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Österreichische Literatur:In der Schutzblase

Mondsee, 1944: In seinem neuen Roman "Unter der Drachenwand" erzählt der österreichische Schriftsteller Arno Geiger von Leben, Leid und Lieben eines jungen Kriegsversehrten.

Schauplatz eines Romans, der das letzte Kriegsjahr 1944 so erzählt, als gäbe es keine Zukunft: Kreuzstein im Mondsee.

(Foto: Mauritius images)

Eine Atempause im Krieg ist der Handlungsraum im neuen Roman von Arno Geiger, der eine Enklave mit gleichermaßen realen wie fantastischen Koordinaten entwirft. An den Ufern des Mondsees, über dem die Drachenwand thront, neben sich den schon seines Namens wegen freundlicher wirkenden Schafsberg, kommt ein Häufchen vom Krieg Versprengter zusammen. Veit Kolbe, der im Februar 1944 seinen vierundzwanzigsten Geburtstag feiern wird, wurde an der Ostfront verwundet. Bei den Eltern in Wien, die noch immer Durchhalteparolen von sich geben, hält er es nicht aus, so erinnert er sich an den Ratschlag eines Hauptmanns im Lazarett, er solle, wenn es irgendwie möglich ist, aufs Land gehen. Sein Onkel ist Postenkommandant in Mondsee, dem gleichnamigen Ort, eine halbe Stunde von Salzburg entfernt. Er ist bereit, ihm eine Unterkunft zu besorgen.

Veit Kolbe zieht in das schäbige Zimmer einer bösartigen Vermieterin und richtet sich allmählich ein. Die erbärmlich stinkende Matratze wird durch einen frischen Strohsack ersetzt, ein Kohleofen eingebaut. Die Jahre des Kriegsdiensts haben ihm einen beachtlichen Sold beschert. Allerdings auch Angstzustände, die man heute posttraumatische Belastungsstörung nennen würde. Er wird von Panikattacken überrollt, Bilder stürmen auf ihn ein, er zittert, bekommt Schweißausbrüche, kann sich nicht bewegen. Der Gemeindearzt verschreibt ihm das Beruhigungsmittel Pervitin. Er schläft zwölf Stunden in der Nacht, tagsüber schreibt er Tagebuch und gelegentlich Briefe. Schreiben sei eine besondere Art, Angst zu haben, sagte Arno Geiger einmal und auch, dass er erzählend die Leerstellen seiner Existenz auffülle.

Man kann es nicht anders als eine bedrohte Idylle nennen, die Geiger erzählend entwickelt

Geiger schätzt die jungen Erwachsenenjahre als ein Alter, in dem sich erste Lebensentscheidungen mit Unsicherheit paaren und mit der ständigen Erkundung, wer man ist und werden möchte. Auch Julian, der Held seines Romans "Selbstporträt mit Flusspferd" ist in diesem Alter. Ihn warf allerdings nur eine unglückliche Liebe aus der Bahn. Veit Kolbe dagegen hat es mit dem Krieg zu tun. Er hat alles gesehen, "was niemand sehen will". Und er hofft, der Genesungsurlaub möge ihm lange genug Aufschub gewähren, um nicht an die Front zurückzumüssen.

Arno Geiger gewährt seinem Ich-Erzähler, der später von weiteren Erzählstimmen ergänzt wird, die Ruhe, nach der er sich an der Front sehnte, wo Leerlauf und Lebensgefahr zermürbend ineinandergriffen. Er fasst langsam Fuß in der relativen Normalität des Landlebens, seine Oberschenkelwunde hört auf zu eitern, das Strumpfband, das ihm die Mutter lieh, um den rutschenden Verband zu halten, kann bald nach Wien zurückgeschickt werden. Es ist ganz nebenbei auch ein symbolisches Band, das "Unter der Drachenwand" mit dem Eheroman "Alles über Sally" verbindet. Auch Sallys Stützstrumpf tragender Gatte ist ein hingebungsvoller Tagebuchschreiber, der seine Männlichkeit nicht allzu ernst nimmt.

