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Argentinische Literatur:Das Verlorene ausgraben

Wo in Südamerika liegt Argentinien? Beim Festival der argentinischen Literatur im Literaturhaus Zürich zeigten die Autoren mit Witz und Mut zur Abstraktion, wie vielfältig die Literatur ihres Landes ist.

Der chilenische Autor Roberto Bolaño schrieb nicht nur monumentale Romane wie "2666", mit denen er die Literatur ins 21. Jahrhundert katapultierte, sondern auch schrullige und immer ein wenig auf Krawall gebürstete Kurzessays. Über die argentinische Literatur, die am Wochenende vom Literaturhaus Zürich mit einem dreitägigen Festival beehrt wurde, liest man da: "Wenn Arlt der Keller des Hauses ist, das die argentinische Literatur verkörpert, und Soriano eine Blumenvase im Gästezimmer, dann ist Lamborghini ein kleines Kästchen, das auf einem Wandschrank im Keller abgestellt wurde."

Wer den gut besuchten Lesungen, Diskussionen, Performances und Workshops in Zürich beiwohnte, kam schnell zur Überzeugung, dass es sich bei der aktuellen Literaturproduktion des Landes um eine weitaus komplexere architektonische Formation handeln müsse. Die Autorenauswahl vermittelte ein imposantes Bild der Qualität und Diversität der argentinischen Literatur - und das, obwohl einige große Namen wie Sergio Chejfec, Pola Oloixarac oder César Aira fehlten. Die kuratorische Entscheidung für ein straff organisiertes, überschaubares Programm ging auf, auch deshalb, weil die Autoren bei den meisten Veranstaltungen ihrer Kollegen anwesend waren und das Festival durch permanente Querverweise kurzerhand zum Literaturkongress umprogrammierten.

Während Literaturlesungen oft dazu neigen, den Zuhörer mit Inhaltsangaben und humanistischer Erziehungsarbeit zu quälen, dachten die Autoren hier gemeinsam mit viel Witz und Mut zur Abstraktion auf eine Weise über Literatur nach, die Bolaños definitorischer Akrobatik in nichts nachstand. So beschrieb Alan Pauls den Schriftsteller als wahnsinnigen Paläontologen, der in den Archiven nach Fossilien gräbt, mit denen er die Geschichte der Sinnlichkeiten rekonstruiert. In Pauls Romantrilogie über die 70er-Jahre, die Hochphase der Militärdiktatur in Argentinien, sind das allesamt Dinge mit der Tendenz, unwiederbringlich verloren zu gehen: die Tränen, die Haare, das Geld. Mit der Geschichte des Geldes, sagt Pauls vergnügt, wollte er einen pornografischen Roman schreiben, bei dem die Sexszenen durch Geldszenen ersetzt wurden.

Nach der Geschichte gräbt auch Leila Guerriero in ihrer Reportage "Knochenspuren". Die Journalistin und Autorin begleitet darin eine Gruppe von Anthropologiestudenten bei ihren selbstorganisierten Expeditionen auf der Suche nach den Überresten von Opfern der Militärdiktatur. Allzu oft ist die erinnerungspolitische Debatte in Lateinamerika bestimmt von europäischen Idealen des Andenkens und der individuellen Zeugenschaft. Bei Guerriero hingegen wird klar, dass die Vergangenheit erst einmal ausgegraben werden muss, bevor sie erinnert werden kann. Die konzise Beschreibung der Knochenarbeit ist durchsetzt von morbiden Bildern, die sich dem Leser ins Gedächtnis brennen, etwa wenn eine Forensikerin von ihrem Unvermögen erzählt, einen Schädelknochen in einem Plastiksack zu verschließen, aus Angst, er könne noch einmal ersticken.

Spätestens hier ahnt man, dass die spannendsten literarischen Vergegenwärtigungen der argentinischen Geschichte nicht beim Eintauchen einer Madeleine in den Mate-Tee entstehen. Nicht in die Tiefe der lockeren Erde, sondern in die Weite des argentinischen Hinterlands reist Selva Almada mit ihrem poetischen Kurzroman "Sengender Wind", dem ultimativen Geheimtipp des Festivals. Almadas lakonische Prosa hat wenig zu tun mit den ausschweifenden Sinnesfesten des magischen Realismus, der noch immer die Vermarktungsstrategien lateinamerikanischer Literatur in Europa und den USA dominiert.

Vielmehr steht sie in einer Reihe mit der Erforschung des kargen und entbehrungsreichen Lebens in den verlassenen Dörfern der Provinz, der rauen Literatur des Staubs und des ewigen Wartens, wie sie von Graciliano Ramos und Juan Rulfo etabliert wurde. Neben ihrem Roman stellt Almada auch ihr eigenwilliges Büchlein "Der Affe im Wasserwirbel" vor, periphere Notizen zu den Aufnahmen von Lucrecia Martels Film "Zama", der wiederum auf dem gleichnamigen Roman von Antonio di Benedetto beruht. Derlei kapriziöse Selbstbezüglichkeiten gehören spätestens seit Borges zum Markenzeichen argentinischer Literatur.

Wider Erwarten fällt aber der Name Borges während der gesamten Veranstaltung kein einziges Mal, wie Beatriz Sarlo, die Grande Dame der argentinischen Literaturwissenschaft, abschließend bemerkte. Sarlo, die mit ihren 76 Jahren wirkt wie eine kecke, altkluge Teenagerin, improvisierte als Epilog ein Kurzreferat der Lateinamerikanismen im zwanzigsten Jahrhundert: von Mariáteguis Indigenismus über die kubanische Revolution bis hin zum gescheiterten Neobolivarismus von Hugo Chavez.

Wie genau Lateinamerika und Argentinien ineinandergreifen, darüber herrschte am Ende rege Uneinigkeit. In Sarlos Texten über Reisen vom Amazonas bis zu den Falkland-Inseln steht dann aber vielleicht doch noch die von allen geteilte Einsicht geschrieben - dass es sich nämlich bei Lateinamerika nie um eine abgeschlossene Tatsache handeln kann, sondern immer nur um die Suche nach einem bestimmten Raum und einer bestimmten Zeit in der unbestimmten Zukunft.

© SZ vom 26.02.2019

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