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Architektur:Nah am Wasser

If you are looking to save money, summer is a great time to

Das Hotel "L'Horizon" in Palm Springs.

(Foto: ddp images/Orange County Registe)

Palm Springs, 45 Grad. Wo ist menschliches Leben möglich? Nur am Pool. Wenige umrahmten die Wasserlöcher in der Wüste so meisterhaft wie der Architekt William F. Cody. Eine rührend private Ausstellung in Los Angeles würdigt ihn.

Jetzt im Sommer ist Nebensaison in Palm Springs, dem alten Wochenendziel von halb Hollywood: zu heiß, 45 Grad Celsius. Der einzige Ort, wo Leben möglich ist, wäre nun im oder am Wasser: Entweder man legt sich gleich auf den Boden des Swimmingpools wie Dustin Hoffman in "Die Reifeprüfung", oder man springt rein, um sich danach von der Wüstenluft die Feuchtigkeit von der Haut saugen zu lassen, weil das auf natürliche Weise kühlt. Aber was heißt unter solchen Umständen natürlich?

Pools in der Wüste sind eine frivole Widersinnigkeit, wenn auch eine sehr verlockende: blau vor sich hin schwappende Fata Morganen mit Liegestühlen drumherum. Und nur wenige haben das Umrahmen dieser trugbildhaften Rechtecke aus verkacheltem Wasser zu so einer Meisterschaft gebracht wie der Architekt William Cody, dessen erstes Hotel in Palm Springs heute noch in Betrieb ist.

Das Del Marcos Hotel von 1947 gruppiert seine Zimmer in zwei Etagen wie Umkleidekabinen um eine Badeanstalt. Nach außen zur Straßenecke hin präsentiert es sich mit zackig windschiefen, gleichzeitig sehr bonbonpastelligen Formen so, als hätten sich dafür die Bühnenbildner vom "Cabinet des Dr. Caligari" mit denen von Tatis "Mon Oncle" zusammengetan. Davor, garniert mit Palmen und Zierkakteen, das Namensschild des Hotels wie eine Tafel aus einem Filmvorspann. Einem Autofahrer, der hier nicht vom Gas geht, gehört der Führerschein entzogen. Es ist einer der Gründe, warum man William Cody gerne der Googie-Architektur zurechnet.

Mit der Googie-Architektur aber ist es so eine Sache, und dass heute fast jeder Google-Architektur versteht, macht es nicht einfacher. Dabei war Googie ja zunächst nur der Name eines Coffeeshops in Hollywood, dessen Gebäude der Architekt John Lautner 1949 entworfen hatte. Der war zwar ein Schüler Frank Lloyd Wrights, aber der Architekturkritiker Douglas Haskell machte Googie trotzdem zu einem Schimpfwort für die Art, wie sie in Los Angeles solche Coffeeshops mit grandios gespreizter Gestik an die Boulevards stellten.

Haskell wiederum saß eben im superrationalen New York, wo man generell mit Misstrauen auf die südkalifornische Gesamtzumutung aus Sonne, aufgeknöpften Hemdkragen und Glamour reagierte: alles ganz reizvoll, aber Tand, Lametta, Unvernunft. Den Ernst des Lebens - und der Künste - finde man hier nicht. Vor allem die hehre Askese der modernen Architektur schien unter dieser Sonne zu etwas zutiefst Gefall- und Vergnügungssüchtigem umgekocht worden zu sein.

Heute herrscht mehr Anerkennung für die Tatsache, dass die Funktionalität von Googie-Architektur mit ihren poppigen Zacken zuallererst darin besteht, von Autofahrern als Knalleffekt im Brei der Stadt wahrgenommen zu werden, sie funktionieren als visuelle Orientierungspunkte. Insofern ist Googie nicht so weit weg von Google: Diese Gebäude sind suchmaschinenoptimierte Sites für das streifende Auge.

Wenn man hingegen William Cody googelt, findet man so gut wie nichts zu ihm, aber dafür alles zu Buffalo Bill, weil der mit bürgerlichem Namen auch so hieß. Der Architekt William Cody ist eher ein Fall für die vielen Fotobildbände, die den Sinatra-seligen Midcentury Modernism von Palm Springs feiern. Da geht es um den Mythos einer Architektur, die scheinbar einzig um die Frage kreiste, ob es entscheidender ist, Flüssigkeiten in die Menschen oder Menschen in die Flüssigkeiten zu bringen. Dies brachte einen Ergötzungsfunktionalismus hervor, der Bar und Pool strukturell miteinander kurzschloss und alles, was im weiteren Verlauf der Nacht daraus folgen mochte, der Fantasie und dem privateren Raumprogramm anheimstellte.

Er schuf soziale Festarchitektur für die amerikanische Nachkriegs-Hautevolee

Man kommt dabei um William Cody gar nicht herum, denn der hat in Palm Springs gebaut wie kein Zweiter, er war der Architekt so vieler Hotels und Country Clubs, dass man wahrscheinlich ein Jahr gebraucht hätte, um wenigstens einmal in jeden seiner Pools gesprungen zu sein. Der entschlossene Hedonismus dieser Bauaufgaben hat den Mann immer ein wenig durch die Raster einer Geschichtsschreibung rutschen lassen, die neben skulpturalen Eigenheimen eher gravitätische Sozialbauten, Bibliotheken und Kirchen schätzt. Eine Kirche hat Cody in Palm Springs zwar kurz vor seinem Tod auch noch gebaut, Santa Theresa, katholisch; allerdings so, dass die Patres ihre Außenwände als Halfpipe an Skateboarder vermieten könnten.

