bedeckt München
vgwortpixel

Architektur:Von Regelmaß und maßloser Regelung

Bauordnungen sind zu dicken Bibeln angewachsen: Eine Wiener Ausstellung zeigt, dass Form heute höchstens noch der Luft folgt, den ihr die Gesetze lassen.

Zum Beispiel die Treppen. Die einen fallen so steil ab, dass man fast todesmutig sein muss, um sie hinabzusteigen - zumal als Nordeuropäer mit etwas größeren Füßen, denn diese passen nur quer gestellt auf die schmalen Stufen. Das Geländer dazu ist eher minimalistische Zierde als tatsächliche Hilfe, der Abstieg gleicht einem Balanceakt. Wenn es nach oben geht, wird es anstrengend. Das Gegenteil davon: Sanft ansteigende breite Stufen, wo selbst ein sehr großer Mensch mühelos Tritt findet und ein sehr kleiner an den doppelten Handläufen Halt. Nur schön sind die eher weniger.

"Das ist Österreich, man spürt das förmlich", sagt Martina Frühwirth zum zweiten Beispiel, dem Modell eines prototypischen Stiegenhauses aus ihrem Land. Frühwirth hat zusammen mit Karoline Mayer und Katharina Ritter die Ausstellung "Form folgt Paragraph" im Architekturzentrum Wien kuratiert. Es ist eine so kluge wie wichtige Schau, denn sie zeigt, wie das intuitiv Wahrgenommene in der Architektur von all den Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien und Normen nicht nur abhängt, sondern von diesen geradezu plastisch geformt wird. Die Neigung des Daches eines Wiener Einfamilienhauses genauso wie der Kleinkinderspielplatz, die Erdgeschosszone im Sozialbau oder der Supermarkt. Die Kuratorinnen fördern sozusagen das Raster zutage, auf dem alles Gebaute heute fußt.

Die Ausstellung kommt damit zur rechten Zeit. Denn kaum eine Architekturdebatte, egal ob in Österreich, Deutschland oder der Schweiz, in dem nicht die schiere Masse an Baugesetzen und Verordnungen beklagt und für so gut wie alles verantwortlich gemacht wird, was in der Branche gerade so falsch läuft: explodierende Baukosten, lähmende Gerichtsprozesse, fehlende Kreativität. Und es stimmt ja auch. Das Regelwerk wird immer dichter und damit undurchschaubarer und zäher. Gab es in Deutschland 1995 etwa 5000 Baunormen, sind es aktuell 20 000. Aus dem dünnen Heftchen der österreichischen Bauordnung von 1829 ist heute ein schwerer Wälzer geworden. Wie Deutschland kennt Österreich unterschiedliche Bauordnungen - für jedes der neun Bundesländer eine eigene. Doch wer nun in der Ausstellung eine reine Klageschrift gegen das Regelwerk beim Bauen vermutet, die zur Abrüstung aufruft, liegt falsch. Und das ist gut so.

1995 gab es in Deutschland etwa 5000 Baunormen. Aktuell sind es 20 000

Das zeigt etwa der Brandschutz. Der ist in Österreich besonders streng. Warum? Weil sich im kollektiven Bewusstsein der "Ringtheaterbrand" 1881 mit etwa 400 Toten nicht nur sprichwörtlich eingebrannt hat, sondern aus dieser Tragödie Lehren für die Brandschutzbestimmungen gezogen wurden, die bis heute gelten. Den "Eisernen Vorhang", der Bühne und Zuschauerraum trennt und bei Feuer blitzschnell heruntergelassen werden kann, gibt es erst seit dem Brand in Wien. Außerdem dürfen Türen nicht mehr nach innen aufgehen, was im Ringtheater die Menschen an ihrer Flucht vor dem Feuer gehindert hat. Meist sind genau so Gesetze entstanden: Eine Katastrophe machte Missstände klar, die dann durch eine Vorgabe behoben werden sollten. (Dass solche Missstände manchmal nur noch wenig mit der Gegenwart zu tun haben, ist ein anderes Thema.)

Wie ein strenger Brandschutz bis heute Leben retten kann, beziehungsweise ein laxer die Ausmaße des Unglücks noch vergrößert, zeigt der Vergleich zwischen dem österreichischen und dem britischen Bandschutz anhand eines fiktiven Grenfell Towers. Der echte brannte im Juni 2017 im Westen Londons fast vollständig aus, 79 Menschen starben. In Österreich wäre die Tragödie in diesem Ausmaß nicht möglich gewesen. Erstens weil es ein zweites Treppenhaus hätte geben müssen und zweitens, weil ein derart brennbares Fassadenmaterial nicht bei einem Hochhaus zum Einsatz hätte kommen dürfen. In Großbritannien dagegen könnte ein Hochhaus wie der Grenfell Tower trotz des Unglücks bis heute immer noch gebaut werden.

