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Astronomie:"Gibt es außerirdisches Leben? Ich finde diese Frage fast schon langweilig"

Amaury Triaud hat das Planetensystem Trappist-1 mit entdeckt. Ein Gespräch über den Zusammenhang zwischen Kunst und Wissenschaft und die Zukunft seiner Forschung.

Interview von Luise Checchin

Sieben erdähnliche Planeten, die um den Stern Trappist-1 kreisen, in nächster Nachbarschaft unseres Sonnensystems: Das ist die Entdeckung, die eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Forscher Michaël Gillon in dieser Woche publik gemacht hat. Begleitet wird das Projekt von einer Website, auf der es neben wissenschaftlichen Fakten auch graphische Kunstwerke und Kurzgeschichten zu Trappist-1 gibt. Amaury Triaud, Jahrgang 1984, forscht im englischen Cambridge und ist einer der Ko-Autoren der gerade veröffentlichten Studie. Im Interview erklärt er, warum er es für sinnvoll hält, Kunst und Wissenschaft zu verzahnen, und wohin seine Forschungen noch führen könnten.

SZ.de: Können Sie sich an den Moment erinnern, an dem Ihnen klar geworden ist, dass Ihr Team gerade dabei ist, eine bedeutsame Entdeckung zu machen?

Amaury Triaud: Ja, das war im Herbst 2015. Michaël Gillon, der führende Autor der Studie, rief mich an und teilte mir mit, dass der erste Planet bestätigt sei. Wir hatten den Verdacht, dass es solche Planeten geben könnte, aber bis dahin hatten wir noch keinen gefunden. Das war ein komisches Gefühl. Einerseits war ich unglaublich glücklich und andererseits auch erleichtert. Denn damit war klar: Die Forschung der nächsten Jahre wird sehr aufregend.

Sie haben zusammen mit Ihren Kollegen eine Website zu dem Projekt erstellt. Darauf gibt es wissenschaftliche Messungen, aber auch Videos, Illustrationen und Science-Fiction-Kurzgeschichten zum Planetensystem Trappist-1. Wieso diese popkulturaffine Präsentation?

Ich möchte, dass Menschen sich für das Universum begeistern, dass Sie entdecken, wie schön die Natur ist. Viele sagen, dass die Wissenschaft die Natur auf etwas Unpoetisches reduziert. Das sehe ich ganz anders. Als Physiker verstehen Sie die Welt auf eine ungewöhnliche Weise, sie verstehen zum Beispiel, warum der Himmel blau ist. Das ist doch Poesie!

Ich hätte gedacht, dass viele Wissenschaftler sich eher von der Kunst - vor allem von Science Fiction - abgrenzen möchten, um ihre Seriosität zu wahren.

Ich glaube, viele von uns interessieren sich für Science Fiction. Ein Wissenschaftler muss ja zuallererst neugierig sein, und Neugier lebt von der Vorstellungskraft. Science Fiction schafft es, solche Vorstellungen zu transportieren. Ich mag Kunst, ich besuche gerne Ausstellungen. Nehmen Sie zum Beispiel bildende Künstler oder Choreographen: Die sehen etwas und erschaffen dann ein Kunstwerk. Als Betrachter stellen Sie sich vor eine Installation oder ein Gemälde und versuchen, das Kunstwerk zu verstehen. Wissenschaft funktioniert ganz ähnlich. Nur, dass eben die Natur der Künstler ist. Sie hat etwas geschaffen und als Beobachter müssen Sie sich darauf einen Reim machen. Abgesehen davon werden häufig sehr nüchterne Bildwelten benutzt, um wissenschaftliche Ergebnisse zu kommunizieren. Die Künste schaffen es, daraus auszubrechen. Weil wir schon vermutet hatten, dass unsere Entdeckungen viele Menschen interessieren könnten, dachten wir deshalb, wir versuchen es diesmal mit einem etwas gewagteren Konzept.

