Aufklärungsbuch "Make Love":Es muss noch mehr als alles geben

Wie verlieren Jugendliche in der Bleiwüste nicht ihre Leselust? Das Aufklärungsbuch "Make Love" hat eine simple Antwort: Wie in einer Zeitreise in die sechziger Jahre können die Leser hier wieder Paare am Gummibaum im Wohnzimmer beobachten, dazu gibt es Geschlechtsteile in Großaufnahmen.

Roswitha Budeus-Budde

Trotz der einschlägigen Bilder im Internet wird das erste Wissen über Sex und Liebe von Jugendlichen in der Pubertät auch in der Literatur gesucht. So finden sich Aufklärungsbücher heute auf jeder Backlist der großen Jugendbuchverlage. Und sie sind alle nach dem selben Muster gestrickt. Sie antworten auf die Fragen, nach dem bewährten "Doktor Sommer"-Prinzip" der Bravo, oft in einer Mischform aus Dialogen und kurzen medizinischen oder entwicklungspsychologischen Artikeln, aufbereitet durch Zeichnungen, die das "technische Wissen" vermitteln.

Make Love

"Make Love" - der Text zwischen den Fotos versucht nach dem Motto "Es muss noch mehr als alles geben" eine Art Vollkommenheit in Sachen Aufklärung zu erreichen.

(Foto: Heji Shin)

Die eingestreuten Fotos von Jugendlichen zeigen, dass auch Emotionen im Spiel sind. Trotz dieser jugendgemäßen Aufmachung, schließlich beginnt die Pubertät inzwischen mit elf Jahren, informieren diese Bücher umfassend und ohne Tabus.

Überschriften wie "Durch die Betten"

"Unser Buch ist für Jugendliche geschrieben, die anfangen Sex zu haben", beteuern auch die Herausgeber von "Make Love", denn nun soll es nicht nur pädagogisch, sondern auch authentisch zugehen, und so "werden hier nur echte Paare, die wirklich miteinander ins Bett gehen", abgebildet. Wie in einer Zeitreise in die sechziger Jahre kann man nun wieder Paare am Gummibaum im Wohnzimmer oder unter Waldbäumen beobachten, ihre Aktivitäten in häuslichen Betten verfolgen, und dazu Geschlechtsteile in Großaufnahmen - auch mal mit dem Weichzeichner fotografiert - betrachten. Das Sex-Leben der legendären Kommune 1 erlebt sein ästhetisches Revival.

Der Text zwischen den Fotos versucht nach dem Motto "Es muss noch mehr als alles geben" eine Art Vollkommenheit in Sachen Aufklärung zu erreichen. Damit man nicht die "Lese"-Lust in dieser "Bleiwüste" verliert, sind immer wieder saloppe, typisch "jugendliche" Ausdrucksweisen eingestreut, und die Kapitel haben Überschriften wie "Durch die Betten " oder "Hosen runter". Die Grafiken dagegen erinnern an die Ästhetik eines Jugendlexikons, sogar die beliebten Farben Rosa und Blau finden wieder Verwendung.

Wer ist nun der Adressat dieses "Retro-Aufklärungsbuches"? Jugendliche nicht! Der Weltbild-Verlag hat schon darauf geantwortet: Anständige Katholiken auch nicht.

Ann-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski: Make Love. Ein Aufklärungsbuch. Mit Fotografien von Heji Shin. Rogner & Bernhard, Berlin 2012. 256 Seiten, 22,95 Euro.

© SZ vom 17.07.2012
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