Geradezu zynisch wirkt der Hintergrund für diese Rechtslage: Unter Margaret Thatcher wurde der öffentliche soziale Wohnungsbau eingestellt und privatisiert. Man wollte auf neoliberale Weise den Wohnungsbau fördern und zwar indem man das Baugesetz entrümpelte. Die Auswirkungen davon zeigt der Brand des Grenfell Towers, der Sozialwohnungen beherbergte. Zudem können Baubehörden, die in England ebenfalls privatisiert wurden, Brandschutzgutachten gewissermaßen als Blankoschecks ausstellen. Der verantwortliche Bauträger muss dann nur unterschreiben, dass er sich daran hält - geprüft wird das nicht mehr. Verantwortungsbewusstsein sieht anders aus. Ein echter Brandschutz auch.

Das sind die Vorteile von strengen Gesetzen. Die Ausstellung macht aber auch klar, wo ein Abrüsten Not täte. Etwa, wenn man, wie in Deutschland auch, Wohnen und Arbeiten wieder näher zusammenbringen will, was Voraussetzung für ein lebendiges Quartier ist, aber in Wien zum Beispiel nicht einmal eine Bäckerei im 1. Bezirk backen darf, weil der Geruch des Brotes unter "Luftverschmutzung" fällt. Oder wenn der Brandschutz der Barrierefreiheit widerspricht, weil ersteres eine Tür fordert, die mit einem Kraftaufwand von 30 Newton zu öffnen ist, letzteres aber nur 25 Newton zulässt. Oder weil die Kinderspielplätze zu Orten der Eintönigkeit verkommen, weil die Sicherheitsauflagen so hoch sind, dass nur noch wenige Firmen dieser Überregulierung mit den immer gleichen Anlagen Herr werden. Das Interessante dabei: Obwohl die Spielplätze damit so sicher wie noch nie waren, schnellt seit 2013 die Zahl der Unfälle nach oben. Ein möglicher Grund dafür: die Smartphones der Eltern. Selbst der sicherste Spielplatz kann für ein Kind gefährlich werden, wenn keiner guckt.

So verschiebt sich beim Begriff Bauprozess der Sinn: von der Architektur in den Gerichtssaal

Die vielen Gesetze und Normen beim Bauen haben aber auch dazu geführt, dass kaum ein Architekturbüro mehr auf einen Anwalt verzichten kann. So erzählt der österreichische Architekt Rüdiger Lainer, der gerade in Wien das erste Holzhochhaus plant, in einem Video davon, wie er früher bei einem Projekt den Bauprozess in etwa 10 bis 15 Ordnern dokumentierte. Heute bräuchte er 80 bis 90 dafür. "Ein elementareres Vertrauen wäre gut", so Lainer. Man wolle den anderen ja nicht über den Tisch ziehen. Doch heute müsse man während des Bauens schon an den Gerichtsprozess denken. Einige Anwaltskanzleien haben sich darauf spezialisiert, in Verträgen Rechtslücken zu finden, die dann teure Nachverhandlungen möglich machen. So wird der Bauprozess zur Rechtsposse.

Obwohl es sich um Paragrafen handelt, schafft es die Ausstellung, das Regelgebirge anschaulich zu erklären, aber auch ohne Schaum vor dem Mund. Sie macht damit klar, wo weniger mehr wäre und viel Not tut, weil es schützt. Und sie zeigt Beispiele, die beweisen, dass Architekten eben doch nicht zum stupiden Nachformen der Norm gezwungen sind, wenn sie nur kreativ mit der Bauordnung umgehen. Adolf Loos hat das schon 1910 in Wien bei seinem mondänen Haus Steiner vorgeführt. Weil in dem Bezirk nur eine bestimmte Geschosshöhe erlaubt war, zog er das Dach einfach so weit nach unten - ähnlich einer extrem tief sitzenden Mütze -, dass es von der Straßenseite so aussah als hätte das Haus nur ein Stockwerk, tatsächlich waren es vier. Ganz ähnlich arbeitete jüngst das Wiener Architekturbüro caramel, als es auf einem Grundstück, das eigentlich zu klein für ein Einfamilienhaus war, ein mehrgeschossiges Gebäude errichtete, das sich wie eine tiefer gestellte Sonnenliege in den Garten eingräbt. Auch der Berliner Architekt Arno Brandlhuber meißelt manchmal seine Entwürfe geradezu aus den strikten Baugesetzen heraus, was sie zu skulpturalen Einzelstücken macht.

Die eingangs beschriebe Treppe übrigens stammt aus Japan. Ob es einen Zusammenhang gibt, zwischen den steilen Stufen und dem hohen Lebensalter der Menschen dort? Womöglich. Sicher ist nur, dass das Land nicht für seine Treppenstürze bekannt ist, dafür aber für seine schöne Form.

Form folgt Paragraph. Architekturzentrum Wien, bis 4. April 2018. Infos unter www.azw.at