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Architektur:Würfelspiele

Die "Experimenta" in Heilbronn ist um eine spektakuläre Kubuskonstruktion erweitert worden. Hier soll Wissen zeitgemäß vermittelt und Forscherdrang gestillt werden. Doch der Bau ist die Schau.

Die Tulpen stehen stramm. Ganz Heilbronn ist auf den Beinen, man richtet, zupft, harkt und begradigt allerorten. Üppig sprießen und gedeihen muss es, alles, was Blüten tragen kann, ist nun gefordert. Denn in wenigen Tagen eröffnet hier die Bundesgartenschau, da will die Weinstadt im Norden Baden-Württembergs natürlich herausgeputzt sein, dafür wässert alle Gärtnerkunst jetzt am Anschlag. Und trotz eines eisigen Märzwindes, der den Neckar aufwirbelt, liegt das Zwiebelmanagement auch erkennbar in den letzten Zügen: Es wird, bis auf das Buga-Maskottchen, eine überdimensionierte, magentapinke Gartenzwerg-Fehlpressung, auch wirklich prächtig.

Doch sorry, liebe Pflanzenfans, da hilft jetzt auch kein Düngen mehr, zur wahren Attraktion Heilbronns wird nicht mehr die zweifellos unkrautfreie Gartenschau am Neckarbogen. Das Highlight der Käthchenstadt befindet sich jetzt schon auf der Kraneninsel. Denn dort besucht man das "Science Center: Experimenta", das nach mehrjährigem Umbau nun um einen spektakulären Erweiterungsbau bereichert ist. Die Neu- und Wiedereröffnung dieser ambitionierten Wissenswelt findet am Wochenende statt.

Gleich neben dem trutzigen, historischen Klinkerbau, dem ehemaligen Hagenbucher Ölsaatenspeicher, hat das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton (Museum Brandhorst, München; Design Quartier, Hamburg; Museumsquartier, Venedig-Mestre) einen markanten, 18 000 Quadratmeter großen, 40 Meter hohen Kubuskörper an den Neckarstrand in der Innenstadt gesetzt. Er wirkt von außen, als habe ein spielender Gott seinen halbverdrehten Rubik-Würfel dort einfach fallengelassen.

Die Experimenta will Kindern beweisen, dass eine Welt ohne Display vor der Nase möglich ist

Das stimmt natürlich nicht ganz, denn der Heilbronner Kubus hat insgesamt sechs, nicht drei Lagen, wenn man den "Science Dome", seinen bis unmittelbar an den Neckar gesetzten Anbau, hinzunimmt. Man erreicht ihn über das Untergeschoss. Außerdem zeigt sich dieser Kantenwürfel kaum farbig, die Außenhaut des von der Dieter Schwarz Stiftung finanzierten Gebäudes gefällt sich in einer transparent-spiegelnden Glas-Stahl-Fachwerk-Konstruktion, die alle tragenden und stützenden Funktionen des Hauses übernimmt.

Der kantige Heilbronner Experimenta-Neubau am Ufer des Neckar.

(Foto: Roland Halbe/Experimenta)

In seinem Innern erschließt man die mit sechs Metern Raumhöhe sehr luftig gebauten Stockwerke über eine sich weitläufig windende Raumspirale, einen Parcours zum Himmel, an den die jeweiligen Themenwelten auf den Etagen an der Innenseite hufeisenförmig angeflanscht sind. Das ist wörtlich zu nehmen. Denn die unregelmäßig gezackten Ausstellungsareale, Räumlichkeiten und Versuchslabors, die auf den Etagen über die Spirale erreicht werden, sind tatsächlich zwischen den zentralen Gebäudekern mit den Aufzügen und die Außenkonstruktion aufgehängt worden. Wie ein Gebäude im Gebäude, in Heilbronn schwebt man in Wissen.

