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Architektur:Von den Alten lernen

Eine Ausstellung in München zeigt: Bayern kannte Wohnungsmangel schon früher. Aber damals fand es bessere Antworten.

Die Zahlen sind enorm. 1,9 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene brauchen eine Unterkunft. In einem Land, in dem Hunderttausende ihr Zuhause verloren haben. Die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg war allein in Bayern gewaltig. Und zwar über viele Jahre. Noch 1956 fehlten in Bayern 440 000 Wohnungen für eine Million Menschen.

In Zeiten, in denen in Deutschland wieder Wohnungsnot herrscht - nicht vergleichbar mit jener damals, aber doch so elementar, dass sie Sprengstoff für die Gesellschaft birgt -, lohnt es, daran zu erinnern, dass dieses Problem hierzulande nicht nur bekannt sein müsste, es wurde im vergangenen Jahrhundert auch schon gelöst. Zwar lassen sich die Strategien nicht einfach übertragen, dafür hat sich die Welt und wie gebaut wird, dann doch zu stark verändert. Aber es geht um die Haltung: Will der Staat, dass seine Bevölkerung, also alle, die hier leben, ein würdiges Zuhause haben? Dann muss er selbst dafür sorgen und darf es nicht dem Markt überlassen.

Wie einflussreich die öffentliche Hand im Wohnungsbau durch politische Maßnahmen tatsächlich sein kann, zeigt jetzt exemplarisch eine Ausstellung im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne, die sich mit dem Wohnungsbau in Bayern in dem vergangenen Jahrhundert beschäftigt. Der Auftrag dazu kam vom Bayerischen Staatsministerium des Inneren, für Bau und Verkehr anlässlich der Gründung des Freistaats vor 100 Jahren. Doch wie das Museum ihn ausführte, entschied es allein. Und wer in der von Hilde Strobl sorgfältig kuratierten Ausstellung genau hinschaut, erkennt in den sieben Kapiteln, in denen die unterschiedlichen Strategien im Wohnungsbau anhand von Plänen, Fotografien, alten Filmen, Diagrammen und Grafiken aufgefächert werden, durchaus auch Kritik an der aktuellen Politik.

Der Wohnungsbestand in Würzburg war nach dem Krieg zu 70 Prozent zerstört

Zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge. Deren Unterkünfte sind bis auf wenige Ausnahmen eines reichen Bundeslandes wie Bayern nicht würdig. Oft handelt es sich um notdürftig umfunktionierte Bürogebäude, Container oder ausrangierte Hotels, die noch dazu meist abgeschnitten vom öffentlichen Nahverkehr irgendwo in der Peripherie stehen. Die Botschaft dahinter ist klar: Dauerhaft sollen keine Flüchtlingen hier leben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Bayern ungleich mehr Menschen aufnehmen, folgte aber einer anderen Strategie. Egal, ob Flüchtlingsunterkunft oder Werkssiedlung, die Häuser sehen auf den Schwarzweiß-Fotos alle gleich aus. Es ist ein einfacher Wohnungsbau, der in Massen hochgezogen wurde. Für raffiniertere Lösungen fehlte die Zeit. Der Wohnbestand in Würzburg war zu gut 70 Prozent zerstört, der in Nürnberg zur Hälfte und in München zu 33 Prozent. Aber die Gleichbehandlung war ebenfalls eine Botschaft: Jeder sollte die Chance bekommen, sich heimisch zu fühlen. Diese Häuser zeigen, dass Bayern schon lange ein Einwanderungsland ist - wenn auch natürlich für Einwanderer aus ganz anderen Ländern als heutige Flüchtlinge.

Oder das Denken an die Allgemeinheit. Der CSU fällt zur Bekämpfung des Wohnraummangels kaum mehr ein, als dass sie einer ohnehin privilegierten Mittelschicht bei der Finanzierung ihres Eigenheims hilft. Damals hielt man jahrzehntelang am gemeinnützigen Wohnungsbau fest und realisierten ihn zusammen mit Genossenschaften oder städtischen Wohnungsbaugesellschaften.

Gerade die Genossenschaften, die in den Fünfzigern ihre Hochphase erlebten, halfen gegen die Wohnungsnot nach den Weltkriegen. Es ist kein Zufall, dass ihre Wohnungen heute gerade in teuren Städten wie München oder Regensburg für viele Menschen die Rettung sind, denn die Genossenschaften können etwas bieten, an dem die Privaten gar nicht interessiert sind: dauerhaft günstige Mieten.

Welche Chance auf eine gerechte Gesellschaft - denn darum geht es - die öffentliche Hand vergab, indem sie sich in den vergangenen drei Jahrzehnten konsequent vom Gemeinwohlgedanken verabschiedet hat, zeigt das Beispiel Wien: Mehr als die Hälfte aller Wiener leben zu bezahlbaren Mieten in Wohnungen der öffentlichen Hand. Die Stadt an der Donau hat seit den Zwanzigerjahren konsequent an den öffentlichen Wohnungsbau geglaubt. Die Gegenwart gibt ihr Recht. In Deutschland dagegen haben Skandale wie die Veruntreuungen beim Wohnungsunternehmen Neue Heimat den sozialen Wohnungsbau in Misskredit gebracht und die neoliberale Meinung, die Privaten könnten es besser, gestärkt. Großsiedlungen wie Neuperlach in München, Langwasser in Nürnberg oder Königswiesen in Regensburg gaben dem öffentlichen Bauherren den Rest: Er stand für Misswirtschaft, Korruption und unmenschliche Betongettos.

Es wäre an der Zeit, den Wohnungsbau wieder im Sinne des Gemeinwohls zu denken, wie die Ausstellung das in Beispielen vorführt. Etwa indem man die 1988 abgeschaffte Wohnungsgemeinnützigkeit wieder einführt und damit gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften unterstützt. Oder indem man die so genannte Hauszinssteuer von 1925 reaktiviert und auf diese Weise den öffentlichen Wohnungsbau subventioniert.

Vor allem aber wäre es sinnvoll, Häuser zu bauen, die den Bedürfnissen der gegenwärtigen Gesellschaft gerecht werden. Wohnungen, die zum Leben ihrer Mieter passen und die Menschen nicht in ein genormtes Korsett zwängen. Neubauten sollten einen Ort bereichern, statt ihn auszusaugen.

Bezahlbaren Wohnraum fordert mittlerweile jede Partei, die große Koalition ganz besonders. Damit dieser Wunsch auch glaubhaft ist, sollte die Regierung mehr dafür tun. Die Antwort auf die Wohnungsfrage ist der sichtbare Beweis, wie der Staat es mit seiner Gesellschaft hält.

Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918 - 2018, Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne. Bis 21. Mai. Infos: www.architekturmuseum.de