkenntnis allerdings könnte man auch das alte Tagebuch lesen.

Jasmin Schreiber: Marianengraben. Roman. Eichborn Verlag, Köln 2020. 250 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 31.03.2020

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