Man kann es nicht anders als eine bedrohte Idylle nennen, die Geiger im Schatten der Drachenwand entstehen lässt. Veit, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist, empfindet es als "unbeschreibliches, mit nichts zu vergleichendes Gefühl", überlebt zu haben, auch wenn es mit Ängsten, Depressionen und Schmerzen einhergeht. Nicht allein durchs Schreiben heitert sich sein Gemüt allmählich auf.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2018. 480 Seiten, 26 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Im selben Haus, nur durch eine dünne Wand getrennt, wohnt eine junge Mutter mit ihrem Säugling. Während er sich zunächst in eine Lehrerin verliebt, die Mädchen in der Kinderlandverschickung betreut und ihn ziemlich schroff abblitzen lässt, entsteht zwischen ihm und seiner Wandgenossin eine ruhige, ernsthafte Liebe. Und da es, anders als mit ihrem Mann, auch im Bett "klappt", wollen sie nach dem Krieg zusammenbleiben.

Mit der gleichen Geduld, mit der er Veit und die aus Darmstadt stammende Margot aufeinander zustreben lässt, entwickelt Arno Geiger das Geflecht der Figuren. Die Mädchen, die im Lager Schwarzindien - die Gegend gibt es wirklich am Ufer des Mondsees - vor dem Krieg in Sicherheit gebracht werden sollen, stromern in ihrer Grazie und Jugend durch den Roman. Eines der Mädchen, beinahe eine Mignon-Figur, hilft Veit bei einer Panik-Attacke. Ausgerechnet sie, die aufmüpfig liebestrunkene Nanni Schaller, deren Liebe zu ihrem Cousin die Mutter unterbinden will, verschwindet eines Tages spurlos.

Während Flugzeuge im Überflug an den Krieg erinnern und das Radio den Frontverlauf wiedergibt, ist das Gewächshaus eines Brasilien-Heimkehrers ein kleines Stück Utopia. Der Reformbiologe ist der friedfertige Bruder der überaus garstigen, mit Nazi-Parolen um sich werfendenden Vermieterin. Bevorzugt bei Nacht erzählt er Veit von seinen Erlebnissen in Brasilien, von der Freude, der Sinnlichkeit, der Heiterkeit und Wärme. Seine ins Dunkel gesprochenen Bruchstücke ähneln "Phantasiegebilden" und haben doch reale Erlebnisse zur Grundlage. Eines Tages wird er verhaftet und weiß nach sechsmonatiger Haft, dass man "ein politisches System mit den Augen der Toten betrachten" muss. Veit und seine Geliebte haben sich währenddessen um das Gewächshaus gekümmert, ein Selbstversorgeridyll, das Geld abwirft.

In seiner materiellen, von Utopien durchpulsten Gegenwärtigkeit ist es das wohl klarste Sinnbild für den "ängstlichen Schwebezustand", in dem sich das Paar befindet. Und wohl auch für das Projekt, das man in diesem Roman sehen darf. Arno Geiger entwirft eine Schutzblase mit durchlässiger Membran. Sie lässt Botschaften des andauernden Krieges durch und ist doch für die Dauer, in der Veit Kolbe "nicht verwendungsfähig" ist, eine verwickelte Form des Aufschubs. Der Wunsch nach dem Stillstand der Zeit im Inneren der Blase steht im schroffen Gegensatz zu der Hoffnung, der Krieg möge möglichst rasch enden. Der sinnlich konkrete und zugleich metaphorische Titel des Romans "Unter der Drachenwand" könnte in abstrakter Version auch "Krieg und Zeit" heißen.