Es ist insofern ein Geschenk und eine Pioniertat, dass das kleine Architecture and Design Museum in Downtown Los Angeles diesen Sommer das Gesamtwerk dieses Mannes aufblättert. Die Kuratoren kombinieren jeweils den Entwurf und dann den fertigen Bau in seiner Spiegelung durch die Architekturzeitschriften und Gesellschaftsmagazine, weil sich darin seine eigentliche Funktionalität erweist. Letztlich ist das, was Cody errichtet hat, soziale Festarchitektur für die amerikanische Nachkriegs-Hautevolee. Wir mögen uns heute lieber mit der erhabenen Kunst eines Eigenbrötlers wie Louis Kahn befassen, aber man könnte die These wagen, dass einer wie Cody der signifikantere Architekt für sein Land und seine Epoche war, ein Gesellschaftsarchitekt in jedem möglichen Sinn des Wortes.

Cody war gewissermaßen ein amerikanischer Isolationist, der erst 1962 auf seine erste Europareise ging, da war er 43. Er hatte das, was die Amerikaner als "family values" schätzen: Das Zeichnen und das Entwerfen hatte er bei seiner Mutter gelernt, die nach dem Umzug der Familie von Dayton in Ohio nach Los Angeles ihre Wohnhäuser selber entwarf, er machte seinen Bruder zu seinem Büropartner.

Und dass sein Fach die Vergnügungsbauten waren, heißt nicht, dass Cody nicht ernst zu nehmende Kunst geschaffen hätte: Frank Lloyd Wrights Projekt einer "Broadacre City" wurde in den Fünfzigerjahren noch viel diskutiert, die Vision eines Lebens in den Weiten einer flach bebauten Endlosigkeit, die Verwandlung der amerikanischen Weite zur Selbstversorger-Suburbia. Codys Entwürfe sehen aus wie die Country Clubs für die Wochenenden in Wrights Utopia.

Codys Präsentationsdarstellungen, heute würde man sagen Renderings, gehören eigentlich eher in die Tradition der amerikanischen Landschaftsmalerei als in die Sparte Architekturzeichnung, inzwischen werden auf Auktionen entsprechende Preise dafür gezahlt. Immer eine Riesennatur, glühende Himmel - und um ein Wasserloch ein paar flache Bungalows. Die scheinbar mikadoartigen Verteilungen der Baukörper lassen manchmal an die Splitterschlachten des Dekonstruktivismus der Achtziger denken, gleichzeitig sind sie meistens das Ergebnis eines Ausbalancierens von legerer Offenheit und dem Wunsch nach Privatheit, was anders als in der politisierenden Rhetorik der Architekturbiennalen von heute damals nicht als böser Widerspruch wahrgenommen wurde - sondern als ein durchaus reizvoller.

Als der Filmmogul Jack Wrather von Cody ein Wochenendhaus mit Gästebungalows für seine Hollywood-Freunde wollte, kombinierte Cody so lange, bis alle Bauten einerseits zwanglos wie Partygäste um den Pool herumstanden, gleichzeitig aber für einander uneinsehbar waren und jeweils einen unverbauten Blick vom Schlafzimmer auf die Berge hatten. Heute ist die Anlage unter dem Namen L'Horizon zu Recht das exklusivste Hotel der Stadt.

Seine Werke wurden mit extradünnen Stützen berühmt, er selbst aber immer breiter

Architektur, so wird Cody in einer Zeitschrift zitiert, sei die Schaffung einer Umgebung innerhalb der Grenzen des Raums. Ein kreatives Denken solle die Ära reflektieren, die Epoche des größten Wohlstands in der Geschichte. Warnen wollte er vor den "Eingriffen" seitens der Ämter in die kreative Freiheit. Das ist das, was bei Cody einer Theorie seiner Profession am nächsten kommt, und es klingt, als hätten sich die Kapitalismus-Sirene Ayn Rand, die Kulturpropagandisten des CIA und die Planungskommission von Palm Springs zusammengetan, in der Cody praktischerweise das Wort führte. Aber es ist konsistent.

Aus den vielen Architektur- und Gesellschaftsmagazinen, die hier in den Vitrinen liegen, geht nämlich auch hervor, dass Cody selbst ein begeisterter Nutzer der Welt war, an der baute. Man sieht ihn im Smoking breit grinsend neben Society-Ladys, man sieht ihn breit ausschreitend neben seiner umfassend in ein totes Pelztier gewickelten Gattin; man sieht ihn überhaupt immer breiter werden, was einen heiklen Kontrast ergibt zu den extradünnen Stützen, mit denen er so berühmt war, vielleicht weil sie die Ästhetik der Palmen in die Architektur übertrugen.

Aber auch darin spiegelt William Cody eigentlich nur, wie diese feine, filigrane Fünfzigerjahre-Architektur irgendwann nicht mehr zu der immer brummiger werdenden Wohlstandsgesellschaft passte; die Amerikaner wuchsen da mit den Jahren regelrecht hinaus. Eines der letzten Fotos in dieser fast anrührend privaten Ausstellung zeigt ihn in den Siebzigerjahren, kurz bevor er starb. Er steht da mit einem offenen Hemd, das aussieht wie ein starkfarbiger Wohnwagen-Türvorhang, er trägt Badehose, hat einen Bauch wie eine Basstrommel und Haare wie frisch nach einem Tauchgang. Es ist die Zeit, als es für ambitionierte Architekten üblich geworden war, sich auf Fotos zu inszenieren, als hätten sie gerade einen Trauerfall zu verarbeiten. Cody mit seinen nassen Haaren lacht und scheint mit keinem tauschen zu wollen.

Fast Forward. The Architecture of William F. Cody. Architecture and Design Museum Los Angeles. Bis 25. September, kein Katalog.

© SZ vom 24.08.2016

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