Das Logo der Experimenta, ein wie aus sich ringelnden Apfelschalen gelegtes "E", spiegelt übrigens diesen Spiral-Umlauf des Inneren wider. Im Gebäude verleitet er den Besucher, bei seinem Rundgang den Blick nicht nur auf die jeweiligen Ausstellungsthemen zu richten, sondern auch 360 Grad über das malerische Panorama Heilbronns mit all seinem gegenwärtigen Buga-Blühen schweifen zu lassen. Man ist also zugleich in einem Panoptikum wie in einer Forscherblase der Konzentration, der Blick ins Weite wie ins Innere der Welt ist hier ermöglicht.

Das ist auch so gewollt: Die Heilbronner Experimenta hat sich seit 2009 der Wissensvermittlung für jedes Lebensalter verschrieben, man will angesichts der immer größeren Verbreitung digitaler Technologien in allen Lebensbereichen, der aufkommenden künstlichen Intelligenz, dem komplexer werdenden Wissen in Naturwissenschaft und Technik, den damit einhergehenden Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft, eine möglichst umfassende Orientierungshilfe bieten. Man will authentische Erfahrungen ermöglichen, ein außerschulischer Lernort sein und überhaupt zum Nachdenken anregen über jenen crazy Stoff, aus dem wir Menschen gemacht sind. Wenn also der Geschäftsführer der Experimenta, Wolfgang Hansch, sagt, dass seine Institution versuche, die globalen "Veränderungen positiv, mit Neugierde und humanistischen Wertvorstellungen anzunehmen", dann ist das mal keine der typischen Geschäftsführerfloskeln, sondern ein Programm, das sich eben nicht nur in der Konzeption der 275 Mitmach- und Experimentierstationen der neuen Erlebniswelten wiederfindet, sondern auch in der nachhaltigen, energieeffizienten Bauweise des neuen Würfels.

Ein Blick ins Innere des neuen Anbaus mit den eingehängten Laborkörpern.

(Foto: Roland Halbe/Experimenta)

Schulklassen sollen also nun in den Labors des renovierten Altbaus außerschulische Möglichkeiten zum Experimentieren finden. Unter Experiment wird hier alles vom Kochen und Musiksamplen bis zum Filmeschneiden und Programmieren verstanden. So will der kantige Prachtbau die Welt des Denkens und Erfahrens in den Erlebniskokons "Stoffwechsel", "Kopfsachen" und "Weltblick" aufbereiten. Will schon Kleinkindern beweisen, dass eine Welt ohne Display vor der Nase möglich und nicht sinnlos ist. Und wenn sie dann nur mitnehmen, dass sie die Dinge um sie herum, die Welt, die uns umgibt, selber verändern und neu gestalten können, dann ist das schon die halbe Kubusmiete.

In den "Science Dome" des Untergeschosses hat "Kraftwerk Living Technologies" aus Wels in Österreich allerdings eine multimediale Überwältigungsmaschine in totalem Surround mit 700-Quadratmeter-Kuppelscreen, einer Wind- und Wetteranlage, Wasservorhang und sowieso Laserbeams gebaut, bei der selbst deutsche Stadttheater vor Neid erblassen. Der Zuschauerraum dreht sich, eine 100-Quadratmeter-Theaterbühne ist tatsächlich bespielbar, während gleichzeitig Film und Musik, Nebel und Licht unter der Kuppel tanzen. Immersion, wo ist dein Stachel?

Sehr, sehr viel ruhiger geht es dann auf dem Dachgeschoss zu, hier stehen vier Teleskope unter einer völlig versenkbaren Kuppel, die nach dem inszenierten Planetariums-Overkill des "Domes" den authentischen Blick zu den Sternen ermöglichen.

Heilbronn hat mit der neuen Experimenta nicht nur einen mutigen Schritt in Richtung zeitgemäßer Wissensvermittlung getan und mit dem Neubau ein Stück unmittelbar gegenwärtiger Architektur realisiert. Ausstellungskonzeption wie Bau belegen auch, dass außerschulische Wissensvermittlung zwar Eventcharakter annehmen kann, aber nicht muss, wenn es darum geht, etwas über die Welt zu erfahren, in der Etagenflure auch wie kringelige Apfelschalen arrangiert werden können.