In einer der Kurzgeschichten, die Sie im Rahmen des Projekts in Auftrag gegeben haben, ist von einer anderen Zivilisation innerhalb des Planetensystem Trappist-1 die Rede. Wie wahrscheinlich ist diese Idee?

Ich glaube, es gibt gute Chancen, irgendwo im Kosmos biologische Aktivität zu finden. Was Zivilisationen angeht, bin ich skeptisch. Wenn Sie sich die Geschichte der Menschheit anschauen, stellen Sie fest, dass wir lange nur eine sehr durchschnittliche Spezies waren. Dann, vor etwa elf- oder zwölftausend Jahren, gab es eine Veränderung, das Klima stabilisierte sich, wir ließen uns nieder, entwickelten eine Kultur, Technik. Aber diesen Umstand sehe ich eher als eine Art Unfall an. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ähnliche Bedingungen auf einem anderen Planeten gab und genau zu diesem Zeitpunkt eine Spezies vorhanden war, die intelligent genug war, sie zu nutzen, ist in meinen Augen sehr gering.

Warum sind die Menschen trotzdem so fasziniert von dem Gedanken, außerirdische Intelligenz zu entdecken?

Wenn man über außerirdische Intelligenz nachdenkt, kommt sofort auch die Frage auf: Was werden diese Wesen von uns denken? Werden Sie uns schätzen oder nicht? Was werden sie von unserer Philosophie, unserer Wissenschaft halten? Es ist eine Art Spiegel. Was die Menschen über außerirdische Intelligenz denken, hat sehr viel damit zu tun, was sie selbst fühlen, wie sie über Andere hier auf der Erde denken. Manche sind fasziniert und würden gerne Kontakt mit außerirdischen Wesen aufnehmen. Andere haben Angst davor. Genauso wie manche Menschen Fremde, die in ihr Land kommen, willkommen heißen und manche sich vor ihnen fürchten.

Fantasieren Sie auch manchmal, wie außerirdische Intelligenz aussehen könnte?

Ja, aber das werde ich hier nicht erzählen, das ist eher Stoff für Dinner Partys.

Haben Sie eine Vision, wohin die Forschungen zu Trappist-1 auf lange Sicht führen könnten?

Viele Menschen wollen die Frage beantworten: Gibt es außerirdisches Leben? Ich finde diese Frage fast schon langweilig. Als Astronom sehen Sie, wie groß das Universum ist, da ist es wahrscheinlich, dass es irgendwo noch Leben geben muss. Die interessantere Frage ist also: Wie häufig hat Leben es geschafft, sich zu entwickeln? Das herauszufinden könnte dazu führen, dass wir uns selbst und unsere Stellung in der Natur neu definieren. Ähnlich wie die Entdeckungen von Galileo und Darwin unsere Sicht auf uns selbst neu definiert haben.

Inwiefern würde diese Entdeckung unser Selbstbild verändern?

Stellen Sie sich vor, wir würden herausfinden, dass im Schnitt nur auf einem von zehntausend bewohnbaren Planeten Leben entstanden ist. Das bedeutet, unsere Position ist sehr ungewöhnlich, wir sind besonders. Aber wenn nun herauskäme, dass auf einem von zehn bewohnbaren Planeten Leben entstanden ist, dann wäre diese Entstehung ein sehr verbreiteter Prozess. Dann könnte man anfangen Fragen zu stellen, beispielsweise ob die Darwinsche Evolution überall genauso abläuft.

Könnte eine solche Entdeckung die Menschen vielleicht etwas demütiger machen?

Ich denke, beide Szenarien könnten uns demütiger machen. Das erste Szenario würde bedeuten, dass es um uns herum eine riesige kosmische Leere gibt. Das zweite würde aus uns eine Lebensform unter Myriaden machen. In beiden Fällen würde uns gezeigt, wie unbedeutend wir sind gegenüber der grandiosen Schönheit des Kosmos.

© SZ.de/doer
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