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Aufklärungsbuch:Pocahontas hat ihre Tage

Zwei italienische Mädchen, deren Leben durch die sozialen Medien bestimmt wird, finden im realen Leben die richtigen Ideen, um sich in einer öffentlich wirksamen Aktion gegen Mobbing und Machogehabe zu wehren.

Von Carola Zinner

Da ist zum einen Camilla: 13 Jahre alt, nett, etwas schüchtern und immer noch traurig über den Tod ihrer Mutter vor drei Jahren. Der Vater hat inzwischen eine neue Lebensgefährtin, und in deren Wohnung am anderen Ende der Stadt wird die Patchwork- Familie ab sofort gemeinsam leben.

Und da ist zum anderen Luna: schön, selbstbewusst und sensationell erfolgreich. Als "Lunatika", wie sie sich bei Tiktok nennt, begeistert sie mit ihren kurzen Videos eine immer größer werdende Fangemeinde, darunter Camilla. Die kann es erst gar nicht fassen, dass unter den Mitschülerinnen in ihrer neuen Klasse auch ihr großes Idol ist. Dann aber läuft alles derart schief, dass sie für Luna bald zum Feindbild wird. Zudem bekommt Camilla zum ersten Mal ihre Periode. Sie ist unsicher, verwirrt und würde gerne mit jemandem darüber reden, doch es gibt keine Vertrauensperson in ihrem Umfeld. Schließlich wendet sie sich mit einer Sprachnachricht an ihre alte Gruppe, die "Superfreundinnen". Es bleibt allerdings bei der Aufnahme - sie schickt den Text gar nicht erst los. Trotzdem ist er in ihrer neuen Schule plötzlich im Umlauf. Camilla bekommt den Spitznamen "Tampon" und scheint für immer unten durch zu sein.

Das primäre Anliegen des Buches ist klar. Es geht um die Monatsblutung und darum, dass es völliger Quatsch ist, dieses Themengebiet zu tabuisieren. Nicht neu das Ganze, das weiß auch die Autorin und lässt in Lunas Mutter eine frauenbewegte Zeichnerin auftreten, die das Thema zum Entsetzen ihrer topmodernen Tochter am liebsten ständig in Trickfilmen und Comics aufgreifen würde: "Was meinst du: Pocahontas taucht im Fluss, und dann sagt ihre Freundin, dass sie nicht schwimmen gehen kann, weil sie ihre Tage hat." - "Oh, Mama! Bitte, das ist so eklig!"

O.k., o.k., Botschaft verstanden. Andererseits: Was peinlich ist und was nicht, darüber entscheidet jede Generation neu, und Tabus, auch solche körperlicher Art, wird es immer geben, egal, wie fortschrittlich die Welt auch sein mag. Was allerdings wirklich bewegend ist an dieser Geschichte, das ist das Szenario, in dem sich das Ganze abspielt. Denn darüber kann auch der märchenhafte Ausgang nicht hinwegtäuschen: Wenn im Mittelpunkt des sozialen Lebens das Smartphone steht, dann geht man anders mit sich und den anderen um. Was zählt, ist in erster Linie das Talent zur Selbstdarstellung und zur körperlichen "Optimierung". Ein Narzissmus, der derart ungebremst wachsen darf, fordert jedoch auch immer mehr Opfer seiner dunklen Kehrseite, der absoluten zwischenmenschlichen Kälte. Allen, die mitmischen wollen in dieser schönen neuen Welt - und wer unter den Jugendlichen könnte schon völlig darauf verzichten? - scheinen nur mehr zwei Optionen zu bleiben: bloßgestellt, verachtet oder als Star. Und da wäre dann immer noch die Frage: für wie lange? (ab 12 Jahre)

Roberta Marasco: : Alles ganz normal. Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming. Carlsen 2021. 208 Seiten, 12 Euro.

© SZ vom 07.05.2021
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