Veits Erzählstimme wird vorwiegend durch drei weitere Stimmen ergänzt. Durch die von Margots Mutter, in deren gehetztem Stakkato sich der Überdruss über die in Kriegszeiten exaltiert wirkenden Wünsche der beiden Töchter, denen sie mal dieses, mal jenes schicken soll, niederschlägt. Nach der Bombardierung Darmstadts wird es immer verzweifelter und gibt einen Eindruck vom Leid der städtischen Zivilbevölkerung. Nannis Cousin erleben wir in Liebesbriefen, die ohne Antwort bleiben, und als junger Rekrut, der sich einen männlichen Schutzpanzer zulegt, um mit seiner ersten Liebesverletzung fertig zu werden. Der wichtigste Erzähler neben Veit Kolbe ist Oskar Meyer, ein jüdischer Zahntechniker, der mit seiner Familie aus Wien flieht, in Budapest landet und schließlich als Zwangsarbeiter in einer Zufallsbegegnung auf Veit trifft, nur noch erkennbar am bunten Seidentuch seiner verschollenen Frau, das er Tag und Nacht am geschundenen Körper trägt.

Wie kommt ein 1968 geborener österreichischer Schriftsteller dazu, diese Geschichte zu erzählen? Vor allem, wie kommt er dazu, sie so zu erzählen, nämlich als vollständige Mimikry an den Geist und den Ton der Zeit? Alles, was wir heute wissen, lässt er weg. Es gibt nur die Hoffnung und die Ahnung, dass der Krieg zu Ende geht, nicht aber das historische Wissen, dass sich die militärische Niederlage des Deutschen Reiches seit 1942 abzeichnete und spätestens nach Stalingrad unabwendbar war. Arno Geiger ist gewiss der empathischste Schriftsteller seiner Generation. Und doch geht er in seinem neuen Roman noch einen Schritt weiter als sonst.

Man kennt den Ton, in dem hier erzählt wird, sonst nur aus Tagebüchern und Briefen

"Unter der Drachenwand" ist nicht die Geschichte seines 1926 geborenen Vaters, von dessen Leben und Alzheimer-Erkrankung er in "Der alte König in seinem Exil" erzählt. Aber Arno Geiger wird gewusst haben wollen, wie es sich anfühlt: als junger Mann in einem Lazarett, einer "Hintertür des Krieges", zu liegen und nicht zu wissen, wie das Leben weitergeht. August Geiger war damals neunzehn. Sein Sohn erfindet nun, in seinem fünfzigsten Lebensjahr, eine Dokumentarfiktion, in der er mit Haut und Haar in einen Kriegsversehrten schlüpft.

Dieser Roman, der ein wenig zottelig daherkommt und jede Art von Perfektion programmatisch ablehnt, ist mit Sorgfalt konstruiert. Doch sind seine Kunstmittel versteckt. Was zunächst nach einem altertümlichen, an Wolfgang Borchert und Heinrich Böll erinnernden Stil klingt, verdankt sich der Beschränkung auf die Gegenstände und den Erlebnishorizont der Zeit. Der eigentliche Kunstgriff aber besteht im intimen Ton des in der Vergangenheitsform erzählten Romans. Man kennt diesen Ton, an dessen Nachdenklichkeit noch die Nähe des Erlebens hängt, sonst nur aus Tagebüchern und Briefen. Wenn Arno Geiger seinen fiktiven Figuren in einer Nachbemerkung eine scheinbar reale Biografie verleiht, dann verstärkt er diesen Effekt.

Das (erfundene) Leben beglaubigt, was uns die Archive erzählen: dass der Krieg nur aus der Ferne eine interessante Angelegenheit ist, aus der Nähe aber aus Schmutz, Angst und Tod besteht. "Unter der Drachenwand" ist ein großer Schritt im Werk Arno Geigers und eine gültige Meditation über die Absurdität des Krieges: "seltsam, man nimmt geduldig an einem Ereignis teil, das einen töten will". Kein Wunder, dass so viele davor fliehen.

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